Das Ethikparadox beschreibt eine Hemmung der Persönlichkeitsentwicklung durch Erlernen ethischer Scheininhalte, die die Suche nach überzeugenden Inhalten überflüssig macht.
| Ethischer Aspekt | durch die Tradition vermittelter Scheininhalt | Verlorener spiritueller Inhalt |
| Heilsgewissheit | Wahn: Beim Zustandekommen der Heilsgewissheit spielt in der traditionell-bibeltreuen Theologie häufig die Fähigkeit, angstmachende Bibelstellen zu verdrängen (Optimismus) sowie der Glaube an „vollmächtige Absolution“ durch Leitfiguren eine entscheidende Rolle. Gründliche Bibelkenntnis und Selbsterkenntnis kann jedoch zu einem Schrumpfen der Heilsgewissheit führen. Umstritten ist, ob das Heil durch Gewohnheitssünden („mutwillige Sünde“ Hebr 10,26 / „Sünde zum Tode“ 1Joh 5,20) unwiderruflich verlorengehen kann. Insbesondere durch den Hebräerbrief, der tiefstes Bedauern (Hebr 12,17) oder tätige Reue und den nachträglichen Entschluss zum Gottvertrauen (Hebr 3,18-19, s. dazu 4Mo 14,22 ff) als irrelevant für die Errettung einstuft, bleiben bei manchen Gläubigen erhebliche Zweifel. Eine zuverlässige Klärung setzt Vertrautsein mit dem Charakter Gottes voraus, die seine Entscheidungen vorhersehbar machen könnte. Ist eine solche Vorhersehbarkeit infolge der Irrtumslosigkeitsdoktrin, die Gott als teils liebevoll, teils mit unendlicher Grausamkeit strafend darstellt, überhaupt möglich? Die bibeltreue Tradition sagt: Ja! Doch woher soll diese Gewissheit kommen? Diese Behauptung wird vor allem von Gläubigen akzeptiert, die angstmachende, entgegenstehende Bibelstellen verdrängen können. Gläubige, denen es überwiegend gut ergangen ist im Leben, können den nötigen Optimismus bilden. Für Gläubige, die im Leid festhängen, können es oft nicht. Das Leid dieser Menschen, das in der Psychiatrie allenfalls notdürftig gemildert werden kann, wird in der bibeltreuen Gemeinschaft oft tabuisiert. Ein gewisses Gegengewicht zur Angst vor der Hölle versucht man durch das christliche Bekenntnis vor Andersgläubigen herzustellen. Das Bekennen des christlichen Glaubens vor der Welt soll „rettende“ Wirkung haben. (Röm 10,9). Durch diese Behauptung, die andernorts wieder relativiert und in Frage gestellt wird (Mt 7,21) wird indes der Informationswert des christlichen Zeugnisses weitgehend aufgelöst. (siehe: fromme Gruppendynamik) | Wahr: Erst wenn eine Distanzierung vom „tötenden Buchstaben“ (1Kor 3,6b) möglich ist (Bibelverständnisse, „Bibelbrillen“), kann der Gläubige die Vorstellung eines Gottes bilden, dessen vertrauenswürdiger Charakter nicht durch destruktiv wirkende Aussagen relativiert wird. Durch eigenes Bemühen um Barmherzigkeit kann er eine tiefe Verbundenheit mit seinem Vater im Himmel herstellen (Mt 5,7), ihn immer besser verstehen und spirituelles Urteilsvermögen entwickeln (1Kor 2,15). Aufrichtige barmherzige Liebe ist das authentische Zeugnis für die Gegenwart und Kraft des heiligen Geistes. Demgegenüber wirkt das bloße Nachsprechen christlicher Dogmatik („Bekenntnis“) mit dem Motiv, die Angst vor göttlicher Ungnade zu mildern, als religiöse Variante der Käuflichkeit sowie als unaufrichtige Selbstdarstellung, da die unsaubere Motivation verschwiegen wird.. |
| Selbsterkenntnis | Wahn: wird in erster Linie und in übertriebener Weise auf den Bereich der Sexualität sowie auf die negativen Affekte (Unfreundlichkeit, Zanksucht, Neid) konzentriert. Selbsterkenntnis wird häufig überbetont im Bereich der Sexualität sowie bei negativen Affekten (Unfreundlichkeit, Zanksucht, Neid). Dadurch spielt das Schuld- und Schamgefühl eine zentrale Rolle bei der Identifizierung von Sünde. Bisweilen wird dieses Gefühl sogar als „Stimme Gottes“ gedeutet. Bei schädlichen Verhaltensweisen, die die Tradition erlaubt, jedoch kein Schuldgefühl — und sie werden daher nicht als Sünde erkannt. Wird die Verheißung eines neuen Herzens (Hes 36,26) durch das Übergabegebet als erfüllt betrachtet, so liegt der Fehlschluss nahe, dass man sich weitere Selbstprüfung weitgehend sparen könne. Diese Selbstprüfung kann ohnehin nur in eingeschränktem Maße stattfinden, wenn Bevormundung, und Manipulation zur Absicherung des „Glaubens“ notwendig erscheinen. Die Sorge um das Image der Gemeinde erzwingt ebenfalls eine Einschränkung der Selbsterkenntnis. Auch haben Gläubige große Mühe, das Unterlassen der Aufklärung über Gefahrenquellen in der Theologie und die Gleichgültigkeit gegenüber angerichteten seelischen Schäden als schuldhaft wahrzunehmen. | Wahr: Die Verheißung eines neuen Herzens ist allenfalls das unfertige „Saatkorn“ einer neuen Gesinnung. Es macht die ehrliche Selbstprüfung nicht überflüssig. Nicht erlernte Schuldgefühle zeigen schädliches Verhalten zuverlässig an, sondern nur der Maßstab Jesu „Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit“ (Mt 23,23). Je mehr der Gläubige dazu neigt unerwünschte Informationen zu verdrängen, desto sparsamer wird die Bildung von Selbsterkenntnis sein. Da die Bibel enorme Kräfte freisetzen kann, ist der Schutz schwacher und sensibler Mitchristen und die Aufklärung über eventuelle Gefahren besonders wichtig (1Kor 12,26), damit sie destruktive, traumatisierende Prägungen vermeiden können: „Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht“ (Hes 34,4). Die Bewahrung des Image der Gemeinde fällt demgegenüber nicht ins Gewicht. Manipulative, bevormundende Praktiken zur Sicherung des eigenen Einflusses widersprechen den Grundsätzen Jesu (Mt 23,23) und schaden und der Glaubwürdigkeit der Gemeinde. |
| Demut | Wahn: Unter Demut wird der Verzicht auf den Gebrauch des Verstandes in Glaubensdingen und die „kindliche“, kritiklose Nachahmung der in der eigenen Glaubensgemeinschaft vorgefundenen Auslegungstradition verstanden. Es ist in bibeltreuen Kreisen üblich, seine geistliche Autorität durch Gebrauch theologischer Titel oder ersatzweise durch ein langes Studium zu betonen. Studierte Hauptamtliche sehen Gemeindemitglieder häufig als zu Betreuende, deren Streben nach geistlicher Mündigkeit nicht ernst genommen wird. Theologische Bevormundung ist vielerorts Standard. Der Anspruch, die eigene Frömmigkeit in Nichtchristen oder in Glaubensanfänger „hineinkopieren“ zu dürfen, erzeugt nicht selten ein ein Gefühl geistlicher Überlegenheit. | Wahr: „Seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Bosheit geht; im Verstehen aber seid erwachsen!“ (1Kor 14,20) „Glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind“ (1Joh 4,1) Erwachsenes Denken versucht die Gesetzmäßigkeiten der Seele und der frommen Gruppe (Gruppendynamik) zu erfassen, um sie von geistlichen Impulsen unterscheiden zu können. Diese anstrengende gedankliche Arbeit, die ohne Interesse für die persönliche Geschichte des anderen gar nicht durchführbar ist, fördert eine bescheidene Selbsteinschätzung. Sie fördert die Erkenntnis, dass der Wortlaut biblischer Texte ohne Inspiration leicht missverstanden und destruktiv angewendet werden kann (1Kor 3,6b). Inspiration ist ein unverdienbares Geschenk Gottes, das jederzeit versagt werden kann. Spirituelle Autorität entsteht nicht durch die Anhäufung von Bücherwissen. |
| Wahrheitsliebe | Wahn: beschränkt sich oft auf den privaten Bereich. Übertreibung, Verharmlosung, Verkünden von Halbwahrheiten, fromme Phantastereien und Ausnutzen der Unkenntnis der Hörer sowie das Übertreiben von Wunderberichten zur Anwerbung oder „Glaubensstärkung“ (siehe „fromme Gruppendynamik„), werden häufig nicht als problematisch wahrgenommen. | Wahr: Liebe ohne Wahrhaftigkeit ist nicht lebensfähig. Der Gläubige kann darauf vertrauen, dass Gott den Glauben bewahrt — und deshalb auch in der Bibellehre die ganze Wahrheit sagen kann und muss. Der Glaube bleibt unzerstörbar, solange der Gläubige an den Heilstatsachen festhält. Der Gläubige ist zu ehrlicher Augenzeugenschaft verpflichtet. Es ist eine Verfehlung, für den Glauben wider besseres Wissen zu reden. Der Heilige Geist kann jeden Gläubigen in alle Wahrheit leiten — und sollte nicht durch Theologen bevormundet werden. Jeder Gläubige hat das Recht (1Kor 2,15), Stärken und Schwächen konkurrierender Sichtweisen zu prüfen (1Thess 5,17). Kein Gläubiger hat das Recht, eine Art päpstliche Autorität auszuüben oder andere durch Entzug von Wertschätzung zur Übernahme der eigenen Sichtweise zu zwingen. |
| Treue | Wahn: Treue wird oft als blindes Nachsprechen der Irrtumslosigkeitsdoktrin verstanden — als „Opfer von Verstand und Gewissen“, das als Zeichen göttlicher Erwählung gilt. | Wahr: Treue bedeutet Vertrauen in die kompromisslose und ewige Gültigkeit der Axiome Liebe und Wahrheit, die Gottes tatsächlichen Charakter widerspiegeln und die zuverlässigste Basis einer Beurteilung im Sinne Jesu sind (1Kor 2,15-16). |
| Gehorsam | Wahn: Gehorsam richtet sich oft ausschließlich nach dem Buchstaben der Bibel. Ausnahmen — insbesondere Verhaltensweisen, die den Forderungen Jesu widersprechen — gelten als erlaubt, wenn die Tradition sie duldet. Dazu gehört insbesondere die Toleranz gegenüber unfairer Manipulation und Machtmissbrauch. In früheren Zeiten wurden die Haltung von Sklaven, die Benachteiligung der Frauen, die Verfolgung vermeintlicher „Hexen“ von tiefgläubigen Christen als mit christlicher Ethik vereinbar angesehen. Weit verbreitet ist auch die Ansicht, der Gläubige sei zum Bekenntnis für Christus verpflichtet, selbst wenn es zu Folter oder Hinrichtung führen sollte — andernfalls drohe ewige Höllenstrafe. (siehe Beitrag „Frommer Heldenwahn„) |
Wahr: Der Buchstabe hat eine vorläufige Bedeutung. „Der Mensch ist nicht für den Sabbat gemacht, sondern der Sabbat für den Menschen“ (Mk 2,27) Der Gläubige hat also danach zu fragen, wie auf den Impuls des Buchstabens so reagiert werden kann, dass das Ergebnis im Einklang mit Liebe und Wahrheit steht. Dazu ist Urteilsvermögen, Lernen aus der Geschichte des einzelnen und der Gemeinde und der Gebrauch des Verstandes nötig. Kindisches Denken ist bequem, lähmt die Selbstreflexion und ist Ungehorsam (1Kor 14,20)! |
| Opferbereitschaft | Wahn: Opferbereitschaft wird oft durch die Abgabe des Zehnten erfüllt gesehen, weil Jesus den Pharisäern gesagt hatte, die Abgabe des Zehnten „solle nicht unterlassen“ werden. (Mt 23,23b) | Wahr: Als Jesus dies sagte, war die christliche Urgemeinde noch nicht entstanden. Mit ihrer Entstehung aber gilt der Grundsatz: „wenn ein Glied des Leibes leidet, leiden die anderen mit“ (1Kor 12,26). Wie kann es sein, das in einem Teil der Welt Christen hungern und ihre Töchter aus Geldnot in die Prostitution verlaufen müssen, während in einem anderen Erdteil Christen von einem hohen Einkommen den Zehnten geben und mit dem Rest ein Luxusleben führen? Wäre es nicht angebracht, Gläubige immer wieder auf den Segen einer bescheidenen Lebensführung aufmerksam zu machen (Mt 25,34)? |
| Selbstlosigkeit | Wahn: Schon geringes Engagement in der Gemeinde kann den Eindruck eines hohen ethischen Niveaus erzeugen, sodass das Wegschauen bei religiösem Missbrauch und Werkgerechtigkeit kaum noch als verwerflich wahrgenommen wird. | Wahr: Duldung von religiösem Missbrauch und Kompromisse mit Werkgerechtigkeit sind schwerwiegende Verfehlungen, die durch karitatives Engagement nicht kompensiert werden können. Beides entbindet nicht von der Pflicht, auf schädliche Nebenwirkungen der hauseigenen Theologie zu achten und Inhalte entsprechend zu korrigieren. |
| Reinheit | Wahn: Reinheit wird oft ausschließlich auf Sexualität bezogen — bis hin zu exzessiven Formen (Gedankenkontrolle, Masturbationsverbot), die den Sexualtrieb zur Dauerbelastung machen. Die Duldung unsauberer Motive sowie die Prägung der Seele durch übergriffige, unehrliche Theologie, wird dagegen kaum als verunreinigend wahrgenommen. Insbesondere die durch destruktive Bibeltexte begünstigte Werkgerechtigkeit, die Beschädigung von Urteilsvermögen und Empathie durch erzwungene Anpassung gilt nicht als verunreinigend. | Wahr: Es ist schwer nachvollziehbar und verträgt sich schlecht mit Barmherzigkeit, dass ein Mensch aufgrund einer emotionalen oder hormonellen Befindlichkeit, die ihm gegen seinen Willen aufgezwungen ist, ständig schuldig und „unrein“ fühlen soll. Die Einstufung der Triebabfuhr oder sexueller Phantasie als schweres, dem Ehebruch vergleichbares Vergehen zwingt dem Gläubigen eine Art Totalzölibat auf. Die Grenze zur Werkgerechtigkeit ist fließend. (Beitrag Gift Nr.1) Die destruktiven Folgen sind offensichtlich: voreilige Partnerwahl, ständige gedankliche Belastung, und die Blindheit gegenüber anderen Formen von Unrecht. |
| Mitgefühl | Wahn: Mitgefühl ist oft begrenzt gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen oder Missbrauchsopfern, die als Bedrohung der eigenen Religiosität empfunden werden.Freundschaftliche Beziehungen zu Nichtchristen können emotional überfordern, wenn sie als Menschen betrachtet werden müssen, die „der ewigen Hölle geweiht“ seien. | Wahr: Da alle ehrlichen Fragen erlaubt sind, wird jemand, der anders denkt, nicht als Bedrohung, sondern als Impuls zur Selbstüberprüfung wahrgenommen. Wer nach der Wahrheit sucht, sucht nach Gott — ob ihm das bewusst ist oder nicht (Edith Stein). Das erleichtert fairen Austausch und gegenseitige Wertschätzung. Der Gläubige ist nicht gezwungen, solche Menschen als „verloren“ zu betrachten. |
| Verbundenheit | Wahn: Wer die Lehren der Tradition ungeprüft übernimmt und durch Beiträge seine Bereitschaft signalisiert, den allgemeinen „Glauben“ zu stärken, wird mit sozialer Anerkennung belohnt. Zu Abweichlern oder Gläubigen, die ehrliche, aber unangenehme Fragen stellen, nimmt der Mainstream automatisch Distanz ein. |
Wahr: Unter Gläubigen, die Gott unverfälschte Barmherzigkeit zutrauen und Liebe und Wahrheit höher achten als den Buchstaben, besteht automatisch eine tiefe Verbundenheit. Zu Opfern des religiösen Missbrauchs stellt sich ebenfalls schnell Verbundenheit ein Zu Vertretern des religiösen Mainstreams kann diese Verbundenheit nur sehr schwer aufgebaut werden, solange dieser Mainstream Aufklärung und unzensierte Information mit Distanzierung bestraft. Eine herzliche Verbundenheit mit Gläubigen in Leitungsfunktion bleibt schwierig, solange diese sich nicht klar und deutlich von religiösem Missbrauch distanzieren und diese Distanz durch tatkräftige Unterstützung eines unzensierten Austausches belegen. |
