Ethikparadox

Aktualisiert: 19.10.2023

Das Ethikparadox beschreibt eine Hemmung der Persönlichkeitsentwicklung durch Erlernen ethischer Scheininhalte, die die Suche nach überzeugenden Inhalten überflüssig macht.

 

Ethischer Aspekt durch die Tradition vermittelter Scheininhalt Verlorener spiritueller Inhalt
Bekehrung geschieht einmalig durch ein „Übergabegebet“, in dem der Gläubige Jesus Christus als „Herrn über sein Leben“ anerkennt.  Beherrschend wird aber die  Anpassung an die evangelikale Tradition, die sich vom religiösen Selbstbetrug nicht distanzieren, d.h. bekehren kann. Geist und Ego stehen in ständigem Konflikt (Gal 5,17), Versagen (Jak 1,22) wird durch Selbstbetrug und Selbstgerechtigkeit kompensiert (Offb 3,17), sodass auch bei gläubigen Menschen immer wieder die Entscheidung ansteht, ans Licht zu kommen (Jo 3,21),  die Wahrheit über sich selbst zu ertragen (2Kor 4,2), und von falschen Wegen umzukehren (Jak 4,1 ff). Insbesondere vom religiösen Selbstbetrug  muss sich der Gläubige immer wieder bekehren, da er ein Einfallstor für Machtmissbrauch, Selbstbetrug und Schädigung der seelischen Gesundheit ist.
Heilsgewissheit Beim Zustandekommen der Heilsgewissheit spielt in der traditionell-bibeltreuen Theologie die Fähigkeit, angstmachende Bibelstellen zu verdrängen (Optimismus) sowie der Glaube an „vollmächtige Absolution“ durch Leitfiguren eine entscheidende Rolle.  Gründliche Bibelkenntnis und Selbsterkenntnis kann jedoch zu einem Schrumpfen der Heilsgewissheit führen. Umstritten ist, ob das Heil durch Gewohnheitssünden („mutwillige Sünde“ Hebr 10,26 / „Sünde zum Tode“ 1Joh 5,20) unwiderruflich verlorengehen kann. Insbesondere durch den Hebräerbrief, der tiefstes Bedauern (Hebr 12,17) oder tätige Reue und den nachträglichen Entschluss zum Gottvertrauen (Hebr 3,18-19, s. dazu 4Mo 14,22 ff) als für die Errettung irrelevant einstuft, bleiben erhebliche Zweifel. Eine zuverlässige Klärung setzt Vertrautsein mit dem Charakter Gottes voraus, die seine Entscheidungen vorhersehbar machen könnte. Eine solche Vorhersehbarkeit ist infolge der Irrtumslosigkeitsdoktrin, die Gott  als zweideutige Persönlichkeit – teils liebevoll, teils unendlich grausam – darstellt, nicht zuverlässig möglich. Das Bekennen des christlichen Glaubens vor der Welt soll  „rettende“ Wirkung haben. (Röm 10,9). Durch diese Behauptung, die andernorts wieder relativiert wird (Mt 7,21)  wird der Informationswert des christlichen Zeugnisses weitgehend aufgelöst. (siehe: fromme Gruppendynamik) Erst wenn eine Distanzierung vom „tötenden Buchstaben“ (1Kor 3,6b) möglich ist (Bibelverständnisse), kann der Gläubige die Vorstellung eines Gottes bilden, dessen vertrauenswürdiger Charakter nicht durch Destruktivität relativiert wird. Durch eigenes Bemühen um Barmherzigkeit kann er eine tiefe Verbundenheit mit seinem Vater im Himmel herstellen (Mt 5,7), ihn immer besser verstehen und spirituelles Urteilsvermögen entwickeln. (1Kor 2,15)
Selbsterkenntnis wird in erster Linie und in übertriebener Weise auf den Bereich der Sexualität sowie auf die negativen Affekte (Unfreundlichkeit, Zanksucht, Neid) konzentriert. Dadurch die Überbewertung der Sexualität spielt bei der Identifizierung von Sünde wesentlich das Schuld- und Schamgefühl, die entscheidende Rolle, das bisweilen sogar als „Stimme Gottes“ gedeutet wird. Da bei schädlichen Verhaltensweisen, die die Tradition erlaubt, kein Schuldgefühl entsteht, werden diese auch nicht als Sünde erkannt.   Wird die Verheißung eines neuen Herzens (Hes 36,26) wird mit dem Übergabegebet als erfüllt betrachtet, so liegt der Fehlschluss nahe, dass man sich weitere Selbstprüfung im Großen und Ganzen sparen kann. Diese Selbstprüfung kann ohnehin nur in sehr eingeschränktem Maße stattfinden, da Bevormundung, und Manipulation zur Absicherung des „Glaubens“ notwendig erscheinen, der ja angeblich ohne Irrtumslosigkeitsdoktrin gar nicht mehr lebensfähig wäre. Die Sorge um das Image der Gemeinde erzwingt ebenfalls eine Einschränkung der Selbsterkenntnis. Die Gleichgültigkeit gegenüber den seelischen Schäden, die diese Doktrin anrichtet, die Weigerung, entsprechende Notfallberichte zu berücksichtigen, wird nicht als schuldhaftes Verhalten angesehen. Die Verheißung eines neuen Herzens ist allenfalls das unfertige „Saatkorn“ einer neuen Gesinnung. Es macht die ehrliche Selbstprüfung nicht überflüssig. Nicht irgendwelche erlernten Schuldgefühle zeigen schädliches Verhalten zuverlässig an, sondern  nur die Prüfung mit dem Maßstab Jesu „Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit“ (Mt 23,23). Je mehr der Gläubige dazu neigt unerwünschte Informationen zu verdrängen, desto sparsamer wird die Bildung von Selbsterkenntnis sein.  Da die Bibel enorme Kräfte freisetzen kann, ist der Schutz schwacher und sensibler Mitchristen und die Aufklärung über eventuelle Gefahren besonders wichtig (1Kor 12,26), damit sie in der Lage sind, eine destruktive, traumatisierende Prägung zu vermeiden: „Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht“ (Hes 34,4). Die Bewahrung des Image der Gemeinde und der leitenden Gläubigen fällt demgegenüber nicht ins Gewicht. Überhaupt stehen manipulative, bevormundende Maßnahmen zur Sicherung des eigenen Einflusses  im Widerspruch zu den Grundsätzen Jesu (Mt 23,23) und schaden der Gemeinde und ihrer Glaubwürdigkeit.
Demut meint defensive Zurückhaltung und Unterordnung unter die vorgefundene Auslegungstradition und die Leitungspersonen der Gemeinde.  Die Frage scheint weniger wichtig, ob diese selbst auch demütig sind und sich an den Grundsätzen Jesu in Mt 23,23 orientieren. An der Missachtung des theologischen Titelverbots, das Jesus den Schriftgelehrten entgegengehalten hat (Mt 23,4), nimmt kaum jemand Anstoß. Der Anspruch, die eigene Frömmigkeit in Nichtchristen hineinkopieren, d.h. indoktrinieren zu dürfen, erzeugt nicht selten ein narzisstisches Überlegenheitsgefühl als bevollmächtigter „Stellvertreter Gottes“. eine bescheidene Selbsteinschätzung entsteht durch die Erkenntnis, dass ohne Inspiration der Buchstabe der Schrift sehr leicht missverstanden und destruktiv angewendet wird (1Kor 3,6b) und dass Inspiration ein unverdienbares Geschenk des Vaters im Himmel ist, das jederzeit wieder versagt werden kann. Gemeindeleitern, die Werkgerechtigkeit fahrlässig dulden oder gar fördern, ist im Auftrag Jesu mit allem Nachdruck zu widerstehen, auch wenn damit eine öffentliche Bloßstellung verbunden ist.  (Gal 1 und 2)
Wahrheitsliebe beschränkt sich nur auf den privaten Bereich.  Übertreibung, Verharmlosung, Verkünden von Halbwahrheiten, fromme Phantastereien und Ausnutzen der Unkenntnis der Hörer mit dem Zweck der Anwerbung oder „Glaubensstärkung“ ist keine Sünde, vor der gewarnt werden muss.
Vertrauen, dass Gott den Glauben bewahrt und der Gläubige sich deshalb auch und gerade in der Bibellehre die ganze Wahrheit leisten kann und muss. Erkenntnis, dass Liebe ohne Wahrhaftigkeit nicht lebensfähig ist. Erkenntnis, dass der Glaube unzerstörbar bleibt, solange der Gläubige an den  Heilstatsachen festhält.
Treue gedankenloses, blindgläubiges Nachplappern der Irrtumslosigkeitsdoktrin, das als Gott wohlgefälliges „Opfer von Verstand und Gewissen“ gesehen wird und zugleich als Kennzeichen der  göttlichen Erwählung und der Bevollmächtigung zum Sprachrohr Gottes dient. Vertrauen in die kompromisslose und ewige Gültigkeit der göttlichen Axiome Liebe und Wahrheit, die Gottes tatsächlichen Charakter widerspiegeln und die zuverlässigste Basis einer Beurteilung im Sinne Jesu (1Kor 2,15-16) sind…
Gehorsam nur gegenüber dem Buchstaben der Bibel. Ausnahmen, insbesondere Verhaltensweisen, die den Forderungen Jesu widersprechen,  sind nicht zu beanstanden, wenn es die Auslegungstradition bzw. der Mainstream erlaubt. Dazu gehört insbesondere die Toleranz gegenüber unfairer Manipulation und Machtmissbrauch. Der Buchstabe hat eine vorläufige Bedeutung. „Der Mensch ist nicht für den Sabbat gemacht, sondern der Sabbat für den Menschen“ (Mk 2,27) Der Gläubige hat also danach zu fragen, wie auf den Impuls des Buchstabens so reagiert werden kann, dass das Ergebnis im Einklang mit den Axiomen der Liebe und der Wahrheit ist.
Opferbereitschaft wird zufriedenstellend durch die Abgabe des Zehnten für die Gemeinde bzw. für Notleidende erfüllt, weil Jesus den Pharisäern gesagt hatte, die Abgabe des Zehnten „solle nicht unterlassen“ werden. (Mt 23,23b) Als Jesus dies sagte, war die christliche Urgemeinde noch nicht entstanden.  Mit ihrer Entstehung aber gilt der Grundsatz: „wenn ein Glied des Leibes leidet, leiden die anderen mit“ (1Kor 12,26). Wie kann es dann sein, das in einem Teil der Welt Christen hungern und ihre Töchter aus Geldnot in die Prostitution verlaufen müssen, während in einem anderen Erdteil Christen von einem hohen Einkommen den Zehnten geben und mit dem Rest um die halbe Welt urlauben, teure Autos fahren und ein Luxusleben führen? Wäre es nicht angebracht, Gläubige immer wieder auf den Segen einer bescheidenen Lebensführung aufmerksam zu machen (Mt 25,34)?
Selbstlosigkeit Schon geringes Engagement in der Gemeinde und in christliche Initiativen lässt den Eindruck eines hohen ethischen Niveaus entstehen, sodass das Wegschauen bei religiösem Missbrauch und Werkgerechtigkeit  gar nicht mehr als verwerflich wahrgenommen wird. Duldung von religiösem Missbrauch und Kompromisse mit Werkgerechtigkeit sind eine notorische, das Evangelium missachtende Verfehlung, die durch karitatives Engagement und Hilfsbereitschaft nicht kompensiert werden kann. Beides entbindet nicht von der Pflicht, auf schädliche Nebenwirkungen der hauseigenen Theologie zu achten und Inhalte entsprechend zu korrigieren.
Reinheit wird nur auf den Bereich der Sexualität bezogen, und zwar häufig in so exzessiver Form (Gedankenkontrolle, Masturbationsverbot), dass der Sexualtrieb zur Dauerbelastung mit ständig schlechtem Gewissen wird.  Die Duldung unsauberer Motive sowie die Prägung der Seele durch übergriffige, unehrliche Theologie wird dann kaum noch als verunreinigend wahrgenommen. Insbesondere die durch Aufwertung destruktiver Bibeltexte begünstigte Werkgerechtigkeit, die Beschädigung von Urteilsvermögen und Empathie durch erzwungene Anpassung gilt nicht als verunreinigend. Es ist in nicht nachvollziehbar und verträgt sich auch nicht mit dem Grundsatz der Barmherzigkeit,  dass  sich ein Mensch aufgrund einer emotionalen bzw. hormonellen Befindlichkeit, die  ihm quasi gegen seinen Willen bzw. ohne seine Zustimmung aufgezwungen wurde, ständig schuldig und schmutzig fühlen soll. Die Einstufung der Triebabfuhr (Masturbation) sowie der sexuellen Phantasie als schweres, dem Ehebruch vergleichbares Vergehen zwingt dem Gläubigen eine Art Totalzölibat auf, das zur Sicherstellung des Heils zu beachten ist. Die Grenze zur Werkgerechtigkeit ist fließend. (Beitrag Gift Nr.1)   Die destruktiven Folgen sind offensichtlich: unter Umständen die voreilige, verfrühte Wahl eines ungeeigneten Partners bzw. die ständige Belastung des Denkens mit der sexuellen Frage. Diese Belastung ist offenbar so groß, dass Fehlverhaltensweisen, die die Tradition erlaubt und die in groteskem Widerspruch zu den Axiomen Jesu – Liebe und Wahrheit (Mt 23,23) – stehen, gar nicht mehr als verschmutzend und sündig wahrgenommen werden.
Mitgefühl oft sehr begrenzt gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen, Missbrauchsopfern, die schnell als Bedrohung der eigenen Religiosität angesehen werden. Freundschaftliche Beziehungen zu Nichtchristen können emotional überfordern, wenn sie als Menschen betrachtet werden müssen, die  „der ewigen Folter der Hölle geweiht“ sind. Da alle ehrlichen Fragen erlaubt sind, wird jemand, der anders denkt und glaubt, nicht als Bedrohung, sondern als Impuls zur Selbstüberprüfung wahrgenommen. Das erleichtert und bereichert einen fairen Austausch und gegenseitige Wertschätzung. Auch ist der Gläubige nicht gezwungen, solche Menschen von vornherein als „der Hölle geweiht“ zu betrachten.
Verbundenheit wer die Lehren der  Tradition ungeprüft übernimmt, gar durch Beiträge wider besseres Wissen seine Bereitschaft signalisiert, den allgemeinen „Glauben“ zu stärken, wird mit sozialer Anerkennung und Freundlichkeit belohnt. Zu Abweichlern oder Gläubigen, die ehrliche, aber unangenehme Fragen stellen, nimmt der Mainstream automatisch eine distanzierte Haltung ein. Unter Gläubigen, die Gott  unverfälschte Barmherzigkeit zutrauen und den Axiomen Liebe und Wahrheit höhere Wertschätzung als der Autorität des Buchstabens entgegenbringen, besteht automatisch eine tiefe Verbundenheit. Zu Opfern des religiösen Missbrauchs stellt sich in der Regel ebenfalls schnell Verbundenheit und Sympathie her. Zu Vertretern des religiösen Mainstreams kann diese Verbundenheit nur sehr schwer aufgebaut werden, da der Mainstream das Bemühen um Aufklärung und unzensierte Information mit Distanzierung bzw. Ausgrenzung bestraft. Die herzliche Verbundenheit mit Gläubigen in Leitungsfunktion ist problematisch, wenn diese sich nicht klar und deutlich von jeglicher Form des religiösen Missbrauchs distanzieren und diese Distanz durch tatkräftige Unterstützung eines unzensierten Austausches sowie der Aufklärung über manipulative Theologie und Werkgerechtigkeit unter Beweis stellen.

 

 

Artikel aktualisiert am 14.03.2024

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