Ein Betroffener berichtet über seine innere Not und den Weg, den er gegangen ist. Das Video beleuchtet zentrale Fragen rund um Heilsgewissheit, geistliche Orientierung und die seelsorgerlichen Herausforderungen, die damit verbunden sind.
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AUDIO: Fehlende Heilsgewissheit
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Transkript
(flüssig formuliert, inhaltlich nah am Original; Füllwörter, Wiederholungen und Versprecher reduziert)
**Simon:**
Ja, hallo liebe Geschwister, ich grüße euch im Namen unseres Herrn Jesus. Heute gibt es eine Premiere: Ich führe ein Interview mit einem Bruder, dessen Namen ich nicht nennen soll. Ihr werdet ihn nicht sehen, aber ihr könnt ihn hören. Es geht um die Frage: Kann ein Kind Gottes noch verloren gehen?
In den letzten beiden Folgen habe ich darüber gesprochen. Diese Folgen richten sich auch an Leute, die sich sehr sicher sind, dass sie das Heil nicht verlieren können – um einmal die andere Seite zu zeigen. Aber ich weiß: Es gibt viele Geschwister, die seit Jahren in großer Not sind und keine Heilsgewissheit haben.
Ich war kürzlich in einer russlanddeutschen Gemeinde. Ein junger Bruder sagte mir: „Ich glaube, achtzig Prozent hier haben keine Heilsgewissheit – und viele denken sogar, dass sie verloren gehen.“ Sie sind unter sehr strenger Erziehung und Belehrung groß geworden und halten sich für unwürdig. Das muss man sehen: Es gibt mehr Gläubige ohne Heilsgewissheit, als wir denken.
Besonders für sie ist dieses Gespräch heute gedacht. Lieber Bruder, meine erste Frage: Wie kam es dazu, dass du irgendwann gemerkt hast: Mit der Bibel und dem, was da steht, kann ich nicht umgehen – daran gehe ich zugrunde?
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**Christian:**
Ja, hallo erstmal. Danke, dass du mich dazu befragst. Ich finde es wichtig, dass solche Erfahrungen in der Gemeinde Gottes nicht unter den Tisch fallen. Wir sind ein Leib – wenn ein Glied leidet oder verzweifelt, betrifft das auch die anderen.
Bei mir fing das sehr früh an. Ich bin streng christlich erzogen worden. Mit vier Jahren zeigte mir mein Vater schon Bilder von der Kreuzigung. Das war schwer zu verarbeiten. Ich kam später in eine fundamentalistische, ethisch sehr strenge Jugendgruppe. Bibelverse über Hölle, Gericht und unbedingten Gehorsam haben sich tief eingeprägt. Es gibt viele Bibelworte, die uns ein knallhartes Entweder-Oder vor Augen führen, zum Beispiel: “wenn du lau bist, dann wirst du ausgespieen aus dem Mund Gottes” oder “Verflucht ist, wer Jesus nicht liebt.” Und wenn Menschen nur sagen: “Herr, Herr”, sie machen aber nicht das, was Jesus verlangt, die sind dann selber schuld, wenn sie später in den Himmel hinein wollen und nicht rein dürfen nach ihrem Tod. Solche Aussagen haben mich sehr erschreckt und haben bei mir eine tiefe Ehrfurcht erzeugt.
Meine Bibellehrer waren engagierte, treue Christen, liebevoll und hilfsbereit. Sie waren meine Vorbilder. Gerade deshalb habe ich das, was sie sagten, nicht hinterfragt. Ich dachte: Das ist die beste aller Welten, so muss man denken. Auch mein Vater war mir so ein Vorbild in der liebevollen Fürsorge für andere in praktischen Dingen, dass ich sagte, so möchte ich eigentlich auch werden. . Und er selber schien ja auch keine Probleme mit bedrohlichen Bibelstellen zu haben.
Dann kam mein erster Absturz. Ich zermarterte mich an dem Bibelwort: “Wer etwas Gutes zu tun weiß und tut es nicht, dem ist es Sünde” was bei mir zu der Frage führte: Muss ich nicht alles hingeben? Wer bin ich, dass ich Geld für Hobbys ausgebe oder mir das Leben angenehm mache, während andere kaum überleben? Bin ich nicht verpflichtet, alles zu tun, damit andere nicht verhungern, damit andere Christen nicht ihre Töchter in die Prostitution verkaufen müssen, weil sie sonst nicht mehr ihre Existenz fristen können. Ich fand keine Antwort, die meine Seele zur Ruhe brachte.
Andere Glaubensgeschwister haben mir gesagt: Der christliche Usus ist, dass du den Zehnten gibst und damit ist Gott auch zufrieden. Aber das erschien mir unglaubwürdig. Erstens ist der Zehnte eine Regelung die Jesus gut geheißen hat, zu einer Zeit, wo es die christliche Gemeinde noch gar nicht gab und wo diese Bibelworte von Paulus oder von Jakobus, dass einer dem anderen beistehen, also dass die Mitglieder des Leibes Christi zusammenhalten, sich gegenseitig helfen müssen, … das spielt ja noch gar keine Rolle. Insofern war der Zehnte – soweit ich sehen konnte – eine sehr vorläufige Regelung. Zweitens sah ich Christen, die sehr luxuriös lebten – Reisen, große Häuser, teure Autos – und das wurde als Segen Gottes gefeiert. Das machte mich innerlich fertig. Wenn strenge Gerichtsworte gelten, dann gelten sie doch für alle – auch für mich.
An dieser Frage habe ich mich furchtbar wund gescheuert. Irgendwann habe ich respektlose Worte gegen Gott gerichtet. Ich habe geschimpft, gehadert, gefragt, warum bist du so? Ist es nicht gemein von dir, dass wir nur spirituelle Freuden haben dürfen, aber keine materiellen. Ich finde das schlimm, dass du geistliche Freuden über die materiellen stellst. Und als ich das alles gesagt hatte, überfiel mich eine ganz furchtbare Angst, nämlich dass ich jetzt die geistliche Freude abgewertet hätte. Ich hatte damit den Geist Gottes abgewertet. Ich hatte ein Wort gegen den Heiligen Geist gesagt und die Bibel sagt: wer ein Wort gegen den Heiligen Geist sagt, der geht verloren. Da ist keine Umkehr mehr möglich. Dass es mir leid tat, spielte dann auch keine Rolle mehr. Auch spielte es jetzt keine Rolle mehr, dass ich bald darauf auf das Bibelwort stieß, das Christen den Wohlstand erlaubt (1.Tim 6,17). Und ja, so war mein Leben nach der Schulzeit zu Ende. Ich hatte nur noch Angst, ganz grausame Todesangst vor der ewig dauernden Höllenstrafe. Von da an war mein Leben geprägt von dieser Angst. Jahrelang, Jahrzehnte. Und ich traf immer wieder Menschen, denen es ähnlich ging. Ein alter, treuer Diakon, sehr liebevoll, aber immer wieder Psychiatrie. Seine Frau sagte: „Er weint und sagt wieder: Mein Jesus hat mich nicht mehr lieb.“ Solche Schicksale sind mir immer wieder einmal begegnet.
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**Simon:**
Kann es sein, dass vieles „nur im Kopf“ passiert ist? Gott hat ja nicht hörbar gesagt: „Jetzt ist Schluss mit dir. Meine Geduld ist jetzt zu Ende mit dir. Jetzt will ich mit dir nichts mehr zu tun haben”. All das hat Gott ja de facto nicht zu dir gesagt, aber du hast irgendwo eine innere Verzweiflung gehabt, die in dir aufkam, dass du gedacht hast, jetzt wird Gott mir nicht mehr vergeben können. Würdest du sagen, das war alles irgendwie eingebildet oder würdest du jetzt im Nachhinein trotzdem sagen, die Bibel gibt diesen Befund her?
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**Christian:**
Ja, gut. Natürlich habe ich kein direktes Signal von Gott bekommen, keine Flammenschrift an der Wand. Das ist klar, aber ich hatte doch Empfindungen, die mich extrem erschreckt haben. Zum Beispiel hat sich die Wahrnehmung von Tönen verändert. Die Stimmen von Menschen, die mir lieb und teuer waren, die kamen zu mir wie durch eine Röhre gesprochen. Das klang ganz anders plötzlich. Und auch das, was ich sah, war irgendwie von einem dunklen Schleier überlagert. Also, es war dunkler, die Farben waren dunkler und das waren sinnliche Phänomene, die mich sehr erschreckt haben. Natürlich kann ich sagen, der Körper hat das produziert, die Nerven waren durch den Schrecken völlig überreizt, aber ich hatte ja nichts anderes als die Sinneserfahrung und genau diese Wahrnehmung hat die Angst extrem verstärkt. Ich habe großen Fleiß aufgewendet, um meine Angst zu mildern. Ich habe mir dicke Stapel Karteikarten mit Verheißungen Gottes aufgeschrieben. Die trug ich immer bei mir und habe sie auswendig gelernt, in der Hoffnung, dass ich damit diese Ängste überschreiben könnte. Und ich habe die Bibel von vorn bis hinten durchforscht, um irgendwo Anknüpfungspunkte zu finden, die mir erlaubten, mein Versagen positiver zu sehen.
Aber da war wohl schon eine Prägung vorhanden, die das verhindert hat. Seit frühester Jugend habe ich immer nur gehört: „Gott ist lieb, aber zugleich auch unendlich grausam, weil er gerecht sein muss.“ Dieser Satz hat sich tief eingebrannt. Ein anderes Gottesbild konnte sich kaum bilden.
Eine Wende gab es eigentlich erst, seitdem ich mich insbesondere vom Hebräerbrief als Spätwerk des Kanons distanzieren konnte, so wie es Martin Luther schon in seiner ersten Bibelausgabe gemacht hat.
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**Simon:**
Spielt deine Erziehung da eine Rolle? War sie der Grund, dass du dieses negative Gottesbild nicht hinter dir lassen konntest? Es gibt ja doch viele positive Bibelstellen: Gott ist wie ein Vater, der gerne vergibt. Vielleicht haben Vater oder Mutter dein Bild zu negativ geprägt?
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**Christian:**
Ich war das erstgeborene Kind. Mein Vater hatte kaum praktische Erfahrung mit Erziehung. In aller Gutgläubigkeit hat er die Bibel wörtlich genommen . Er erzog mich sehr streng, auch mit Prügel, Er nahm den Stock – aus Pflichtbewusstsein, aus Gehorsam gegen Gott, nicht weil es ihm Spaß machte.. in der Bibel steht ja: “Wer seinen Sohn lieb hat, der züchtigt ihn” oder “Wer seinen Stock schont, der hasst seinen Sohn”. Und das wollte ja mein Vater überhaupt nicht: mich hassen. Und deswegen habe ich diese Version von Liebe kennengelernt. Er hat mir gesagt, es tat ihm selber leid, das zu tun, sehr weh sogar, aber er musste ja Gott gehorchen, der das Beste für uns wollte. Und so habe ich also diese Prägung durch Prügelstrafe erlitten. in diesem Punkt gibt es eine Parallele zu Luther, der ja auch eine ähnlich strenge Erziehung mit Prügel wegen wegen kleiner Bagatellen erlitten hat und der auch sagte, dass diese Ängstlichkeit, die dadurch in seiner Seele entstanden ist , ihn ins Kloster getrieben hat. Das kann man in seiner Biografie nachlesen. Bei mir war es eigentlich ähnlich, Durch die Angst vor Prügel im Kindesalter habe ich eine riesengroße Ängstlichkeit entwickelt, die ich zeitlebens nicht mehr los wurde, wobei ich sagen muss, dass mein Vater mir ein ganz großes Vorbild war, gerade in punkto liebevoller Fürsorge. Ich konnte mit jedem Problem zu ihm kommen. Er half immer gerne und ermutigte. Genau das machte ihn so überzeugend, dass ich seine Ansichten nicht hinterfragte.
Ich habe oft gedacht: Wenn Gott so wäre wie mein Vater, dann hätte ich keine Mühe zu glauben, dass er mir vergibt. mein Vater hat sich ja auch zu meiner Überforderung und zur Lästerungssünde geäußert und gesagt: selbstverständlich vergibt dir Gott, deine Fehler sind doch allzu menschlich. Aber ich wusste eben, mein Vater ist nur ein Mensch und sein Trost ist nur eine subjektive, gut gemeinte Meinung. Sie kann auch falsch sein. Wer will das wissen? Die Theologie hatte schlussendlich ein viel größeres Gewicht, diese grundsätzliche Prägung, dass Gott lieb und zugleich unendlich brutal ist um der Gerechtigkeit willen. Das war der Satz, der über allem stand und dagegen konnte mein Vater auch nichts machen und mir nicht helfen.
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**Simon:**
Wie erklärst du dir, dass viele Christen gar keine Not haben mit einem negativen Gottesbild?
Dass sie fröhlich glauben? Ist es Verdrängung? Wie erklärst du dir das?
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**Christian:**
Ich kann nachvollziehen, warum andere weniger Probleme haben. Ich habe die Dummheit begangen, die Bibel sehr intensiv schon ganz früh zu studieren. Ich habe ein enormes Bibelwissen gehabt. Schon in der Schulzeit habe ich Hebräisch und später Griechisch gelernt. Ich hatte die naive Vorstellung: je tiefer ich in die Bibel eindringe, desto segensreicher wird es. In bibeltreuen Gemeinden wird man ja auch ständig in diesem Sinn belehrt. So steht es ja auch an vielen Stellen in der Bibel (z.B. Psalm 1,1-3). Aber diesen Aufwand treiben ja ganz viele Christen gar nicht. Die leben mit dem Losungsbüchlein von der Hand in den Mund. Dort holen sie sich etwas Ermutigung – und der Schwerpunkt liegt auf Ausbildung, Beruf, Familie. Bei mir ging das früh kaputt. Die Ängste haben mir meine Ausbildungen zerstört. Ich hatte wenig Segenserfahrungen, an denen ich mich festhalten konnte. Ich hatte kaum jemals den Eindruck, dass es Gott mit mir gut meint, dass sich irgendwo mal etwas entfaltet im Leben.
Und meine Gedanken liefen immer so: „Ja, Gott vergibt vielleicht – aber da kommt noch eine Rechnung zu Erziehungszwecken , damit du endlich lernst, dass mit Gott nicht zu spaßen ist, dass Sünde nicht leicht fertig getan werden darf. Man darf nie mit der Sünde spielen und das hast du nicht begriffen, weil du es ja schon zum wiederholten Mal gemacht hast. Deswegen kriegst du jetzt auch die Rechnung präsentiert. Wie bei Strafen früher: angekündigt und Stunden später vollzogen. Bitten half nichts. Diese Logik hat sich in mein Gottesbild übertragen.
Dazu kam Druck: Ein Bibellehrer sagte mir, ich sei schuld, wenn Klassenkameraden verloren gehen, wenn ich nicht evangelisiere. Ich habe sogar einmal auf dem Marktplatz gepredigt – aus Schuldgefühl heraus. Das verstärkte das Bild: Gott ist extrem fordernd.
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**Simon:**
Wie ist es heute bei dir? Bist du mit Gott im Reinen? Oder ist da immer noch diese Angst,
dass Gott mit dir nichts mehr zu tun haben will, dich ablehnt?
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**Christian:**
Die Höllenaussagen schrecken mich inzwischen weniger. Aber ich empfinde mein Leben als misslungen, denn ich habe infolge häufiger Ängste keinen beruflichen Erfolg einfahren können. Ich bin sozusagen das schwarze Schaf der Familie. Ich fühle mich vergleichsweise als ungesegnet. Und dazu kommt auch noch, dass immer wieder Christen mich ablehnen. Ich kann natürlich über meine Not schlecht sprechen, ohne auch bei ihnen gewisse Befürchtungen wachzurufen.
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**Simon:**
Wie du mir erzählt hast, hast du deine Gedanken und Gefühle durch eine Internetseite verarbeitet, die du eingerichtet hast. Wenn du deine Botschaft an Christen in wenigen Worten sagen müsstest: Was wäre das?
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**Christian:**
Meine Seite heißt „bibelbrillen.de“. Meine Botschaft: Es ist gefährlich, Bibelverse ohne Nachdenken eins zu eins wörtlich anzuwenden. Man braucht Weitblick, Sensibilität, seelsorgerliche Verantwortung. Man muss Nebenwirkungen ernst nehmen. Mein wesentliches Anliegen ist, dass Christen einen ehrlichen Austausch erlauben sollten. Es gibt verschiedene Sichtweisen, wie Inspiration in der Bibel wahrgenommen wird, verschiedene Methoden, mit problematischen Bibelstellen umzugehen. Eben unterschiedliche Bibelbrillen, die sich in ihrer Leistungsfähigkeit unterscheiden. Es muss erlaubt sein, Stärken und Schwächen dieser Bibelbrillen, dieser Sichtweisen nebeneinander zu stellen, zu vergleichen und sich dann auch nach bestem Wissen und Gewissen für die Bibelbrille zu entscheiden, die Nebenwirkungen vermeidet, die Persönlichkeitsentwicklung und die Liebe zum Nächsten stärkt, und die die Glaubenshoffnung unangetastet lässt. Es ist sehr problematisch, Christen mit sozialem Druck, mit Unfreundlichkeit oder Ausgrenzung dazu zu motivieren, alles nur durch die eigene Bibelbrille zu sehen.
Mein großes Vorbild ist Dietrich Bonhoeffer, der zwar nicht an die völlige Fehlerlosigkeit der Bibel glauben konnte, aber der trotzdem einen sehr starken Glauben und Freude an der Bibel hatte. Ich bin im Augenblick dabei, seine Texte zu lesen, ihn zu verstehen. Es ist nicht einfach und ich bin mir auch manchmal nicht sicher, ob ich alles so erfasst habe, wie er das erfasst hat. Ich sehe halt bloß, er hat einen Glauben gehabt, wie ich ihn gerne hätte
Und ich denke: Es darf nicht sein, dass man Fragen unterdrückt. Es braucht Gesprächskultur. Manche Bibelstellen werden „schnell überblättert“, damit der Glaube für die Mehrheit fröhlich bleibt – aber dann werden einzelne verzweifelnde Menschen geopfert. Das darf nicht sein.
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**Simon:**
Wenn ich dich richtig verstehe: Du musstest dich von einem fundamentalistischen Bibelverständnis lösen und dich für kritischere Überlegungen öffnen, um diese „Hammer-Aussagen“ zu relativieren. Würdest du – wenn du keine Angst hättest, wieder getriggert zu werden – gern wieder „fundamentalistisch“ glauben?
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**Christian:**
So wie du es formulierst, klingt es, als wäre ich „liberal“ oder hätte Spaß an Bibelkritik. Ganz im Gegenteil. Auf den liberalen Hochschulen ist es ja so, dass es als modern und cool gilt, wenn man möglichst viel in der Bibel findet, über das man meckern kann. Und dann gibt es ja auch diese Profilneurose der Professoren. Einer muss den anderen übertreffen und noch kritischer als der letzte Kritiker sein. Und es ist völlig egal, was vom Glauben übrig bleibt. Hauptsache, man hat wieder ein Buch geschrieben, dass alle anderen gekauft haben und das wieder eine Spur in der Theologiegeschichte hinterlassen hat. Diese ganze Art und Weise, aus Prestigegründen immer kritischer zu sein, ist mir zutiefst verhasst.
Ich halte den Glauben für unendlich kostbar. Ich habe gesehen, welche segensreiche Kraft Verheißungen haben. Ich glaube, dass viele Bibelworte aus der unsichtbaren Welt kommen, dass sie inspiriert sind und das Vertrauen stärken. .Aber ich sehe auch, dass es auch andere Bibelstellen gibt, die mein Vertrauen massiv stören und die ich nicht integrieren kann. Den Freiraum möchte ich nicht mehr aufgeben, zu sagen: Das ordne ich eher menschlicher Tradition zu, nicht Gott.
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**Simon:**
Würdest du sagen, die Bibel ist teilweise verfälscht? Oder dass der Anspruch nie war, dass alles vollständig inspiriert ist?
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**Christian:**
Die Frage liegt natürlich nahe, welche Auffassung von Inspiration hier sinnvoll ist. Stellt die Bibel denn überhaupt den Anspruch, vollkommen zu sein? .Es gibt zweifellos Bibelverse wie. “Dein Wort ist nichts als Wahrheit” in den Psalmen und “dein Wort ist siebenfach geläutert” und dergleichen mehr. Ein Satz dieser Art wird ja oft als Beweis genommen für die Vollkommenheit der Bibel. Es ist für mich aber auch denkbar, dass ein Satz dieser Art ein Lob ist, so ähnlich wie es ein Liebender über seine Geliebte ausspricht. Das heißt, er ist restlos begeistert von ihr. Er sieht nur ihre Vorzüge und es gibt aber auch gelegentliche Mängel, die ihm nicht als nennenswert erscheinen in seiner großen Zuneigung.
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**Simon:**
Also die Frage ist: glaubst du, dass die Bibel von Gott inspiriert ist in dem Sinne, dass Gott alles unterschreibt, was da steht, dass alles sein Gedanke ist? Oder meinst du, dass Gott den Menschen Freiheit gegeben hat, das so zu schreiben, wie sie denken, auch wenn sich dann Fehler eingeschlichen haben?
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**Christian:**
Ich kann mir schwer vorstellen, dass Gott alles eins zu eins diktiert und unterschreibt. Dafür hat die Bibel zu viel Leid angerichtet – gerade bei sorgfältig und fleißig lesenden Christen und auch in der Kirchengeschichte.. Grauenhaftestes Leid. Das alles wirkt auf mich pädagogisch fahrlässig und ich kann mir Gott nicht als pädagogisch fahrlässig vorstellen.
Martin Luther hat die Drohungen im Hebräerbrief als pädagogisch fahrlässig angesehen. Sie haben ihm die Glaubenshoffnung kaputt gemacht. Deswegen hat er einen klaren Schnitt gemacht und schon im Vorwort seiner ersten Bibelausgabe geschrieben, dass der Hebräerbrief in Teilen dem Evangelium widerspricht.
Ich habe eine ähnliche Erfahrung gemacht. Der Hebräerbrief hat in mir jegliche Hoffnung auf Vergebung zerstört mit der Drohung, für einen Gläubigen, der eine schwer zu identifizierende “rote Linie” überschritten hätte, d.h. “zu viel” gesündigt oder “zu wenig” geglaubt hätte, gäbe es keine Vergebung mehr, sondern nur noch ein schreckliches Warten auf die Hölle. Auch tätige Reue würde daran nichts mehr ändern. Der betreffende Mensch wäre rettungslos verloren.
Diese Aussage hat Luther furchtbar gequält. Auch mich hat sie zerstört. Sie steht doch in krassem Widerspruch zur Aussage Jesu: .:”Wer immer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen”. Die Zusage Jesu ist durch nichts eingeschränkt. Wie passt das zusammen? Für mich passt das nicht. Wer kann denn überhaupt sicher wissen, wo genau diese rote Linie verläuft? Ein enges Gewissen wird sie viel früher meinen zu sehen als ein weites Gewissen. Das ist doch ganz unfair.
Auch es festzustellen: der Hebräerbrief ist erst sehr spät zum Kanon erhoben worden durch Menschen wie du und ich, die Jesus gar nicht mehr persönlich kannten. Und da ist angesichts der destruktiven Wirkung auf sensible und sorgfältige Gläubige natürlich die Frage berechtigt: war es vielleicht eine falsche Entscheidung damals, den Hebräerbrief zum Bibelkanon hinzuzufügen?
Man muss darüber sprechen dürfen. Was ich schlimm finde: In bibeltreuen Kreisen darf man darüber nicht sprechen. Auf Fragen wird mit Panik oder Aggression reagiert. Aber es geht hier um Glaubensgeschwister in kaum erträglicher seelischer Not.
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**Simon:**
Man kann den Hebräerbrief auch anders auslegen. Du weißt ja, dass ich persönlich an die Allversöhnung glaube und andererseits auch die Auffassung vertrete, dass Gott strenger ist zu wiedergeborenen Christen als zu Ungläubigen. Gemäß Lukas 12,47 bis 48. “Wem viel gegeben ist, von dem wird Gott auch mehr fordern”. Würdest du sagen, dass die Allversöhnung noch eine Möglichkeit ist, eventuell sogar ein Trost für Christen, die völlig die Heilsgewissheit verloren haben oder würdest du sagen, die Bibel lehrt nicht die Allversöhnung und deswegen ist das für mich gar keine Option?
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**Christian:**
Es gibt Bibelstellen, die den Gedanken der Allversöhnung unterstützen und andere Bibelstellen, die ihr widersprechen. Die christliche Theologie ist in dieser Frage nie zu einer Entscheidung gekommen, die allen Gläubigen eingeleuchtet hätte. Es nützt mir nichts, wenn ich mir jetzt das ganze Regal voll stelle mit Büchern über die Allversöhnung. Das würde an meiner persönlichen Situation und an meinen Befürchtungen überhaupt nichts ändern.
Wenn es nun eine rote Linie gibt, woher soll ich wissen, ob ich sie nicht vielleicht schon überschritten habe? Ich kann es nicht sicher wissen, gerade weil ich nicht weiß, was Gott von mir mehr verlangt als von anderen. Was soll mir da die subjektive Einschätzung anderer nützen, die stark von ihren Interessen und Wunschvorstellungen beeinflusst ist? Wie sollen sie denn meine Situation verlässlich einschätzen?
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**Simon:**
Würdest du sagen, dass Heilsgewissheit eine Sache des Gefühls ist?
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**Christian:**
Sicherlich ist das ein Gefühl, weil wir nichts anderes haben. … Es ist ja kein Papier vom Himmel gefallen mit dem goldenen Siegel dran, die mir das irgendwie zusichert, dass ich als Auserwählter tatsächlich im Himmel ankomme.
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**Simon:**
Aber man kann ja die Bibel auch als glaubwürdig ansehen und dann einfach forschen in der Bibel und sich Gewissheit bis zu einem bestimmten Maß verschaffen. Also, damit du glaubst aufgrund dessen, was geschrieben steht.
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**Christian:**
Einfach forschen in der Bibel? Je besser ich die Bibel kannte, desto größer wurde die Angst. Ich habe die Bibel sehr intensiv gelesen. Ich habe sogar mal zeitweise angefangen Aramäisch zu lernen, bloß weil einige Texte im Danielbuch Aramäisch sind oder im Buch Esther auch noch ein Stückchen. Ich habe mich mit Studieren wirklich bemüht. Dennoch bleibt das, was ich erkenne, immer subjektiv… Auch wenn ich viel fleißig studiere, sehe ich immer durch eine Prägung hindurch, die ich schon habe, die ich auch nicht mehr ändern kann. Wenn eine Zeitmaschine da wäre, könnte ich natürlich einsteigen. Dann würde ich zurückreisen in die Jugendzeit und dann würde ich mahnend den Zeigefinger erheben und sagen: “Papa, hör mal zu, du siehst das jetzt so, aber bedenke mal die Folgen 30 Jahre später.” So würde ich ihm das dann sagen, aber das hat einfach keinen Zweck. Es gibt diese Zeitmaschine nicht. Aber die Prägung ist da. Man bekommt das aus dem Kopf nicht mehr raus. Ich muss auch hinnehmen, dass es andere Leute gibt, die auch irgendeine komische Prägung haben, schwere Schicksalsschläge, die dazu führen, dass sich Menschen als von Gott verfolgt, bestraft, erniedrigt ansehen.
Ich bin nicht der Maßstab für andere, aber ich bin ein Beispiel. Und als Beispiel kann ich eine subjektive Sicht beisteuern und fragen in der Rekonstruktion: Wie könnte eine Bibelinterpretation aussehen, die in ähnlichen Fällen rechtzeitig Schutz vor Verzweiflung geben könnte? Da fühle ich mich eben auch Luther sehr verwandt, der sich vom Hebräerbrief distanziert hat, was andere offensichtlich nicht für nötig halten.
Wenn ich ein Christ wäre, der ohne Angst vor Gott aufgewachsen wäre und dem das meiste im Leben gelingt, der immer wieder merkt, Gott segnet mich, dann hätte ich doch ganz andere Bedingungen. Wer wollte dann dann zweifeln, dass Gott nur ein guter Vater sein kann? Der beherrschende Eindruck wäre: Ich bin nie von Gott verlassen. Dann würde ich sicherlich auch sagen, warum soll ich die Bibel studieren? Mir genügt das Losungsbüchlein, ein bisschen Ermutigung am Tag und sonst freue ich mich über mein Leben. Und das ist ja auch nichts Schlechtes. Das ist ja wunderbar. Wer wollte denn nicht so leben wollen?
Ich muss aber doch auch sehen, andere Christen haben so schlechte Startbedingungen,, dass sie diesen Optimismus überhaupt nicht entwickeln können. Wenn sie durch irgendein grenzenlos hartes Bibelwort in Verzweiflung geraten, dann muss ich eine Antwort haben, die unter ihren Voraussetzungen funktioniert.
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**Simon:**
Du sagst also: Manche leben gut, wenn sie nicht zu tief nachdenken. Aber das kann doch nicht fair sein, wenn andere daran kaputtgehen. Dann müsste man eigentlich ehrlich sagen: „Studiere nicht zu viel.“
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**Christian:**
Genau. Wenn „zu viel Kenntnis“ gefährlich ist, dann müsste man auch die ständige Belehrungskultur hinterfragen. Dann dürfte es eigentlich die ganze Hierarchie nicht geben, dann dürfte es keine Pastoren geben, auch keine theologischen Hochschulen. So wenig wie dieses ständige Sich belehren lassen in den Bibelkreisen, Man müsste allen sagen: hör mal zu, die Bibel hilft dir, solange du nicht zu tief nachdenkst. Das wäre dann fair. Dann müssen nicht einzelne geopfert werden, damit die Mehrheit so einen fröhlichen Besser-nicht-dran-denken-Glauben haben darf.
Wenn wir nun schon meinen, über die Bibel nachdenken und belehren zu müssen, dann sollte es in einer verantwortbaren Weise geschehen, die niemanden im Stich lässt. Gläubigen, die im Niemandsland zwischen Drohung und Verheißung festhängen, kann man nicht mit einer Theologie helfen, die die Widersprüchlichkeit der Aussagen nicht auflöst. Deswegen versuche ich auf meiner Internetseite, auf Bibelkenntnis mit Prinzipien der Vernünftigkeit, der Selbstreflektion und der seelsorgerlichen Verantwortung einzuwirken. Die Wirkung destruktiver Aussagen muss durch Bewertung mit höherrangigen Aussagen so entschärft werden, dass man nicht von ihnen in den Abgrund gezogen wird, sondern sich an den Verheißungen weiter festhalten kann.
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**Simon:**
Hast du durch das Feststellen von Fehlern in der Bibel eigentlich nie die Befürchtung, dass alles in der Bibel eine große Lüge sein könnte?
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**Christian:**
Weshalb? Ich habe ja auch eine objektive Wahrnehmung der Qualität des christlichen Glaubens, der Liebe und Sinnhaftigkeit ins Leben hineingebracht hat. Das ist ja die Wahrheit, dass wir nicht wie die Tiere leben müssen, die nur von Instinkten gesteuert sind. Ich habe wunderbare Glaubensvorbilder vor Augen, auch meinen Vater, der vielen Leuten viel Segen gegeben, sich um die Ärmsten der Armen gekümmert und sie aus der tiefsten Verzweiflung herausgeholt, hat. Das ist unzweifelhaft wahr: der Glaube kann eine enorme Segensquelle sein, da will ich auch dabei sein. Auch hüte ich mich, in der Bibel Fehler zu suchen. Manches Ärgernis lässt sich tatsächlich durch genauere Beobachtung auflösen. Auf meiner Internetseite findet man Beispiele.
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**Simon:**
Hast du einmal Gott gebeten: „Zeige mir, was ich nicht sehe“? Wie bei Hiob – dass Leid einen Sinn haben kann?
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**Christian:**
Das kann ich mir vorstellen. Aber für mich ist „Zuversicht“ schwierig. Ich kann mich willentlich an Verheißungen klammern. Aber innerlich bleibt die Frage: Darf ich das? Will ich – ja. Aber darf ich? Diese Resonanz fehlt oft. Hiob hat ja lange Zeit eine grundsätzliche Segenserfahrung gehabt. Du hast viele Segenserfahrungen, mein Leben aber ist seit meiner Jugend durch zutiefst entmutigende Erfahrungen geprägt, die bei mir eher den Eindruck des Verfluchtseins hinterlassen haben. Auch deprimiert mich sehr, dass heute viele Christen – wie es scheint – eher negativ über mich denken. Immer wieder bin ich mit dem Eindruck konfrontiert, dass ich irgendwie nicht dazu gehöre. Die christliche Community hat mich alleingelassen. Denn ich bin gezwungen Fragen zu stellen, die man nach ihrer Meinung nicht stellen darf.
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**Simon:**
Dann komme ich zum Schluss. Ich nenne dich meinen Bruder, auch wenn du an manchen Punkten Zweifel hast. Viele kennen solche Nöte. Zweifel können auch zeigen, dass man Wahrheit sucht.
Ich hoffe, dass Gott am Ende alle Tränen abwischen wird. Mit diesem Gedanken grüße ich euch herzlich. Schreibt gern Kommentare. Wenn ihr möchtet, mache ich öfter Interviews mit anderen Geschwistern.
