Aus tiefem Respekt vor der Autorität Gottes kann durch dilettantische Theologie schnell unkontrollierbare, krankmachende Gottesangst werden.
1. Ein typisches Beispiel
Ein belehrender Beitrag in einer christlichen facebook-Gruppe:
“Angst vor Gott kann in zwei Richtungen gehen. entweder es gibt die gesetzliche Richtung. Das bedeutet: ich will keine Beziehung mit Gott, sondern ich will alles richtig machen – das sind die Pharisäer… oder ich hab diese Angst, die führt mich zum Kreuz und ich bekomme Gotteserkenntnis. Ich sterbe. Jesus Christus ist für mich gestorben und ich darf mit ihm sterben. Ich darf dann in Neuheit des Lebens leben und das ist die Furcht des Herrn, die führt zu dieser Erkenntnis, zu dieser intimen Gemeinschaft mit Gott.” [1]
2. Der erste Fehler: Belehrung als Einbahnstraße
Das soll ein ernstzunehmender Beitrag über “Gesetzlichkeit ” sein? Ein Beispiel für theologischen Tunnelblick und mangelnde Empathie ist es – sonst nichts. Was will man von der Not mit dem Gesetz verstehen, wenn man derart oberflächlich das Thema des “tötenden Buchstabens” (2Kor 3,6b) berührt? Erkenntnis wird so nicht erworben. Man wird auch nicht klüger, indem man korrigierende Kommentare vorsorglich löscht oder durch viele Pseudo-Beiträge (“Amen”, “Halleluja”, Recht so!”) schnell nach hinten verschieben lässt. Gerade diese Art von Kommentierung ist erwünscht. Sie hilft ja so gut, den Einfluss auch bei mangelhafter Argumentation zu wahren. Eine üble Angewohnheit, die in christlichen Kreisen leider weit verbreitet ist.
Kirchengeschichtliche Kenntnisse sind offensichtlich bei crosspaint nur rudimentär vorhanden. Wie wäre es denn, sich einmal die “kurze Geschichte der frommen Angstmacherei” anzuschauen (bibelwahrheit-bibelwahn.de). Doch Leute dieser Prägung möchten nicht in Frage gestellt werden. Für den Erwerb seriöser Erkenntnis eine denkbar schlechte Voraussetzung.
3. Der zweite Fehler: Ignorieren eines eigentlich auffälligen Problems
Stimmt das, was sie sagen? Nein. Wieviel gutwillige Christen hätte gerne eine frohmachende Beziehung mit Gott, aber zermartern sich mit der Frage, ob sie nicht durch ein Zuviel am Sünde das Heil wieder verlieren werden. Ja etliche fragen sich angstvoll, ob sie es vielleicht bereits verloren haben. Hierzu gibt es genug Zeugnisse und Notfallberichte sensibler Mitchristen. Crosspaint zeigt für solche Informationen wenig Interesse. Und in dieser gewollten Ignoranz zeigt sich die Lüge!
“Wer aus Gott geboren ist, der sündigt nicht” (1Joh 5,18). Da steht es doch schwarz auf weiß. Nun scheint 1Joh 1,9-10 –– diese ultrastrenge Aussage zu relativieren. Zitat: “Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt… ” [2]
Doch wie weit geht die Relativierung? Wenn man beiden Aussagen gerecht werden will, wie kann der zweite Halbsatz dann gemeint sein? “Der sündigt kaum…“? “Der sündigt nur noch ab und zu in geringem Maße“, “der lebt frei von Gewohnheitssünden” (vgl. Hebr 10,26)? Und wer dann doch noch mehr „sündigt„? Wieso kann er sagen, dass er „aus Gott geboren ist“? “Wer (zu viel) sündigt, gehört zum Teufel” (1Joh 3,8). Wann wurde “zu viel” gesündigt? Wann gehört man zum Teufel?
Heilsgewissheit bleibt deshalb bei empfindlichen Gewissen nicht selten ein Wackelkontakt. Eine fürchterliche Not bei Menschen, denen der Glaube viel bedeutet.
Der Hebräerbrief – eine erst spät zum Kanon hinzugefügte Schrift – warnt im dritten und vierten sowie im zwölften Kapitel unmissverständlich davor, dass die Tür zum Himmel trotz tätiger Reue unwiderruflich geschlossen werden kann. Ja, der Gläubige muss dann mit seiner Verdammung zu ewiger Höllenqual als einem endgültigen und unausweichlichen Schicksal rechnen. Selbst eine Bereitschaft größten Selbstopfer, zum Märtyrertod ändert daran nichts.
Bibeltreue Theologen versuchen, die Grausamkeit des Hebräerbriefes durch die Behauptung zu mildern, er sei ja “nur an Juden” gerichtet, die kurz vor der Bekehrung standen. Eine stereotyp wiederholte Behauptung, die – wie unser Beitrag zum Hebräerbrief nachweist – nicht das Geringste an der Bedrohlichkeit dieses Textes ändert.
Martin Luther hat sich wie kaum ein anderer um Gehorsam bemüht. Dennoch machte ihm der Hebräerbrief – auch nach seiner Entdeckung der Glaubensgerechtigkeit ! – Angst. Die Angst wurde so groß, dass Luther diesen Brief zu guter Letzt nur noch als teilweise inspiriert betrachteten konnte. In Vorwort seiner ersten Bibelausgabe warnte er deshalb dringlich vor diesem Text, fügte ihn aber noch – vielleicht, um Anstoß zu vermeiden – im Anhang hinzu. Was weiß dieser Referent davon? Offenbar nichts!
Ich habe das Buch “Überrascht von Furcht” gelesen. Die Blindheit und Arroganz, die dort zum Ausdruck kommt, ist wirklich bemerkenswert. [3] Liebe junge Christen, lasst diesen seelsorgerlichen Pfusch nicht an eure Seele.
[1] www.facebook.com/profile/100080166463450/search/?q=gesetzlichkeit
[2] Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.
[3] siehe dazu auch Anm.37 im Essay “Bibelwahrheit – Bibelwahn“. Das zugehörige 9.Kapitel beschreibt die mit einer rigoristischen Theologie verbundene psychische Belastung im Detail.
