Nebenprodukt Narzissmus

Wird der Glaube wirklich dadurch sicherer , wenn man möglichst viel „Follower“ sammelt, die gegen Einflüsse von außen eine Art Wagenburg bilden können und sich dabei viel auf ihre Rechtgläubigkeit und Entschiedenheit zugute halten? Penetrante Rechthaberei vermittelt zumindest ein Gefühl der Gewissheit, das das Ringen um Gewissheit überflüssig macht.

Wie verschieden ist Ist die Einstellung, die dahinter steht, vom USA-Chauvinismus, dem Wahn, der „Garant der Weltmoral“ zu sein? Wir, die „Linientreuen“, sind die erwählten Inhaber und Garanten der Wahrheit und der  Moral und haben es deshalb gar nicht mehr nötig, uns prüfen zu lassen und Rede und Antwort zu stehen? Unsere „guten Absichten“ genügen? Wenn dadurch mehr Leute „zum Glauben“ kommen, hat sich die Aktion doch wenigstens „gelohnt“?

Vielleicht würde es helfen, wenn man den Blick doch einmal nach außen richtet und schaut, welchen Eindruck dieses Verhalten bei Nichtchristen hinterlässt. Doch dazu kommt es nicht. Ist man selbst der Garant der Wahrheit, so kann jede Kritik doch nur aus dem „Reich des Bösen“ kommen. In der buchstabenhörigen frommen Szene nimmt das Kritisieren, das Nörgeln und abfällige Urteilen über Gläubige, die nicht alles unbesehen nachplappern, sondern sich um eine ihrem Gewissen entsprechende, gründlichere Antwort bemühen, einen großen Teil der Belehrung in der Gemeinde ein.  Auch im Interesse der Glaubensgewissheit. Wer andere als schlechte Christen brandmarkt, gewinnt für sich zumindest die Erwartung, dass Gott mit ihm deutlich zufriedener sein wird.

Vielleicht wird es am Ende der Tage ein großes Staunen geben, wenn im Preisgericht über die Glaubensqualität des Gläubigen geurteilt wird. Wenn die Gläubigen feststellen, dass sie nicht nach ihrer theologischen Position, nicht nach ihrer „Linientreue“, nicht nach dem Gad ihrer Anpassung, sondern nach dem Maß gelebter Barmherzigkeit beurteilt werden. (Mt 25, 31 ff)  Ganz undogmatisch kann man es vermuten.

Junge Menschen, die in ihrer Glaubensgemeinschaft mit einer phobischen Weltsicht gegen alles andere programmiert werden und in diesem Geist aufwachsen müssen, haben schlechte Karten für eine gesunde seelische Entwicklung. Dieser Wahn, sich selbst trotz seiner panischen Angst vor genauer Prüfung als den Hort der Wahrheit einzustufen, als ein von höchster Instanz Bevollmächtigter, der anderen Menschen dank blinder Anpassung an die hauseigene Dogmatik  haushoch überlegen sein soll, ist eine schwere, giftige Kost, die etliche junge Menschen in die Sackgasse der Selbstüberschätzung, ja des Narzissmus geradezu hineingetrieben hat.

Vielleicht rüttelt sich manches im späteren Berufsleben zurecht, in dem dann doch starke, korrigierende Impulse von außen kommen. Wir wollen es hoffen. Bei manchem evangelikalen Wortführer denkt man im stillen: er ist seinen Narzissmus nie losgeworden.

 

 

Artikel aktualisiert am 25.09.2022

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