Hebräerbrief für Nicht-Bekehrte?

sehr geehrter Bruder Liebi,
danke, dass Sie geantwortet haben. Doch ob nun die Empfänger des Hebräerbriefes keine „echt bekehrte Juden“ bzw. keine „wiedergeborenen Christen“ waren, wie Sie behaupten? Leider gehen Sie auf Hebr 10,34 – die entscheidende Bibelstelle – vorsichtshalber nicht ein.

Hebr 10,34 Denn ihr habt mit den Gefangenen gelitten und den Raub eurer Güter MIT FREUDEN erduldet, weil ihr WISST, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt.

Die Empfänger des Hebräerbriefes WUSSTEN, dass sie ein besseres und bleibendes, ewiges Eigentum, Erbe im Himmel hatten, und deshalb haben sie Verfolgung erduldet und sind bettelarm geworden. Dieses beeindruckende Zeugnis von der Kraft des Glaubens soll eine oberflächliche, halbherzige Gläubigkeit gewesen sein, ohne innerliche Erneuerung und Wiedergeburt? Gründlicher kann eine Bekehrung doch gar nicht sein! Weshalb ist das nicht „echt“? Mit dieser Opferbereitschaft haben sie das schwere Gebot der Kreuzesnachfolge befolgt, sie gaben ihr hiesiges Leben hin, um das zukünftige zu erlangen. (Luk 9,24) Sie taten „MIT FREUDEN“ das, was der reiche Jüngling nicht konnte (Mt 19)

Sie FREUTEN sich auf die Belohnung im Himmel, weil sie WUSSTEN dass sie dort ankommen, d.h. SIE HATTEN VÖLLIGE HEILSGEWISSHEIT. Wieso sind sie dann „nicht wiedergeboren“, wie Sie behaupten?

Menschen, die in die Seelsorge kommen, haben diese Opferbereitschaft und Hingabe in den allermeisten Fällen nicht aufzuweisen, ja sind weit entfernt davon! Sie können auch nichts Bedeutendes aus Liebe mehr tun, da sie ja sie ja von Angst getrieben sind. Und diese armen Existenzen sollen nach ihrer Meinung jetzt glauben, dass sie wiedergeboren und „echt“ sind, die Empfänger des Hebräerbriefes aber nicht? Das erklären Sie mir doch einmal bitte.

Wenn man das Hemd mit dem ersten Knopf falsch knöpft… was sollen dann die übrigen Argumente nutzen?

Artikel aktualisiert am 28.04.2022

1 thought on “Hebräerbrief für Nicht-Bekehrte?”

  1. Lieber Bruder Benignus,

    ein Roger Liebi lebt davon, uns die Schrift „zu erklären“… deshalb denke ich, dass für ihn alles gleichermaßen verbal inspiriert und vollkommen irrtumslos ist bzw. zu sein hat. (Chicago „Bekenntnis“ lässt grüßen)

    Ein amerikanischer Pastor aus Kalifornien mit sehr großer digitaler Reichweite (Dr. Gene Kim) hat den „Anwendungsbereich“ von Hebräer kurzerhand in die „Zeit der großen Trübsal“ verbannt, was (nach seinem prämillennialistischen Endzeitmodell) also erst nach der „Entrückung der Gemeinde“ sei… daher müssten sich die „wahren Christen“ auch nicht damit herumplagen… Denn am Beginn des Hebräerbriefes (1,2) stehe es ja nicht von ungefähr: „…in diesen letzten Tagen…“

    Ich fand es ehrlich gesagt fast schon absurd, aus diesen paar Worten eine Geltung für irgendeine „Endzeit“, die aber noch nicht angebrochen sei, konstruieren zu wollen.

    Aber der Mann ist schließlich („Hyper-„) Dispensationalist, und meines Wissens vertritt auch ein Herr Liebi zumindest ein dispensationalistisches Schriftverständnis nach Art von John Nelson Darby. (entwickelt im 19. Jahrhundert).

    Dabei komme es „auf die rechte Unterscheidung“ des Geltungsbereiches biblischer Aussagen für „die Gemeinde“ einerseits und für „das Volk Israel“ andererseits an… Gott habe nämlich für beide Gruppen jeweils getrennte „Endzeit-Fahrpläne“ und auch eine unterschiedliche Rechtfertigung: Gemeinde komme in den Genuss von „freier Gnade“ nach Paulus, Israel jedoch müsse sich gemäß der strengen jesuanischen Ethik aus den Evangelien verhalten, demnach „ein Mix aus Werken & Gnade“… Fast alle jesuanische Aussagen richteten sich ausschließlich an Israel, nicht aber an die „Heidenchristen“… für die Heidenchristen sei die paulinische Lehre weitaus „wichtiger“. (auch „Hyperdispensationalismus“ oder “ Lehre von den zwei Evangelien“ genannt: Evangelium der „Beschnittenen“ einerseits und Evangelium der „Unbeschnittenen“ andererseits)

    Ich fand dieses Konzept einmal sehr clever, ja geradezu als „Offenbarung“… mittlerweile finde ich es sehr spekulativ und willkürlich.

    Man muss Liebi zugute halten, dass er sein Konzept von der „Unverlierbarkeit des Heils“ zu verteidigen sucht und damit den Gläubigen wohl Angst nehmen möchte… daher können für ihn alle warnenden Stellen des NT, die sich nicht ohnehin an außenstehende „Ungläubige“ richten, folglich nur an „Scheinchristen“ bzw. „unechte Bekehrte“ adressiert sein.

    Wenn man es nicht konsequent zu Ende denkt, scheint diese „Beruhigungspille“ wohl durchaus Wirkung zu entfalten… man darf halt nur nicht die Frage stellen, wie & wann man es eigentlich merkt, ob man selber „echter Christ“ oder nur „Scheinchrist“ ist !

    Mir selber bereiten ja die berühmten paulinischen „Lasterkataloge“ von Zeit zu Zeit Kopfzerbrechen… (1. Kor 6, 9-10, Gal 5 u.a.) Oberflächlich betrachtet scheint da Paulus ja seine ganze Rechtfertigungslehre aus dem Römerbrief „mit leichter Hand“ einfach wieder einzureißen und zu einer reinen „Vermeidungsethik“ zu kommen… nach der Devise: „Wer dieses & jenes tut, ist draußen. Wer es unterlässt, kommt in den Himmel.“

    Auch hier wurden schon allerlei Versuchte seitens verschiedenster Ausleger unternommen, den paulinischen Ausdruck „das Himmelreich nicht erben“ so zu deuten, dass es nicht mit „in die Hölle kommen“ gleichzusetzen ist… Oft wird dann das „Preisgericht Christi“ bemüht, bei dem die besonders „Frommen“ noch zusätzliche Belohnung einheimsen und diejenigen, die außer dem rettenden Glauben sonst nicht viel zustande brachten, halt leer ausgehen… in den Himmel „dürfen“ dann aber immerhin beide Gruppen. Man bezieht sich dabei wohl auf 1. Kor 3, 15: eine Stelle, die wohl auch die (einzige) biblische Grundlage für die Lehre vom „Fegefeuer“ zu sein scheint…

    Liebe Grüße
    thomas

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