Eine Bitte

(Offener Brief) Sehr geehrter Herr Pastor, sehr geehrte Brüder des Vorstandes,

es ist anerkennenswert, dass Sie sich in einem YT Video bemühen, die Angst von Christen zu mildern, die gelernt haben, dass jede Warnung der Bibel unfehlbares Gotteswort ist und nun befürchten, die unvergebbare Sünde begangen zu haben, vor der im Neuen Testament so eindringlich gewarnt wird. Die Befürchtung, sich dieser Sünde schuldig gemacht zu haben, ist eine der grausamsten menschlichen Angsterfahrungen. Wenn sie chronisch wird, kann sie zu einer lebenslangen Traumatisierung führen. Umso wichtiger ist rechtzeitige Hilfe.

Sie wollen mit dem Hinweis helfen, dass gerade die Angst, diese Sünde begangen zu haben, ein Beweis dafür sei, dass sie nicht begangen worden ist. Gerade diese Angst könne nur eine Regung des Heiligen Geistes ein, der den Gläubigen noch nicht verlassen und aufgegeben habe. Diese „Lösung“ hört man auch andernorts. Sie erscheint deshalb attraktiv, weil sie das ganze Thema für den Seelsorger vereinfacht.

Die leichte Handhabbarkeit der Methode ist aber kein Beweis für ihre Richtigkeit. Wir sollten uns schon die Frage stellen, ob auch theologische Mängel dazu führen, dass sie häufig genug nicht funktioniert. Die Frage ist allerdings auch, ob der Bibellehrer, der um Rat aufgesucht wurde, überhaupt in der Lage ist, Mängel in der eigenen Theologie für möglich zu halten. Sind theologische Mängel vorhanden, die man versäumt zu korrigieren, dann wird durch die Abschiebung des Problems an Nervenärzte, die notgedrungen stärkste gesundheitsschädliche Psychopharmaka einsetzen, u.U. weiterer schwerer Schaden angerichtet, der vermeidbar wäre.

So fragt man mit Recht: ergibt sich diese Argumentation logisch aus dem biblischen Befund? Ist Angst vor dem Heilsverlust tatsächlich eine Art Lebensversicherung? Der Hebräerbrief stellt uns Beispiele von Gläubigen vor Augen, die trotz ihrer Reue von Gott verworfen wurden. Wie kann die Angst dann die Errettung garantieren?

Andere Seelsorger versuchen mit der Behauptung zu helfen, der Hebräerbrief sei nicht an gläubige Christen adressiert, sondern an Menschen, die gar nicht „richtig bekehrt“ waren und wieder mit dem Tempeldienst liebäugelten. Wer das meint, sollte genauer lesen. Diese Leute hatten bereits alles um des Glaubens willen aufgegeben: „Denn ihr habt mit den Gefangenen gelitten und den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, weil ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt. (Hebr 10,34). Im Gefängnis! Bettelarm! Und dann noch mit Freuden! Weil sie an die unsichtbare Habe im Himmel glaubten, als hätten sie sie bereits. Und diese Leute, die mit Freuden ihre ganze Existenz geopfert haben (sehr wahrscheinlich in der Auseinandersetzung mit fanatischen Vertretern des alten Tempeldienstes), sollen nun keine Gotteskinder sein? Wie schockierend nun, dass der Verfasser des Hebräerbriefes diese lieben tapferen Menschen auch noch mit dem Verlust des Heils bedroht: Was sollen die armen Empfänger des Hebräerbriefes denn noch alles tun? Alles gegeben und sind immer noch mit einem Bein in der Hölle!

Ich habe mit vielen Gläubigen über diese Fragen gesprochen. Das Ergebnis war immer dasselbe: da die Strafaktionen, die Gott in der Bibel zugeschrieben werden, durchaus in krassem Widerspruch zu menschlichem Gerechtigkeits­empfinden stehen können (Num 31,17-18 / Deu 22,28-29 / Apg 5,1 ff) und schon deshalb kaum vorhersagbar sind (!), können aufkeimende Befürchtungen nur durch Abbruch des Nachdenkens und durch einen willkürlichen Entschluss zum Optimismus zur Ruhe gebracht werden. Dieser Ausweg ist aber am ehesten den Menschen möglich, für die diese Fragen eine eher theoretische Angelegenheit sind. Wen bereits die panische Angst vor unwiderruflicher Verdammnis in eisernem Griff gefangen hält, wird sich nicht mehr zum Optimismus aufschwingen können.

Wir hätten dieses Problem nicht in dieser Intensität, wenn es den Hebräerbrief nicht gäbe. Dann ließe sich die Warnung vor der unvergebbaren Sünde in den Evangelien nämlich nur auf die Feinde und notorischen Gegenspieler Jesu beziehen, zu denen Gläubige keinesfalls gehören wollen.

Martin Luther hat darauf hingewiesen, dass die frühe Kirche den Hebräerbrief nicht anerkannt hat, nicht anerkennen konnte. Martin Luther, der über eine beispiellose Schriftkenntnis verfügte und lange Zeit verzweifelt um die eigene Heilsgewissheit gerungen hatte, hat die verheerende Wirkung auf die Heilsgewissheit klar erkannt und ihn deshalb in einem Vorwort als „apokryphe Schrift“, als eine Art Predigt mit Mängeln eingeordnet. Wer will da behaupten, dass es ein Turmerlebnis, eine Reformation auch mit einem als inspiriert geltenden Hebräerbrief gegeben hätte!

Die Christenheit hat der Warnung Martin Luthers leider keine Beachtung geschenkt. Heute wird der Tradition, die den Hebräerbrief trotz aller Bedenken wieder aufgenommen hat, blindlings Glauben geschenkt. Zweifellos erwartet die bibelkundlich dilettierende Mehrheit ein „entschiedenes Bekenntnis“ zu allem, was durch die Tradition zwischen die biblischen Buchdeckel geraten ist. Sie will auch nicht, dass eine Warnung ausgesprochen wird, weil ja dann der Eindruck entstehen könnte, dass eine Gefahr vorhanden ist. Dieser Eindruck ist unerwünscht und deshalb ist man auch froh, wenn Christen, die die Angst vor der Hölle nicht loswerden, möglichst bald aus der Gemeinde verschwinden, wo sie den Erlösungsjubel nur stören.

Vielleicht hätten auch diese armen Christen froh ihres Glaubens leben können, wenn ihnen jemand Martin Luthers Lösungsweg mitgeteilt hätte, der ihm einst den Seelenfrieden zurückgab. Wäre es nicht angebracht, wenigstens zur Vorbeugung einen Hinweis jeder Bibel beizufügen, dass der Hebräerbrief aus nachvollziehbarem Grund umstritten ist? Ist hier Schweigen nicht grob fahrlässig?

Was soll in Zukunft geschehen, wenn man feststellt, dass der leicht widerlegbare Satz von der Angst als „Beweis“ für Nichtverdammung nicht hilft? Wenn man feststellt, dass die Angst vor der Hölle dennoch immer wieder hochkommt? Ist es nicht ein unbarmherziger Verstoß gegen das Gebot der Liebe, wenn ein Bibellehrer dann nur mit den Achseln zuckt und sagt: wenn du nicht an diesen Satz glauben kannst, dann bist du eben selber schuld, wenn du zugrunde gehst?

Was denken Sie als gläubige Menschen darüber? Wären Sie bereit, die Argumente unter www.hebraeerbrief.de zu prüfen und ggf. ihrer Gemeinde zur kritischen Beurteilung vorzustellen? Ich wäre für eine gut begründete Antwort dankbar, die ich auch veröffentlichen darf.

Mit freundlichem Gruß

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