Ethikinstitut – Gesetzlichkeit

Zum haarsträubenden Aufsatz von Eva Dittmann zum Thema „Gesetzlichkeit“ (auf der Webseite des „Instituts für Ethik und Werte“)   ein sachlicher

OFFENER BRIEF

Sehr geehrte Frau Dittmann,

Hinter dem dürren Wort “Gesetzlichkeit” steht persönliche Tragik. Quälende Gewissensnot, jahrelang fehlende Glaubensfreude, ständige Zweifel an einem Gott, der eher negativ über den Gläubigen zu denken scheint, der ohnmächtige Wunsch, Gott zu vertrauen, aber beim besten Willen angesichts verunsichernder Bibelstellen nicht vertrauen zu können… wer solche Menschen trifft, der hat eigentlich den Wunsch, ihnen eine Hilfe anbieten zu können, die diesem sinnlosen Leid baldmöglichst ein Ende macht. Ja, das erwartet man auch von einer Institution, die sich zu diesem Thema äußert. Oder nicht ?

Doch was empfiehlt Ihr Artikel dem Leser zum Umgang mit dem Gesetz? Es ist so haarsträubend, dass sich die Frage förmlich aufdrängt, ob nicht gerade solche Beiträge das eigentliche Problem sind – anstatt eine Lösung zu bieten. Was geschieht in solchen Institutionen, die sich “bibeltreu” nennen und sich in dieser gleichgültigen Weise über das schwere Leid von Mitchristen äußern ?

Wer soll das glauben, dass man Gemeindeleiter auf diese Weise zu guten und mitfühlenden Hirten ausbilden kann ? Linientreue Funktionäre lassen sich sicherlich auf diese Weise heranbilden, die es als ihr gutes Recht betrachten, Gläubige zu belehren. Zweifellos.

Bei der Lektüre Ihres Artikels sind mir folgende Punkte aufgefallen:
1. Das Problem „Gesetzlichkeit“ löst sich nach Ihrer Ansicht angeblich von selbst.
2. Die akuten Notfälle interessieren nicht.
3. Unklar bleibt, wie willkürliche Auslegung vermieden wird.
4. Eine oberflächliche Sicht von Sünde lässt Illusionen blühen.
5. Das empfohlene Patentrezept taugt nichts
6. Ein auffälliges Fehlen von Mitgefühl ist zu beklagen
sodass ich abschließend zur Frage komme….
7. Wie ist Jesus mit dem Gesetz umgegangen ?

1. Das Problem „Gesetzlichkeit“ löst sich nach Ihrer Sicht angeblich von selbst.
Zunächst ist man gespannt, was der Artikel an hilfreichen Erkenntnissen liefert. Aber was geschieht ? Man liest und liest, Seite für Seite, ohne dass dabei der Eindruck entsteht, der Lösung irgendwie nähergekommen zu sein. Verständlich, wenn der Leser sich bald den Schluss der Geschichte vornimmt, um zu erfahren, worauf die Verfasserin hinaus will. Und da erfährt der erstaunte Leser, dass das Problem „Gesetzlichkeit“ eigentlich gar kein Problem ist. Es löst sich quasi von selbst, mehr oder weniger automatisch. Lapidar wird festgestellt: der „reife Christ“ hat genug Heiligen Geist, um alle Forderungen des Neuen Testamentes freudig zu halten, sodass Überforderung und Konflikt mit dem Gesetz erst gar nicht entstehen. Zitat: „Ein reifer Christ hingegen weiß, … dass man … durch das Freiheit schenkende Wirken des Heiligen Geistes nun tun und lassen (kann), was Jesus will. Denn das Gesetz Christi, an das Gläubige nun gebunden sind, ist ein Gesetz der Freiheit, ein Gesetz, das mit der neuen Identität in Christus vollkommen einhergeht. Nach und nach werden Herz und Verstand durch das Wirken des Heiligen Geistes so transformiert, dass die Glaubenden Gottes Willen tun wollen und können.“ So einfach ist das. Und wenn es nicht gelingt, dann ist die Ursache  „Unreife“ oder „reine Unwissenheit“ oder ein „Mangel an Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes“ ? (Zitate in der pdf-Datei: Seite 13, Spalte 1, Mitte)

An dieser Antwort wird eines deutlich:

2. Die akuten Notfälle interessieren nicht.
Nun, mir sind genug Menschen begegnet, die schrecklich unter dem Buchstaben des Neuen Testamentes leiden und gelitten haben und es erscheint mir angebracht, die Ursachen dafür im Detail zu beschreiben,  die Sie offensichtlich nicht kennen oder nicht kennen wollen. Zu diesen Ursachen gehört schwerlich  „Unwissenheit“. Vielmehr ist die Not erst mit wachsender Schriftkenntnis und durch eifriges Bibelstudium entstanden.

Der Gläubige, der gelernt hat, dass auch die kleinste Sünde, an der man festhält, die frohmachende Gemeinschaft mit Gott wieder zerstört (Joh 3,8: „Wer Sünde tut, ist vom Teufel“ ), hat sich daran gewöhnt, jede auch noch so kleine Sünde baldmöglichst zu beichten und Gott den festen Vorsatz zu präsentieren, nie wieder so zu handeln. „Wer seine Sünde bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.“ (Spr 28,13) Das scheint ein sicheres Rezept für die freudige „Gemeinschaft mit Gott“ (1.Joh 1,6) zu sein. Nun aber liest liest er auch in der Bibel: „wer etwas Gutes zu tun weiß und tut’s nicht, dem ist es Sünde…“ (Jak 4,17), und da fällt ihm auf, dass er Hobbies hat, die Geld kosten, während Menschen, ja sogar Christen sterben müssen, weil sie kein Geld für Brot oder medizinische Versorgung haben. Soll es nun genügen, dem Rat zu folgen, den die Autorin in ihrem Artikel gibt, „Gemeinschaft mit anderen Gläubigen pflegen“ (in der pdf-Datei: Seite 13, Spalte 2, unten) und sich nach ihnen zu richten?

Manche geben den Zehnten, aber Johannes, der Vorläufer Jesu, hatte wenigstens von einer Halbe-halbe Lösung gesprochen: „wenn du zwei Mäntel hast, dann gib einem dem, der keinen hat.“ (Luk 3,11) Somit ist die Halbe-Halbe-Lösung etwas Besseres, was der Gläubige zu tun weiß. Bis er auf den Rat Jesu stößt: „Verkauft, was ihr habt, und gebt’s den Armen.“ (Lk 12,33). An dieser Forderung zerreibt sich sein Gewissen, denn es gelingt dem Gläubigen nicht, zu beweisen, dass diese Forderung nicht zum „Guten“ gehört, dass er tun könnte. Es ist ihm auch keine Hilfe, dass er andere Gläubige sieht, die sich am Zehnten genügen lassen. Die Bibel macht ganz klar: wer ein empfindliches Gewissen hat, der hat einfach Pech gehabt. Wer gegen sein Gewissen Götzenopferfleisch isst, der wird „sterben„, „verderben“ (Rö 14,15),. Ende – aus ! Das zeigt: auch wenn das Gewissen anderer Gläubiger großzügiger ist, auch wenn sie dieses Fleisch gefahrlos essen können, kann der, der Bedenken hat, sich darauf nicht berufen. Gläubige mit einem sensiblen Gewissen haben offenbar verdammtes Pech.

Ein anderer Gläubiger ist der Ansicht, dass er sein Bestes geben muss, um Menschen zu missionieren, wenn er nicht an ihrer Verdammnis schuld sein will. So hat es ihm sein Pastor unter Berufung auf Hes 33,8-9 deutlich gemacht. Zweifellos ist der Bedarf in den Ländern am größten, in die kaum ein Missionar geht, weil es lebensgefährlich ist. Auch in diesem Gewissenskonflikt sollte die Entscheidung ganz leicht fallen, denn Jesus sagte ja: „wer sein Leben retten will, wird es verlieren, aber wer es verliert um meinetwillen, der wird es retten.“ (Mt 10,39). Dass andere Gläubige sich weniger problematische Missionsziele stecken, ist für das eigene Gewissen ohne Bedeutung (s.o.). Nun steht er unter dem „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predige…“ (1.Kor 9,16). Er weiß, dass er nicht hinausziehen wird, aber mit dem Frieden im Gewissen und mit der Heilsgewissheit ist es vorbei. Er sieht fortan sein geistliches Leben gefährdet, weil er das leibliche nicht aufs Spiel setzen will.

Oder: Ein Jugendlicher hat in einem emotionalen Rausch während einer Evangelisation Gott versprochen, wie der Apostel Paulus ehelos zu bleiben, um sich ganz dem Reich Gottes widmen zu können. Als der Rausch verflogen ist, bereut er seine Worte, erfährt aber aus der Bibel, dass er nun ehelos zu bleiben hat, wenn er nicht will, dass Gott wegen dem Bruch eines Versprechens sein ganzes Leben ruiniert und „all seine Arbeit misslingen lässt.“ (Pred 5,3-5) Angesichts der sinnlosen Härte des Bibelwortes kann er an einen fürsorglichen und lieben Vater im Himmel nicht mehr glauben.

Ein anderer junger Mensch in mehr oder weniger trostloser Lebenssituation, erfolglos in Schule und Beruf, dauerhaft depressiv, unansehnlich und mit wenig Chancen bei Frauen kommt von der Masturbation nicht los, die ihm wenigstens für ein paar Minuten ein Gefühl der Erfüllung und des Glücks bereitet. In der Gemeinde hat man ihm beigebracht, dass die mit der Masturbation verbundene Phantasie von Gott so bewertet wird wie vollzogener Ehebruch und nach Mt 5,28-30 mit der Hölle bestraft werde. Nun liest er in Hebr 10,28, dass bei wiederholtem „mutwilligen Sündigen“ „kein Opfer Jesu mehr“ zur Verfügung stehe, dass die Geduld Gottes mit solchen Leuten unversehens ein Ende hat und verzweifelt.

Wieder ein junger Mensch liest in einem Bibelkommentar, dass auch ein Wort, das man gegen Brüder gesagt hat, die „Sünde gegen den Heiligen Geist“ sein kann, die „bis in alle Ewigkeit nicht mehr vergeben wird“ (Mt 12,36). Er hat früher so einiges gegen manche Brüder geredet, kann sich sich aber gar nicht mehr erinnern, was im einzelnen gesagt worden ist. Die Angst vor einer möglichen Höllenstrafe wird immer größer. Er versucht sich an den Verheißungen der Bibel aufzurichten, doch sie geben  ihm keinen Trost mehr, denn sie gelten ja nur für Gläubige, die keine unvergebbare Sünde begangen haben.

Andere Gläubige haben schreckliche Angst, dass sie den Heiligen Geist verloren haben, weil sie bei ehrlicher Selbstprüfung merken, dass sie die von einigen Theologen propagierte weitgehende Sündlosigkeit gar nicht erreichen können, selbst wenn sie sich darum bemühen. „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus.“ (Phil 4,13) Vermag ich trotz Gutwilligkeit nicht alles, dann ist es klar: dann muss der Geist Christi ja wohl in der Vergangenheit verlorengegangen sein. „Wer den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm.“ (Rö 8,9) Auf ihn wartet die Hölle. Welch ein Schicksal, jahrelang, vielleicht lebenslang unter Todesangst, unter Angst vor ewig dauernder Höllenqual zu leiden ! Diese enorm hohe Belastung hat gewöhnlich auch den Verlust der Arbeitskraft, Armut, schwere familiäre Konflikte und eine erhöhte Anfälligkeit für weitere Krankheiten zur Folge. Wer kann da zusehen, ohne tiefes Mitgefühl zu haben ?

Zugegeben: es sind Einzelfälle. Aber jedesmal ist es ein weitgehend zerstörtes Leben. Wie wir sehen werden, könnten auch diese Geschwister fröhlich ihres Glaubens leben, wenn die Theologie ehrlicher und barmherziger wäre. Kennen Sie solche Fälle nicht ? Ist hier wirklich Ihre Ermahnung ausreichend, ein bisschen mehr Heiligen Geist ins Leben hinein zu lassen und einfach mehr zu vertrauen, mehr zu beten, sich öfter mit Gläubigen zu treffen ?  Bloß eine Frage der Quantität ? Wie stellt die Verfasserin sich das denn vor ? Wie soll der Gläubige, dem der Buchstabe Angst macht, zu einer Haltung des Vertrauens gelangen ?

Vertrauen muss eine vertragliche Basis haben. Woher soll Vertrauen kommen, wenn das „Kleingedruckte“ in der Bibel und das zweideutig Bleibende ängstigt ? Es ist nicht schwer zu sehen: die seelische Not entsteht einerseits durch eine an Härte durch nichts mehr zu überbietende Strafandrohung (Hölle) auch für Gläubige, sowie durch Forderungen, die hinsichtlich ihres exzessiven Anspruchs kaum noch zu überbieten sind. (vgl. Mt 5,24: „ihr sollt vollkommen sein, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“) Es liegt doch auf der Hand, dass hier erst einmal eine inhaltliche und detaillierte Klärung der problematischen Forderungen nötig ist, so wie es unter „www.matth2323.de/giftige-theologie“ im einzelnen gezeigt wird.

Eine weitaus größere Gruppe von Geschädigten sind die Gläubigen, die zwar keine Angst vor unausweichlicher Höllenstrafe haben, aber die unter dem Einfluss perfektionistischer Theologie ihre Glaubensfreude verlieren. Sie werden zeitlebens den Eindruck nicht mehr los, dass Gott angesichts ihrer Mängel ständig mit ihnen unzufrieden ist und eher negativ über sie denkt. Diese Beziehung ähnelt einer Pflichtehe, deren Auflösung materiell nicht lohnt. Emotional ist diese Beziehung am Ende. Es lohnt nicht, darüber zu reden. Wenn Gebet und Zeugnis noch stattfindet, ist es eine  anstrengende Pflichtübung.

Solche Gläubigen kommen in die Regel gar nicht auf die Idee, dass mangelhafte Theologie eine Ursache für ihr trostloses Glaubensleben sein könnte. Daran ist die Unart etlicher Theologen schuld, ihre Sicht immer so zu präsentieren, als ob Alternativen gar nicht denkbar seien. Dann können die Betroffenen an einem trostlosen Glaubensleben nur selber schuld sein. Folglich kommen sie gar nicht auf die Idee, dass es besser für sie wäre, sich unheilvollem theologischen Einfluss zu entziehen. Auch für diese Gläubigen wäre eine rechtzeitige Klärung der problematischen Forderungen ein großer Segen.

3. Unklar bleibt, wie willkürliche, destruktive Auslegung vermieden werden kann.
Eine inhaltliche Klärung ist nur möglich, wenn die Rangfolge von Bibelworten mit einem übergeordneten Prinzip eindeutig festgestellt werden. kann. Dazu eignen sich am besten die Qualitätsmaßstäbe, die Jesus selbst in Mt 23,23 als Gebote mit höchster Priorität vorgegeben hat: „Barmherzigkeit, Fairness, Verlässlichkeit.“ Ohne diese Maßstäbe ist eine zuverlässige Bewertung der Rangfolge nicht möglich. Ohne sie bleibt die Interpretation des Gesetzes willkürlich. Wie soll man damit eine destruktive Wirkung des Gesetzes auf die Seele des Betroffenen zuverlässig abschalten können ?

Im vorliegenden Aufsatz, den das „Institut für Ethik und Werte“ offenbar für wegweisend und hilfreich hält, spielen diese zentralen Maßstäbe für die Analyse des Konflikts überhaupt keine Rolle. Sie scheinen für ein klares Urteil entbehrlich zu sein. Es wird der Eindruck vermittelt, dass der Theologe den biblischen Gesetzestext allein mit seinem sprachlichen und dogmatischen Instrumentarium durchdringen und verstehen könne. Darauf wird im Eingangsteil viel Zeit verschwendet, Detail wird auf Detail gehäuft, Seite für Seite, ohne dass aber Betroffene eine praktische Hilfe an die Hand bekommen, die die konkrete Bedrohung durch den Buchstaben entschärfen würde. Würde man die Maßstäbe Jesu beachten und anwenden, wäre diese Hilfe mit wenigen einfachen Schritten bereitzustellen. ( Zum Beweis siehe: „www.matth2323.de/zu-gott-gehoeren/#weg-heraus“ bzw. „www.matth2323.de/resultate“)

Wenn Jesus sagt, dass „der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht ist und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ ? (Mk 2,27), so zeigt er uns damit:

a: das Gebot kann in einer falschen Weise ausgelegt werden, als ob das Gebot wichtiger sei als der Mensch. Am naheliegendsten ist der wortwörtliche Sinn. Wenn der „Buchstabe tötet“ (2.Kor 3,6), wenn das Gebot dem Menschen  schadet, so ist der Sinn des Gebotes nicht erfasst bzw. verfälscht;

b: das Gebot soll so ausgelegt werden, als ob es „für den Menschen gemacht“ sei. Das Gebot ist dazu da, um ihm zu helfen und ihn vor Schaden zu bewahren. Es soll so ausgelegt werden, wie es Jesus auslegen würde: „im Sinne Christi“ (1.Kor 2,16). Nur diese Sicht darf sich auf göttliche Autorität berufen. Jesus sagte: „wer mich sieht, sieht den Vater.“ (Joh 12,45)

c: Der Gläubige ist nicht verpflichtet, das Gebot gedankenlos und unterwürfig dem Buchstaben gemäß anzuwenden. Er ist Gottes Partner in der Rechtsfindung. Durch den Heiligen Geist und mit Hilfe der Prinzipien „Barmherzigkeit, Liebe zum Recht, Verlässlichkeit“, denen Jesus den höchsten Rang zuwies (Mt 23,23), kann er das Gebot in einer aufbauenden, lebensfördernden Weise verstehen und anwenden.

Bemerkenswert ist, dass Jesus die Möglichkeit eines Widerspruchs zwischen buchstäblichem Sinn und geistlichem Verständnis bestätigt. Die Bibel ist lebendiges Gotteswort. Sie reagiert auf den Leser. Sie liefert keine standardisierte, allen gleichermaßen zugängliche Information, sondern sie verbirgt und enthüllt. Zuverlässige Information, die der Leser zur Gestaltung des christlichen Lebens braucht, erhält er nur durch starkes Interesse für die Wahrheit. Ist dieses Interesse nur halbherzig, ist ihm anderes gar wichtiger, so wird er das, was er liest, auch nur zum Teil oder gar gänzlich missverstehen:.

Was folgt alles aus der herausragenden Bedeutung der drei Prinzipien (Mt 23,23) ? Es folgt daraus konkret, dass niemand und nichts, weder ein Mensch noch eine Lehre noch eine Aussage noch irgendein Gebot der Bibel gegen die Barmherzigkeit verstoßen darf, keine Aussage der Bibel darf gegen das Gebot der Fairness und der Liebe zum Recht verstoßen und gegen das, was Gläubige unter Treue und Redlichkeit nach bestem Wissen und Gewissen verstehen. Der Gläubige hat nicht nur das Recht, die Maßstäbe Jesu auf jede Aussage der Bibel anzuwenden, sondern die Pflicht! Dem „Buchstaben, der tötet“ (2.Kor 3,17), darf der Gläubige den Buchstaben der höchsten und wichtigsten Gebote entgegenhalten. Wir können die Maßstäbe Christi deswegen auch als Schlüssel betrachten, der uns den lebensfördernden Sinn der Heiligen Schrift aufschließt. Je mehr eine Aussage diesen Maßstäben widerspricht, desto weniger Gewicht kann sie haben. So darf der Gläubige z.B. die Aufforderung Davids, „kleine Kinder an einer Mauer zu zerschmettern“ (Ps 137,9), als Satz mit mit möglichst geringem Rang einstufen, Rang 0 sozusagen. Er darf solche Aussagen quasi „abschalten“. Er kann das ganz offen im Auftrag und in der Autorität Jesu tun. Dieses Recht gehört zur Würde des Gotteskindes.

In Gottes Schöpfungswerkstatt sehen wir eine ähnliche Vorgehensweise. Auch das vom Schöpfer konzipierte biologische “Lebensbuch”, die Erbsubstanz, wird mit Hilfe übergeordneter Mechanismen ausgelesen. Um das Leben zu entwickeln und zu erhalten, werden Abschnitte des genetischen Codes nach einem sinnvollen Plan aktiviert, zeitweilig deaktiviert oder ganz stillgelegt. Eine gleichzeitige und dauerhafte Aktivierung aller Abschnitte findet niemals statt. Ähnliches ist auch bei der Bibel zu sehen. Die Autorität der Heiligen Schrift nimmt durch Deaktivierung problematischer Bibelstellen so wenig Schaden wie die Funktionstüchtigkeit einer lebendigen Zelle. Auf diese Weise kann der Gläubige an der Vertrauenswürdigkeit der Heiligen Schrift festhalten und gleichzeitig offen zugeben, dass er bestimmte negativ wirkende Aussagen der Schrift kennt, sie nicht ignoriert, verschweigt oder verharmlost, aber sie mit niederem Rang einstuft, nicht eigenmächtig, sondern weil ihn dazu ein höherrangiges biblisches Prinzip autorisiert.

Erst dadurch entsteht wirklich Freiheit gegenüber dem Buchstaben, deren Missbrauch aber wenig Sorge machen muss, da das Gewissen an die zentrale Motive Jesu gebunden bleibt. Zum anderen kann der Gläubige eine klare Grenze zur Propaganda ziehen („www.matth2323.de/propaganda“.) – und muss nicht im Interesse der eigenen Glaubensgewissheit lügen, was ihn im Gespräch mit Andersdenkenden erheblich glaubwürdiger macht. Nicht nur das, sondern er wird darin seinem Vorbild Jesu erheblich ähnlicher. Ich bin davon überzeugt, dass Jesus nie lügen würde, auch nicht im Interesse der Glaubenssicherung.

Wenn wir die Priorität der drei Maßstäbe Jesu anerkennen, so sind sie natürlich auch wichtiger als die Aufforderung der etablierten bibeltreuen Theologie, alles in der Bibel für 100% richtig und vollkommen und von göttlicher Qualität zu halten.Viele Gläubige indes befürchten ihr Vertrauen in die Bibel zu verlieren, wenn sie dieses Dogma anzweifeln. Ihre Befürchtungen vor einem Glaubensverlust lassen sich leider oft auch nicht durch Glaubensvorbilder (wie z.B. Dietrich Bonhoeffer) ausräumen, die einen starken Glauben ohne Beachtung dieses Dogmas geschenkt bekommen haben.

Deswegen verbietet es sich, aus dem Denkansatz einer schöpfungsgemäßen Inspiration ein Dogma zu machen. Wir können es nur als “Denk-Modell” anbieten, als eine Denkmöglichkeit, für die etliche sehr gute Argumente sprechen. Jeder Gläubige sollte selber darüber entscheiden dürfen, welche Sichtweise seinem Glauben und seiner Heilsgewissheit nützlicher ist.

De facto werden Anhänger der Fehlerlosigkeitsdoktrin ebenfalls Bibelworte als weniger wichtig oder unbedeutend einstufen. Sie werden es aber in einer unauffälligen Weise tun und die Tatsache verdrängen, dass auch sie mit unterschiedlicher Qualität von Bibelworten rechnen. Der Vorgang der Verdrängung wird am wenigsten bewusst, wenn er der Tradition gemäß von allen gleichermaßen praktiziert wird.

Für die genannten Seelsorgenotfälle steht wenig Auslegungstradition zur Verfügung. Entweder wird man eine dem Buchstaben gemäße Auslegung anbieten, die einen unbarmherzigen und armseligen Eindruck macht oder man wird eine großzügige Bewertung liefern, die aber nicht mit biblischer Autorität begründet werden kann. Das ist aber die entscheidende Voraussetzung, ohne den das verwundete Gewissen nicht zur Ruhe kommen wird.

Leider spielt Ihr Aufsatz spielt das Problem herunter. Er behauptet, dass der „reife Gläubige“ durch den Heiligen Geist einen Zustand der „Beinahe-Vollkommenheit“ erreichen könnte, in dem der Konflikt mit dem Buchstaben nicht mehr vorhanden ist.

4. Eine oberflächliche Sicht von Sünde lässt Illusionen blühen.
Diese irrige Vorstellung kann entstehen, wenn man eine sehr oberflächliche Sicht der Sünde hat und darunter nur negative Gefühlsaufwallungen versteht, Gefühle des Hasses, des Neides, der Gier, des Hochmutes usw. Solche Regungen lassen sich in der Tat auf ein Minimum zurückfahren, besonders wenn man gute Kompensationsmöglichkeiten hat.  Wenn man aber den Bereich der Unterlassungssünden ansieht, dann fällt das Bild schon wesentlich negativer aus. Die genannten Qualitätsmaßstäbe Christi – Barmherzigkeit, Fairness, Ehrlichkeit – haben nicht nur eine unverzichtbare Funktion beim Interpretieren des Bibeltextes, sondern auch bei der Prüfung, ob die Bruderliebe aufrichtig ist. „Lasst uns nicht lieben mit der Zunge, sondern mit der Tat und in aufrichtiger Weise.“ (1.Joh 3, 18) Diese Ermahnung stammt von eben dem Apostel, der die Gemeinde über die gemeinschaftszerstörende Wirkung der Sünde belehrt hat. Den Bruder oder die Schwester aufrichtig lieben, heißt, „mitzuleiden“ (1.Kor 12), seine „Last mitzutragen“ (Gal 6,2) und zu lindern.

Wieweit ist diese Bereitschaft wirklich vorhanden ? Hat es Zweck, etablierte Theologen auf die Möglichkeit hinzuweisen, wie leicht das Leiden unter dem „tödlichen Buchstaben“ (2.Kor 3,7) mit Hilfe der Qualitätsmaßstäbe Jesu (Mt 23,23) beendet werden kann ? Wie werden sie reagieren ? Wird man diese Hilfe weiterempfehlen, froh darüber, endlich verzweifelten Geschwistern beistehen zu können ? Oder wird man über diesen Ausweg nicht reden, weil sie mit der offenen „Abschaltung“ mancher biblischer Aussagen verbunden ist und deshalb mit dem Fehlerlosigkeitsdogma wenig harmoniert ? Wird man weiter in Kauf nehmen, dass Gläubige in der Psychiatrie dank des eigenen „Bibelverständnisses“ dahinvegetieren ? Die Erfahrung zeigt: Man nimmt es ganz selbstverständlich in Kauf. Weil man das eigene Bibelverständnis, bildlich gesprochen „den Sabbatüber diese armen Menschen gestellt hat! Und wenn man das tut, obwohl man weiß, dass die eigenen Vorschläge kaum helfen werden, was ist das dann ? Ist das als eine Bagatelle anzusehen oder ist das verantwortungsloser,  herzloser, scheinheiliger Buchstabendienst, mit einem Wort: handfeste, schwere, ohne Reue begangene Sünde ?

Wie häufig haben wir Gemeindevorstände angeschrieben und um Erlaubnis gebeten, die Mitglieder der Gemeindeversammlung über Gefahrenquellen in der üblichen evangelikalen Lehre informieren zu dürfen. Immer wieder haben wir die bittere Erfahrung machen müssen, dass diese Bitte abgelehnt wurde. Dabei war bisweilen noch nicht einmal die theologische Brille für die Ablehnung verantwortlich, sondern schlicht und einfach der Wunsch, den Glauben möglichst werbewirksam und positiv präsentieren zu können. Auf das Image sollte keine dunklen Flecken fallen. („www.matth2323.de/blinder-fleck“.) Nur auf diesem Weg – so hofft man – werden möglichst viele Mitglieder hinzugewonnen – was ja für Ansehen und Einfluss des Gemeindevorstandes und nicht zuletzt für die Kollekte von erheblicher Bedeutung ist.

Man beruhigt sich damit, dass es „nur so wenige“ sind, die von ihrem Gewissen zerfleischt werden. Es sind in der Tat nur wenige, aber verträgt sich die Gleichgültigkeit gegenüber ihrem schweren Leid mit dem Gebot: „Einer trage des anderen Last“ (Gal 6,2) ? Nur wenn ein solcher Unglücksfall plötzlich die eigene Familie betrifft, wird man sich der Grausamkeit dieser Einstellung bewusst. Ist das als eine Bagatelle anzusehen oder ist das verantwortungsloser, herzloser, scheinheiliger Buchstabendienst, mit einem Wort: handfeste, schwere, ohne Reue begangene Sünde ?

Auch wenn es nur ganz wenige sind, die mit solchen Problemen in der Seelsorge erscheinen, sollte ein Seelsorger darauf vorbereitet sein. Was geschieht, wenn die Bibelstellen, die der Seelsorger dem Ratschenden als Lösung des Problems präsentiert, wieder relativiert werden durch deprimierende Bibeltexte? Wenn keine klare Auskunft kommt, dass ist es verständlich, dass der Ratsuchende nicht wieder erscheint, sondern weiter auf der Suche nach einer Antwort herumirrt. Kein Wunder, wenn auf diese Weise in der Gemeinde der Eindruck entsteht: „Bei uns gibt es solche Nöte nicht!“ Warum kann man dem Ratsuchenden nicht das Recht zugestehen, bei offensichtlicher Schwäche der eigenen Seelsorge, zumindest auch den Lösungsvorschlag mit Matth 23,23, die den Kardinalfehler der Schriftgelehrten vermeidet, kennenzulernen ?

Nicht zuletzt muss man über die Selbstherrlichkeit von Gemeindeleitern und -vorständen staunen, die allen Ernstes meinen, dass sie das Recht hätten, die Mitglieder der Gemeindeversammlung vor Schadensmeldungen abzuschirmen. Das ist sehr verbreitete – und sehr schwere ! – Sünde in evangelikalen Kreisen: die übliche Geringschätzung der Autorität der Gemeindeversammlung. (siehe: „www.matth2323.de/autoritaet-der-gemeindeversammlung/“) Ein „Ältestenspiegel“ nach biblischen Maßstäben (www.matth2323.de/vorbilder-im-glauben/) könnte diesem Misstand abhelfen – doch was glauben Sie, wieviel „reife Christen“ sich dafür wohl in bibeltreuen Gemeinden interessieren werden? Mehr als einer von von 1000?

Zur aufrichtigen Bruderliebe gehört, dass der Gläubige bereit ist, den „anderen höher zu achten als sich selbst.“ (Phil 2,3). Das sollte nicht schwerfallen, wenn man sich klarmacht, dass Jesus auch den „geringsten Gläubigen“ unter seinen persönlichen Schutz genommen hat (Mt 25,40) und ihm in naher Zukunft die Königs- und Priesterwürde verleihen wird. (Offb 1,6) Zu dieser bleibenden Würde tritt die vergängliche Würde eines Doktor- oder Professorentitels nicht selten in Konkurrenz.

Wie oft kommt es inzwischen vor, dass bessere Argumente eines Bruders gering geschätzt und vom Tisch gewischt werden, bloß weil er keinen Titel hat ! Gläubige mit Titel können Einfluss erwerben, der ihnen gemäß ihrem geistlichen Zustand gar nicht zusteht und sich notwendiger Kritik entziehen, indem sie nur den als Gesprächspartner akzeptieren, der ähnlich wie man selbst Kompromisse zugunsten einer Institution gemacht hat. Auf diese Weise agieren Theologen schließlich als Vertreter von Interessenblöcken, von Institutionen – ein Zustand, den Jesus niemals akzeptieren würde so wie auch dem Apostel Paulus die Bildung von Parteiungen unter der Fahne von „geistlichen Koryphäen“ verhasst war. (1.Kor 3,4-8) In Gal 5,20 steht die Sünde der „Rottenbildung“ zwischen den kapitalen Sünden „Götzendienst“ und „Mord“. Wer Mitchristen zur Feindschaft verleitet gegenüber Gläubigen, die die eigene Institution kritisch sehen, begeht keine Bagatellsünde !

Immer wieder haben wir die Erfahrung machen müssen, dass bibeltreue Glaubensgeschwister Angst davor haben, ihre Mitchristen oder Studienkollegen auf die überragende Bedeutung von Mt 23,23 für eine lebensfördernde Auslegung hinzuweisen. Auf diese Weise haben sie der Gemeinde den „Schlüssel zum Himmelreich“ wieder weggenommen. Mit Hilfe dieses Schlüssels hätten Gläubige lernen können, selbständig zu urteilen. Die Schriftgelehrten damals ignorierten mit ihre eigene Auslegung die Maßstäbe Christi und waren deshalb blind. (Lk 6,39) Sie legten  den Menschen „unerträglich schwere Lasten“ auf (Mt 23, 4), so wie auch heute die Theologie – soweit sie die Maßstäbe Jesu in Mt 23,23 ignoriert – für Gläubige äußerst belastend,schädlich, ja giftig werden kann. („www.matth2323.de/giftige-theologie“.)

5. Das empfohlene Patentrezept taugt nichts!
Was geben Sie nun für einen Rat? Sie versprechen sich etwas davon, wenn „der Gehorsam sich … mehr auf die eigene Identität in Christus (konzentriert), als auf das eigentliche Handeln, das diese Identität widerspiegeln soll.“ ( Seite 13, 2.Spalte oben.) Was soll dieser nebulöse Satz bedeuten ?

Ist das eine Aufforderung zum Optimismus („Die Warnungen betreffen  alle nur andere, aber nicht mich“) ? Soll man die oben genannten Defizite verdrängen oder auf die lange Bank schieben, die doch bekanntlich des Teufels liebstes Möbelstück ist ? Woher weiß der Gläubige, dass er sich diese Gelassenheit leisten kann? („www.matth2323.de/alternativen/#optimismus““) „Wer den Willen des Vaters nicht getan hat“ (Mt 7,21), ist am Ende draußen, in der Hölle. So warnt Jesus am Ende der Bergpredigt. Solche aufschreckenden Worte finden sich hier und dort in der Bibel und sie müssen sinnvoll und überzeugend eingeordnet werden.

Ist Leben in der Freiheit Gottes wirklich nur eine Frage der theologischen Intelligenz ? Die Autorin resümiert: „Denn wer das Gehorsamshandeln vor die Gottesbeziehung stellt, hat letztendlich die Botschaft des Kreuzes und die Essenz des Christseins nicht verstanden.“ (ebd.) Der war also schlicht zu dumm für die frohe Botschaft ! Ach was !

Meinen Sie wirklich, dass Ratschläge dieser Art den Gläubigen, deren Not oben beschrieben worden ist, zu einem Leben in der Freiheit des Geistes verhelfen werden ? Sie tragen zweifellos viele Details über das Gesetz zusammen, die nicht falsch sind, doch wozu ? Die Quintessenz ihrer Bemühung bleibt nebulös, ein Sack voller Phrasen ohne praktischen Nährwert.

6. Ein auffälliges Fehlen von Mitgefühl ist zu beklagen
Ein schwerer handwerklicher Fehler liegt bereits darin, dass am Anfang keine Anamnese, keine Erforschung des Krankheitsbildes der religiösen Depression stattfindet. Welcher Arzt würde so vorgehen ? Wer nur ins Buch guckt und meint, das Buch weiß alles, der braucht sich den Menschen nicht mehr anzusehen? Das soll nun richtig sein ? Nicht der Gläubige, der sich in einer bedrohlichen Lage wiederfindet, wird verteidigt, er findet in dieser langen Abhandlung für seine Situation weder Mitgefühl noch einen tatkräftigen Fürsprecher. Warum auch ? Er hat sich gefälligst dem Gesetz, so wie es von „maßgeblichen“ Theologen interpretiert wird, anzupassen. Wenn er es nicht kann – dann hat er eben Pech gehabt !

Ich weiß nicht, was Sie sich unter einem „reifen Christen“ vorstellen. Wenn es typisch für „geistliche Reife“ ist, dass die konkrete Situation weder interessiert noch Mitgefühl erzeugt, dann Gute Nacht! Was hat das mit der Liebe Jesu zu tun? Hier wird wohl „Reife“ mit Fäulnis verwechselt.

Der vom Gesetz Gequälte findet in Ihrem Aufsatz keine praktische Hilfe. Alleingelassen hört er als letzten Satz noch einmal den Triumph der Propaganda: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit !„(2.Kor 3,7) Tatsächlich ? Zu ihm ist die Freiheit nicht gekommen und er weiß nach wie vor nicht, warum das so ist. So bleibt ihm nur die niederschmetternde Erkenntnis: der Geist des Herrn ist eben nicht mehr da. So ist es eben und so bleibt es.

7. Wie ist Jesus mit dem Gesetz umgegangen ?
Hat Jesus die Menschen auch so mit dem Gesetz allein gelassen ? Ich glaube nicht. Denn wo Jesus ist, da ist wirklich Freiheit ! Hat er nicht die Vertreter des Gesetzes zurechtgewiesen, als er sagte: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ ? (Mk 2,27) Warum erscheint diese äußerst wichtige Aussage Jesu nirgends im vorliegenden Artikel ? Ist sie für die Not mit dem Gesetz nicht relevant ?

Warum fällt niemandem im Ethikinstitut dieser gravierende Mangel auf ?

Die Überschrift nennt den Aufsatz „einen Text zur Diskussion“. Doch wo sind die kritischen Gegenstimmen ? Es sind keine da. Findet die Diskussion noch statt oder ist das auch wieder nur eine Phrase ? Üblicherweise findet doch nur wieder eine zensierte Diskussion statt, eine Scheindiskussion, wo der Sieger von vornherein feststeht. Wo das geschieht, ist die Lüge zu Haus. Mit dieser Einstellung werden junge Menschen manipuliert und lernen, ihrerseits andere zu manipulieren.

Wem fällt auf, dass die ganze Art und Weise, über das Problem zu schreiben, dem Stil Jesu und der Apostel fremd ist ? Jesus und seine Jünger redeten von Herz zu Herz, voll Liebe und Erbarmen, freundlich und verständlich. „Alles Volk hörte Jesus gern.“ (Mk 12,37) Von den Lehrern zur Zeit des Nehemia heißt es: „sie legten das Gesetz so aus, dass es jedermann im Volk gut verstehen konnte“ (Neh 8,8). Kann man das über diesen – zweifellos in üblichem Stil gehaltenen – Artikel auch sagen ?

Es liegt mir fern, Ihnen allein die Verantwortung für diesen Artikel zuzuweisen, der den falschen Eindruck vermittelt, dass die Not mit dem Gesetz verantwortungsbewusst und kompetent angegangen wird. Man kann damit rechnen, dass solche und ähnliche Schriften in großer Zahl in einer Institution entstehen, deren monopolartige Position es erlaubt, sich gegen notwendige Korrektur abzuschotten. Sie wird nicht nur ihren Studenten durch Hierarchie und Denkverbote Anpassung nahelegen, sondern auch dem „schlichten Gläubigen“ von hoher Warte her mitteilen, was er leichtgläubig zu übernehmen habe. Eine echte Diskussion der Qualität des Erarbeiteten kann so schwerlich zustandekommen.

Eine solche Institution mag sich selbst von vornherein als die „beste aller theologischen Welten“ verstehen. Ihr Plus ist natürlich der (zu Recht) bestehende Vorwurf gegenüber der liberal-atheistischen Theologie, einen von Gott losgelösten Intellektualismus zu betreiben und auf diese Weise den Irrtum zu fördern. Doch der Verdacht will nicht verschwinden, dass hier auch ein „linientreues“, sich als „bibeltreu“ verstehendes Institut auf andere, ebenso nachteilige und unkorrigierbare Weise einem Intellektualismus verfallen ist, der sich zwar noch auf Gott und sein Wort beruft, aber mit der Geisteshaltung Jesu und seiner Jünger sehr wenig zu tun hat.

Artikel aktualisiert am 09.09.2021

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