Nach Hause kommen

Ein Mann hatte zwei Söhne. 12 Der Jüngere sagte zu seinem Vater: ‚Ich möchte schon jetzt den Teil der Erbschaft haben, der mir zusteht.‘ Da teilte der Vater seinen Besitz unter seine Söhne auf. 13 Wenige Tage später hatte der Jüngere seinen ganzen Anteil zu Geld gemacht und reiste in ein fernes Land. Dort lebte er in Saus und Braus und vergeudete sein ganzes Vermögen. 14 Als er alles ausgegeben hatte, brach in jenem Land eine große Hungersnot aus, und es ging ihm schlecht. 15 Da ging er zu einem Bürger jenes Landes und drängte sich ihm auf. Der schickte ihn zum Schweinehüten aufs Feld. 16 Gern hätte er seinen Hunger mit Schweinefutter gestillt. Aber er bekam nichts davon. 17 Jetzt kam er zur Besinnung. ‚Alle Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen‘, sagte er sich, ‚aber ich komme hier vor Hunger um. 18 Ich will mich aufraffen und zu meinem Vater gehen. Dann werde ich ihm sagen: Vater, ich habe mich versündigt gegen den Himmel und auch gegen dich. 19 Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden. Mach mich doch zu einem deiner Tagelöhner!‘ 20 So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater. Er war noch weit entfernt, als der Vater ihn kommen sah. Das bewegte sein Herz, er lief seinem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Vater‘, sagte der Sohn, ‚ich habe mich gegen den Himmel versündigt und auch gegen dich; ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.‘ 22 Doch der Vater befahl seinen Dienern: ‚Bringt schnell das beste Gewand heraus und zieht es ihm an! Steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm ein Paar Sandalen! 23 Holt das gemästete Kalb und schlachtet es! Wir wollen ein Fest feiern und uns freuen. 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist ins Leben zurückgekehrt. Er war verloren und ist wiedergefunden worden.‘  (Luk 15,11-23 / NEÜ)

Vor einigen Jahren stellte ich meinen kleinen Jungen einmal vor einen großen Spiegel. Zunächst erkannte er sich nicht darin, weil er noch zu klein und zu dumm dazu war. Er freute sich nur sichtlich über das liebenswürdige Gegenüber, das ihn aus der gläsernen Wand anlächelte. Bis sich auf einmal der Ausdruck seines kleinen Gesichtes veränderte und er an der Parallelität der Bewegungen zu merken schien: Das bin ich selbst. So mag es uns auch mit dieser Geschichte vom „verlorenen Sohn“ gehen. Wir hören sie zunächst wie eine interessante Novelle, mit der wir selber nichts zu tun haben. Ein etwas merkwürdiges, aber fesselndes Gegenüber, dieser verlorene Sohn! Zweifellos lebenswahr, zweifellos ein bestimmter Typ von Mensch, dem wir alle schon einmal begegnet sind. Und sicherlich haben wir inneren Abstand genug, um ein wenig Mitleid mit ihm zu empfinden. Bis auf einmal auch unser Gesicht sich verstellen mag und wir erkennen müssen: Dieser da bin ich selber, tatsächlich: ich und kein anderer. Auf einmal haben wir den Helden dieser Novelle identifiziert; und nun können wir diese ganze Geschichte in der ersten Person lesen. Wahrhaftig, eine nicht geringe Sensation!

So lange also müssen wir hin und her rücken, bis wir uns mit einem der vielen Menschen um Jesus identifiziert haben. Denn so lange, wie wir uns selbst nicht in diesen Menschen erkennen, erkennen wir auch den Herrn nicht. Ein Landschaftsmalerrückt ja auch lange hin und her, bis er die richtige Perspektive für sein Bild gefunden hat. Es hat keinen Wert, wenn er durch das Oberland geradelt kommt und zwischen zwei Baumwipfeln die Andeutung eines Schneegipfels sieht und dann sagt: Das ist der Säntis«, um sogleich abzusteigen und seine Staffelei aufzustellen. Nein: Von hier aus sind die Umrisse des Säntis so unbestimmt, daß es auch ein anderer Berg sein könnte. Der Mann muß vielmehr lange suchen, bis er den Platz gefunden hat, von dem aus er alle charakteristischen Merkmale dieses Berges sieht. Nur dann wird man ihn wiedererkennen, und nur dann besteht keine Gefahr, daß die Leute sagen: Das ist eine Phantasielandschaft!«, oder daß sie den gemalten Säntis mit einem anderen Berg verwechseln. So müssen auch wir erst den richtigen Ort suchen, von dem aus wir den Herrn richtig und unverzerrt sehen und nicht so, daß man ihn mit allen möglichen anderen Leuten, mit Heroen oder Moralpredigern oder Religionsstiftern, verwechseln kann.— Am besten ist es nun immer, daß man genau an die Stelle tritt, wo eine von den Gestalten steht, die ihm begegnen oder die in seinen Gleichnissen vorkommen: daß man dort steht, wo zum Beispiel Johannes im Gefängnis ist und in verzweifelten Fragen nach ihm ruft, oder wo das kananäische Weib steht, das nichts von ihm wollte als nur die Krümlein, die von der Herren Tische fallen, oder wo der reiche Jüngling steht, der vom Gotte Mammon nicht lassen wollte und der so ungesegnet von dannen gehen mußte. Wir machen dann eine merkwürdige Entdeckung: In allen diesen Gestalten schaut uns plötzlich unser eigenes Porträt an. In allen diesen Geschichten finden wir den Lageplan unseres Lebens aufgezeichnet: Der verlorene Sohn, das bin ich, und das bist du. Und der Vater, das ist unser Vater im Himmel, der auf uns wartet. Nun aber müssen wir vor dem Spiegel stehen bleiben und müssen uns von ganzem Herzen klarmachen: Das bin ich. Von dem Manne hier wird uns zunächst gesagt, daß er Kind im Hause« ist, Kind im Hause seines Vaters.

Das ist dem Sohne zunächst viel zu selbstverständlich, als daß er es selber bemerken könnte. Es ist ihm allzu selbstverständlich, daß er als Herrensohn in den Knabenspielen den Anführer macht. Diese Rolle wächst ihm gleichsam automatisch zu. Eines Tages aber hört er, wie einer seiner Kameraden sagt: Ach, wäre ich doch auch einmal ein solcher Herrensohn, ein solches Königskind — nur für eine Stunde. Ich bin nur ein armer Junge und habe meinen Vater nie gekannt. Als er das hört, da ist es dem Sohn auf einmal nicht mehr selbstverständlich, daß er Kind im Hause ist. Und plötzlich sieht er das Haus und die Kameraden und sogar den Vater mit neuen Augen an. Das brauchte ja alles nicht so zu sein. Es ist durchaus unverdient, sagt er sich, daß ich das Kind in diesem Hause bin und nicht ein Knecht. Genau so ist es ganz und gar nicht selbstverständlich, daß wir als Christen Kinder unseres Vaters im Himmel sein und daß wir Frieden haben dürfen. Es könnte durchaus sein, ja, es ist nach unserem natürlichen Daseinsgesetz so, daß wir uns wie die germanischen Väter von der unheimlichen Midgardschlange umzingelt oder von den Erinnyen verfolgt oder dem Nichts überantwortet sehen. Es ist ganz unselbstverständlich, daß dies alles anders sein soll und daß wir eine Heimat, eine ewige Geborgenheit haben dürfen. Aber das bleibt für den jungen Mann unseres Gleichnisses nur eine kurze Stimmung.

Manchmal geht ihm der Alte auf die Nerven. Man ist so wenig sein eigener Herr. Dies will er nicht und jenes auch nicht. Immer kommt er mit seinem ewigen Du sollst nicht…«, mit seinem immer neuen Zurückpfeifen. Auch die Kinder« Adam und Eva mögen sich manches Mal darüber empört haben, als sie noch im Paradies, im Vaterhaus«, waren. Da stand ja auch eine Verbotstafel Du sollst nicht…«, und zwar ausgerechnet am Baume des Lebens mit den dunklen Lockungen seiner Geheimnisse. Da war zum ersten Male die störende Grenze. Das nennt sich Freiheit, wenn man dauernd über Grenzen und Verbotstafeln stolpern muß; da soll man sich entfalten und sein Leben ausleben können, wenn der Alte mit seinen Hausdogmen immer dazwischenfährt« — so haben Adam und Eva samt ihren Kindern und Kindeskindern oftmals geseufzt. Der Vater freilich denkt anders darüber. Er verbietet und gebietet nicht, um sich als Herrn aufzuspielen (wie hätte er das auch nötig!) oder um die armen Kinder zu schikanieren oder gar Minderwertigkeitsgefühle  in ihnen zu erwecken. Nein, er weiß: Die Kinder haben es nötig, daß sie so geführt werden und daß sie Grenzen respektieren. Wir alle kennen doch das eine oder andere in Freiheit dressierte  Erziehungsprodukt irdischer Eltern und wissen, was das für unausstehliche Bengel zu sein pflegen — nicht nur anderen unausstehlich, sondern vor allem sich selbst eine Last, leidend an und zerfallen mit sich selber, höchst unglücklich in ihrer Scheinfreiheit, die nichts von Furcht und Ehrfurcht und Grenzen weiß.

Sicher haben Vater und Sohn des Gleichnisses manches Mal darüber gesprochen. — Der Sohn hat gesagt: Vater, ich möchte ein selbständiger Mensch werden. Du mußt mir mehr Freiheit geben. Ich kann es nicht mehr hören, dieses ewige: Du sollst…Du darfst nicht. . .« Darauf der Vater: Lieber Junge, meinst du wirklich, du hättest keine Freiheit? Du bist doch Kind im Hause, du hast jederzeit Zutritt zu mir und darfst mit allem kommen, was dich bedrückt. Wie mancher wäre froh, wenn er solche Kindesrechte hätte! Ist das denn keine Freiheit? Sieh doch: Mein ganzes Reich gehört dir; ich habe dich lieb und gebe dir dein tägliches Brot, vergebe dir deine Schuld mit Freuden, wenn du deine Herzenslast zu mir bringst. Du bist ganz frei und niemandem Untertan; du bist keinem anderen Rechenschaft schuldig als nur mir. Und dennoch klagst du darüber, daß du nicht frei seist? Da fährt der Sohn auf: Nein, Vater, wenn ich ehrlich bin, pfeife ich darauf! Ich kann das ewige Erzogenwerden nicht ertragen. Unter Freiheit verstehe ich, daß ich tun darf, was ich will!« Und ich verstehe unter Freiheit, daß du werden darfst, was du sollst«, antwortet der Vater ruhig. Du sollst zum Beispiel kein Knecht deiner Triebe werden, kein Sklave deines Ehrgeizes, deines Geltungsbedürfnisses, deiner Mammonliebe, deiner geistigen Blasiertheit sein — oh, ich könnte den Katalog noch fortsetzen. (Denn auf dem Gebiet seiner Triebe, seiner körperlichen und geistigen Triebe, verfügt der Mensch überein großes Inventar.) Darum verbiete ich dir so manches. Nicht um deine Freiheit einzuschränken, sondern im Gegenteil: damit du gerade frei von dem allem bleibst, damit du deines Ursprunges würdig und frei für die Kindschaft wirst, denn du bist ein Königssohn. Verstehst du nicht, daß es Liebe ist, die hinter meinem Befehlen und Verbieten steht? «Aber der Sohn schmettert die Tür zu und verläßt grollend das Zimmer.

Natürlich weiß er, daß der Vater recht hat. Aber er kann dieses Rechthaben jetzt nicht gebrauchen. Er hat anders disponiert, und es paßt ihm jetzt nicht in seinen Kram, oder — etwas respektvoller ausgedrückt: es paßt nicht in die Art, wie er sein Leben zu gestalten und wie er eben zu leben wünscht. Es ist ihm so entsetzlich eng. Draußen aber locken die Geheim=15russe des Lebens. Sein Blut rauscht, die Leidenschaften kochen. Die Urkraft einer gesunden Lebendigkeit möchte über die Ufertreten. Soll das alles denn nie herausdürfen? Der Sohn hat eine entsetzliche Angst, er könnte das Leben nicht bis zur Neige kosten, er könnte etwas versäumen. Sollte das schlecht sein?, so fragt er sich (denn innerlich ist er keineswegs ein Lump!). Er spürt einen ungeheuren Leistungsdrang in sich, den er kämpferisch und sich durchsetzend bewähren möchte. Und wenn man auch über Leichen dabei gehen müßte — sei es denn! Ich will zeigen, was ich kann und was in mir ist an Gutem und meinetwegen auch an Bösem, an Gestaltungskraft und an Leidenschaften und an der königlichen Lust, die Ellenbogen zu gebrauchen.

Und indem er das alles denkt, erscheint ihm wieder das Antlitz seines Vaters. Und obwohl er meint, er bejahe nur das Leben, wenn er das alles wolle, so spürt er doch dunkel, daß das Antlitz des Vaters ihn verklagen wird. Aber so schnell ergibt er sich nicht: Nur einmal will ich das alles. Dann will ich zurückkommen. Nur einmal will ich meinen Körper austoben, nur einmal einen Rausch haben. Das muß man doch auch können, sonst ist man kein >rechter Mann< und bringt seine geprägte Form in allen ihren Möglichkeiten nicht zur Entfaltung. Danach will ich ja zurückkommen! Denn ich weiß doch, daß man irgendwo zu Hause sein muß und daß man sich nicht von seinem Ursprung trennen darf.

Aber jetzt — jetzt brauche ich einmal eine Frist, wo ich jenseits von Gut und Böse bin, wo mir Gott und Teufel, Vater und Mutter egal sind; sonst versäume ich den Anschluß ans Leben. Wenn ich dann alt bin und ausgelebt, dann werde ich zurückkommen, dann werde ich fromm werden. Aber vorläufig — Gott sei es gedankt! — bin ich noch weit entfernt vom Schlaganfall und derart frommen Anwandlungen.« •So sagt er und möchte dabei kein Lump, sondern nur ein lebendiger Bursche sein. Und nun frage ich zum ersten Male: Haben wir ähnliches nicht alle schon einmal erlebt? Klingt nicht auch unsere Stimme im Hader dieser Seele mit? Wieder steht der Sohn vor dem Kontor seines Vaters. Als er eingetreten ist, sagt er entschlossen: Morgen gehe ich weg,um mein eigener Herr zu sein. Zahl‘ mir mein Erbteil aus!« Vielleicht hat sich bei der nächsten Mahlzeit. eine Familien-Unterhaltung an diesen Schlag ins Kontor« angeschlossen. Und vielleicht war gerade der Onkel da — irgend so ein Menschen- und Familienonkel, der das Leben kennt. Der nimmt den jungen Mann in Schutz: Es ist doch ganz gesund, sich einmal die Hörner abzustoßen. In der Fremde wird man reifer. Gewiß, der Junge wird in manchen Sumpf hineingeraten. Das muß man als >menschlich-allzumenschlicher< Abenteurer ebenin Kauf nehmen. Aber die Hauptsache ist doch, daß er wieder heraus krabbelt. Und nachher kennt er das Leben und ist ein Mann geworden. Man muß Knaben wagen, um. Männer zu gewinnen. Besser in Schuld und Sumpf hinein — und hindurch, denn als. intaktes Muttersöhnchen brav zu Hause bleiben.

Was!« fällt ihm da der ältere Bruder ins Wort, derselbe, der später das Gleichnis beschließt, was!? Es soll gesund sein, sich vom Vater zu lösen und in der Welt mit ihren Sümpfen und Abgründen herumzuvagabundieren? Ist das nicht die schlimmste Verirrung, wenn er sich so von seinen Wurzeln löst, wenn er sich gewaltsam von dem trennt, woran er doch mit allen Fasern gebunden ist, und wenn er sich von seinem Vater lossagt? Bewahre ihn Gott, wenn er wirklich geht! Aber er will ja gar nicht bewahrt sein. «Das sind so die Stimmen der Familie, das sind so die Stimmen der Menschenkinder, die sich zu dieser Urfrage der Menschheit äußern und nicht einig werden können.

Und nun sehen sie alle den Vater an. Wie mag er die Streitfrage lösen? Der Vater sagt gar nichts. Er geht wortlos zum Kassenschrank und zahlt ebenso wortlos das Erbteil aus. Er zwingt den Sohn nicht, zu Hause zu bleiben. Er soll seine Freiheit haben. Gott zwingt niemanden. Auch Adam und Eva hat er nicht gezwungen, den frevlerischen Griff nach der verbotenen Frucht zu unterlassen. Dann sieht der Vater wortlos dem scheidenden Sohne nach. Ich denke mir, daß, während er schweigt, eine tiefe Bekümmernis sein Antlitz überschattet und auf ihre Art laut spricht. Sicher aber denkt der Vater nicht: Möge er reifer werden in der Fremde! Sondern er stellt die bange Frage: Wie wird er zurückkommen? Der Vater wird den Sohn in seinen Gedanken behalten; er wird auf ihn warten und immerfort nach ihm ausschauen .Jeder Schritt, den er macht, tut ihm weh. Denn der Vater weiß mehr als der Sohn, der jetzt glücklich und unbeschwert in das erwählte Leben hinauszieht. Aber die Herzstimme des Vaters wird ihn auf seinen Wegen begleiten.

Nun kann der Sohn also tun, was er will. Er lebt auf großem Fuß, hat Freunde und Freundinnen. Die Leute auf der Straße drehen sich um, wenn er in seiner neuen, strahlenden Garderobe daherkommt. Die Wohnung, die er mietet, hat Geschmack und Niveau. Eines Tages zieht er nun das Fazit seiner neuen Lebensrichtung: Er hat Anhänger, hat Geschmack und Kultur entwickelt, er gilt etwas — auch wenn ihm alles rätselhaft durch die Hände rinnt. Eines freilich dürfte er bei seiner Lage nicht übersehen (aber das tut er!): Alles, was er besitzt, stammt von seinem Vater. Aber er benützt dies alles ohne ihn: Seinen Leib, den er schmückt und auslebt und in den so viele verliebt sind, hat er von ihm. Sein Eigentum — Geld, Kleider, Schuhe, Essen und Trinken — das alles stammt genauso vom Vater und ist erworben von dem Kapital, das er ihm gab. Es sind an sich gute Dinge, sonst hätte sie der Vater ihm nicht gegeben. Aber unter der Hand werden ihm diese guten Dinge zum Verderben, denn er gebraucht sie für sich, er gebraucht sie ohne den Vater. So wird das alles geheimnisvoll verändert: Sein Leib wird zum Träger unkontrollierter Leidenschaften, er wird etwas völlig anderes, als was er früher von seiner strahlenden Lebendigkeit erwartete. Und das ererbte Eigentum, die Mitgift seines Vaters? Sie dient seiner Verweichlichung, macht ihn größenwahnsinnig, zerstreut ihn und macht ihn abhängig von den Menschen, die er sich damit kaufen« möchte.(Denn er spürt ja genau: Die Liebe seiner Freunde und die Achtung seiner Mitmenschen, auf die er so großen Wert legt, würden bald abkühlen, wenn er seinen Lebensstandard herunterschrauben müßte und nicht mehr über Kaufkraft und Potenz verfügte.) Alles ist unter der Hand rätselhaft und alpdrückend verändert. Manchmal hat er keine Freude mehr an all den Wonnen, die er sich vom Kapital des Vaters beschaffen konnte. Man kann ja nicht immerfort seinem Eisschrank, diesem Traumgerät der Zivilisation, gekühlte Drinks entnehmen. Einmal ist man satt  Aber dann ist alles so furchtbar schal. Wohin treibt es mich eigentlich in dieser ziellosen Langeweile? Man kann auch nicht immer auf den Fernsehschirm starren. O diese schreckliche Viertelstunde danach, diese entsetzliche Leere, die ich mit optischen Mitteln eine kleine Weile zu überspielen suchte!

Wieder greift dieser Text nach uns, und wir meinen, ein Stückunserer eigenen Biographie zu vernehmen. Aber er greift auch nach unserer ganzen Generation: Ist Europa, ist das christliche Abendland nicht genau so auf diesem Weg der Lösung von seinem Ursprung und von der Quelle seiner Gnaden? Wer kennt noch den Frieden des Vaterhauses, von dem der Wandsbecker Bote in seinem Abendlied singt, wenn ihm die ganze Welt in der Hand des Herrn ruht und als jene stille Kammer« erscheint, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt«? Drohen wir nicht auf unseren Eisschränken und unseren Fernsehgeraten sitzen zu bleiben — nicht weil sie etwas Schlechtes wären, aber weil wir sie zum trügerischen Füllsel für unser entleertes und friedlos gewordenes Leben gemacht haben? …. Gewiß, alles, was wir haben, stammt noch von unserem Vater: unsere Fähigkeit, unser Fleiß, unser technisches Ingenium. Aber wenn wir es ohne ihn gebrauchen, wenn wir es als ausgezahltes Kapital behandeln, über das wir frei verfügen, verdirbt es in unseren Händen. Da ist etwa unsere Vernunft. Sie ist ja die vornehmste Mitgift des Vaters, die uns recht eigentlich über das Tierreich erhebt. Sie ist von Haus aus das Organ des Vernehmens«, das auf sein ewiges Wort eingespielt ist. Aber seit wann ist eigentlich das Merkwürdige geschehen, daß Vernunft uns dazu dient, noch tierischer als jedes Tier zu sein«? Sind nicht alle Argumente — philosophische und andere —, die gegen Gott reden, aus diesem Kapitalbesitz einer in die Fremde verschleppten Vernunft finanziert worden? …

Und nun ist es doch so: Je unglücklicher und verlorener der Sohn sich fühlt, um so mehr tobt und feiert er, um so mehr stürzt er sich in die Gesellschaft seiner Freunde«, um so mehr lenkt er sich ab. Er lenkt sich ab« — verstehen wir, was -das heißt? Das heißt doch vor allem, daß er nicht mehr allein sein kann, daß er Betrieb um sich haben muß. Wie sagten wir, doch? Er kann« nicht mehr allein sein — er muß  Ablenkung haben. Dies Nicht-Können« und dies Müssen« wird dem verlorenen Sohn auch eines Tages aufgefallen sein. (Es fällt uns allen irgendwann einmal auf, wenn Gott so gnädig ist, uns die Blende von den Augen zu nehmen.) Wenn er aber nicht mehr kann« und dafür anderes muß«, dann ist er doch nicht frei! Nein, weiß Gott: Er ist nicht frei. Das ist die große Neuigkeit, die ihm auf einmal aufgeht, ihm, der doch ausgezogen ist, um frei zu werden — vor allem frei zu werden von seinem Vater. Er ist gebunden an sein Heimweh, darum muß er sich amüsieren. Er ist gebunden an seine Triebe, darum muß ‚er sie befriedigen. Er ist gebunden an einen großen Lebensstil, darum kann er ihn nicht mehr lassen. Er wäre bereit, zu lügen und zu betrügen, bereit, alle frommen Vorsätze in Acht und Bann zutun, so sehr ist er inzwischen in den Bann des großen Fußes geraten, auf dem er lebt. So also sieht die Freiheit außerhalb des Vaterhauses aus: Gebunden« sein, dies und das müssen«, unter einem Bann« stehen, seinen Weg nach dem Gesetz vollenden müssen«, wonach er angetreten ist.

Die Freunde und die lieben Mitmenschen denken, wenn sie ihn so sehen: ein imponierender, freier Mann, unabhängig von seinem sonst so einflußreichen alten Herrn! Er fragt nicht nach Grundsätzen und nicht nach Erziehung, er ist der Typ des souveränen Herrenmenschen, das Urbild der Autonomie. Aber er, der verlorene Sohn, der seinen Zustand von innen sieht, weiß es anders. Die Außenwelt sieht nur die Fassade und das, was in den Schaufenstern dieses verpfuschten Lebens ausgelegt ist. Er aber hört das Klirren der unsichtbaren Ketten, in denen er geht, unter denen er zu stöhnen beginnt. Aber keiner hilft ihm, und keiner weiß um ihn. Nur der ferne Vater weiß es, der ihm beim Abschiednehmen so nachgeblickt hat.

Und so geht es denn immer weiter und tiefer. Er verliert seine Habe, wird arm und muß sich bei einem Bauern verdingen —er, der bisher noch nie von einem Menschen abhing, sondern nur seinem Vater Untertan war. Er gerät unter die Menschen. Irgendwo draußen muß er seine Arbeit tun. Er lebt schlechter als das liebe Vieh, dessen Fressen er gerne teilen würde, wenn’s ihm nur jemand gäbe. Natürlich hat er sich beschwert; aber man hat ihn nicht vorgelassen. Jetzt ist er unter einem Herrn— unter einem Menschen« —, der sich nicht für ihn interessiert, für den er Luft ist. Nun erst beginnt er zu ermessen, was es heißt, nicht mehr beim Vater, nicht mehr Kind zu sein. Das also wäre das Ende seiner Freiheit, seiner Autonomie —und wie die anderen vergoldenden Ausdrücke alle heißen.

Unter einem Herrn stehen wir eben immer: entweder unter Gott; dann sind wir im Vaterhaus und haben die Freiheit der Kinder Gottes, sind wir Söhne und keine Knechte, haben wir ständigen Zutritt beim Vater. Oder aber wir stehen unter unseren Trieben und damit unter uns selbst: unter unserer Abhängigkeit von Menschen, unter unserer Angst — von der unser Herz immer einen ganzen Vorrat hat —, unter unseren Sorgen, unter unserem Mammon. Neutralität zwischen diesen beiden Herren gibt es nicht. Und wir ahnen es, was Luther damit sagen wollte, wenn er unser Menschenleben als ein Schlachtfeld zwischen diesen beiden Herren ansah. Wir sind keine Herren, wie der verlorene Sohn einer sein wollte, sondern wir sind nur Schlachtfelder« zwischen den wirklichen Herren. Anders ausgedrückt: Wir sind gefragt, ob wir das Kind des einen oder der Knecht des anderen sein wollen. Ich wollte frei werden«, so spricht der verlorene Sohn nun zu sich selber — vielleicht schreit er es auch heraus —, ich wollte ich selbst werden: und das alles meinte ich zu gewinnen, indem ich mich vom Vater und von meinem Ursprung löste, ich Narr! Nur Ketten habe ich gefunden.« Und ein bitteres Lachen steigt auf vom Schweinetrog.

Daß er sich so vom Vater lösen wollte, kommt ihm jetzt genauso lächerlich vor, wie wenn ein Mensch sich darüber ärgert, daß er von der Luft abhängig ist und sich im Namen seiner Freiheit dann die Nase zuhält. Man kann sich nicht ohne Strafe und eigentlich nicht ohne Verrücktheit von seinem Lebenselement lösen, man kann Gott nicht ausziehen, wie man ein Hemd auszieht. Die Lösung vom Vater ist im Grunde gar nicht nur Unglaube«, sondern die ungeheuerlichste Narretei. Nimmt sich die Menschheit nicht manchmal aus wie ein Fastnachtszug, torkelt sie nicht wie jemand, der das Gleichgewicht und die Orientierung verloren hat? Und jetzt ist es so weit mit dem verlorenen Sohn. Jetzt kommt die große Krise in sein Leben. Jetzt beginnt er nach der Heimkehr zu fiebern. Jetzt will er umkehren und in sich gehen. Ob man sich diese Wende vorstellen kann?

Sicher hat er zunächst einen großen Ekel vor sich selber bekommen. Der Ekel wird um so größer, je leuchtender vor seinem inneren Blick die Zinnen seines Vaterhauses erstehen, das er verloren hat und auf das er nun keinen Anspruch mehr besitzt. Der Kindesrechte ist er ledig. Aber indem nun das Antlitz seines Vaters vor ihm auftaucht, wie er ihm nachgeblickt hat, weiß er plötzlich allen berechtigten Skrupeln zum Trotz: Er wartet auf mich. Und indem er auf seine leeren Hände blickt, indem ihm sein eigenes Auge zu geschändet erscheint, als daß er’s zum Vater erheben könnte, weiß er nun trotzdem: Er wartet auf mich. In Wilhelm Raabes Abu Telfan« sagt die weise Frau Claudine einmal: Mein Sohn, es ist eine Glocke, die klingt über allen Schellen«, über allem Gebimmel und Geklingel der Fremde. Diese Glocke hatte nie ganz aufgehört, in seinem Leben zu klingen. Und dieser Glocke geht er jetzt nach.

Die Buße des verlorenen Sohnes ist also nichts Negatives. Sie ist letzten Endes eben doch nicht nur Ekel, sondern sie ist vor allem Heimweh, nicht Abkehr von…, sondern Heimkehr zu…Überall, wo im Neuen Testament von der Buße gesprochen wird, da steht die große Freude im Hintergrund. Es heißt nicht :Tut Buße, sonst verschlingt euch die Hölle«, sondern es heißt: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. «Als der Sohn meint, er wäre am Ende, da fängt Gott „mit seinen Wegen erst an. Dieses Ende vom Menschen aus gesehen, und dieser Anfang von Gott aus gesehen — das ist Buße. Der Ekel an sich selber hätte ihm nicht helfen können.‘ Er hätte ihn vielleicht zum Nihilisten gemacht, aber auf keinen Fall hätte er ihm den Heimweg gezeigt. Nein, es ist umgekehrt: Weil ihm Vater und Vaterhaus vor die Seele traten, darum ekelte ihm vor sich selbst, und darum konnte es ein heilsamer und heimbringender Ekel sein. Er war eine Fernwirkung seines Vaters, war ein Nebenprodukt des plötzlich aufkommenden Wissens, wohin er gehörte. Nicht also, weil ihn vor der Fremde ekelte, kehrte er heim; sondern weil ihm die Heimat bewußt wurde, ekelte ihn die Fremde, darum wußte er überhaupt, was Fremde und Verlorenheit ist. So war es eine göttliche Traurigkeit, die ihn da überkam, und nicht jene Traurigkeit der Welt, die den Tod wirkt (2. Kor. 7,10).

Nun steht der verlorene Sohn also auf und geht heim. Mit all seinen Lumpen wagt er, auf sein Vaterhaus zuzugehen. Wie wird ihn der Vater empfangen? Vor allem aber: Was wird er selber sagen, wenn er nun plötzlich vor dem Vater steht? Wird er sagen: Vater, ich bin reifer geworden in der Fremde; Vater, ich habe gelitten Und gebüßt für alle Schuld, ich habe Anspruch darauf, daß du mich annimmst! Ich habe das Risiko des Lebens auf mich genommen und bin im Guten und Bösen ein Mensch gewesen. -Nun mußt du mich aufnehmen, nun bin ich am Ende!« Wird der verlorene Sohn so sprechen, wenn er vor seinen Vater tritt? André Gide, der französische Dichter (aber auch viele unserer deutschen Denker), stellt sich auf diesen Standpunkt, wenn er das Gleichnis vom verlorenen Sohn so weiterdichtet, daß der Heimgekehrte nun seinerseits den Bruder hinaus in die Fremde schickt, damit er ebenfalls reifer werde an ihr. Damit will Gide doch sagen: Es war gut, daß der verlorene Sohn eine Zeitlang verloren war. Es war gut, daß er schuldig wurde. Man muß eben durch dies Schicksal hindurch. Man muß auch den Mut zur Absage an Gott haben, damit man nachher von ihm aufgenommen werden kann. Der Sohn hat nur die fruchtbare Polarität des Lebens durchmessen. Wir aber hören im Gleichnis Jesu nichts von alledem. Der heimgekehrte Sohn sagt nur: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.« Er sagt also: Vater, ich habe keinen Anspruch mehr an dich.«Daß der verlorene Sohn wieder angenommen wird, beruht eben nicht auf seinem Reiferwerden, sondern auf dem Wunder der Liebe Gottes. Da gibt es nichts zu beanspruchen. Da kann man sich nur überraschen und von Gott überfallen lassen. Es ist das gnadenvolle Rätsel der Liebe Gottes, daß er das Verlorene sucht und daß der Himmel in festliche Stimmung gerät, wenn der eine umkehrt.

Aber nun stehen wir noch vor einer letzten Frage: Wo taucht in dieser Geschichte Jesus Christus auf, oder wo ist er, wenn unmittelbare Spuren fehlen sollten, überhaupt unterzubringen? Ist der Vater nicht von sich aus und ganz allein schon so wohlgesonnen und entgegenkommend, daß er vergebungsbereit ist? Wozu braucht man dann das Kreuz, wozu braucht man Vermittlung und Versöhnung und die ganze Christologie? Ist diese Geschichte, so wie sie nun einmal dasteht, nicht von göttlicher Einfalt und Schlichtheit? Und ist sie nicht eben eine Geschichte ohne Christus? —Wir sind nicht die ersten, die so fragen. Eines haben wir jedenfalls gesehen: Der verlorene Sohn konnte überhaupt nur heim und kam wieder zurecht, weil für ihn der Himmel und der Vater bereitstanden. Sonst hätte er sich im besten Falle (das heißt, wenn er nicht vollends verstockt oder Nihilist geworden wäre) nur aufrappeln und ein bißchen Haltung annehmen können. Aber die inneren Qualen wären geblieben. Das Gewissen hätte ihn unter der Decke seiner Haltung weiter verklagt.

Jesus aber will uns zeigen, daß es eben anders ist und daß uns eine ganze Befreiung geschenkt werden soll. Ihr habt recht«, sagt er, ihr seid verloren, wenn ihr auf euch blickt. Wer hat denn nicht gelogen, gemordet, die Ehe gebrochen? In wem liegt das nicht als lauernde Möglichkeit im Herzen? —Ihr habt recht, wenn ihr euch verloren gebt. Aber seht: Nun ist etwas geschehen, was nichts mit diesem eurem Herzen zu tun hat, was euch einfach bereitet ist. Nun ist das Reich Gottes mitten unter euch, nun ist das Vaterhaus weit geöffnet. Und ich — ich bin die Tür, ich bin der Weg, ich bin das Leben, ich bin die Hand des Vaters. Wer mich sieht, der sieht den Vater. Und was seht ihr denn, wenn ihr mich seht? Ihr seht jemanden, der zu euch in die Tiefe gekommen ist, wo ihr nicht in die Höhe konntet. Ihr seht, daß Gott >also< die Welt geliebt hat, daß er mich seinen Sohn, in diese Tiefe hineingab, daß er sich’s etwas kosten ließ, euch zu helfen, daß es durch Schmerzen Gottes ging, daß Gott etwas gegen sich selbst unternehmen mußte, tun mit eurer Schuld fertig zu werden, um den Abgrund zwischen euch und sich ernst zu nehmen und ihn doch zu überbrücken. Das alles seht ihr, wenn ihr mich anschaut!

«So also weist Jesus Christus, der dies Gleichnis erzählt, zwischen allen Zeilen und hinter allen Worten auf sich selbst hin. Wäre es irgend jemand, der uns diese Geschichte von dem gütigen Vater erzählte, könnten wir nur lachen. Wir könnten nur sagen: Woher weißt du das denn, daß ein Gott da ist, der mich sucht, den meine Verlorenheit interessiert, ja, der an mir leidet? Warum erzählst du solche Ammenmärchen? Wenn es einen Gott gibt, dann hat er genug damit zu tun, daß die Planetensysteme in Schuß bleiben. Und vielleicht, wenn er nichts Besseres zu tun hat, freut er sich einmal über einen anständigen Menschen oder eine große heroische Tat. Aber den Verlorenen nachlaufen wie die Heilsarmee? Ein feiner Gott! «Oder ein anderer sagt: Was behauptest du? Gott soll mit Vergebung und neuen Anfängen intervenieren? Nein, Gott vollzieht nur die ewigen Gesetze von Schuld und Sühne, >Gott<ist nur ein anderer Ausdruck für die ausgleichende Weltordnung oder die Weltgeschichte, die das Weltgericht i s t . . . >denn alle Schuld rächt sich auf Erden<! Dafür sorgt Gott, mein Freund, nicht für Vergebung!« Und in der Tat: So müßten wir alle reden, wenn uns irgend jemand von solchem Vater erzählte.

Aber nun redet hier eben nicht irgend jemand«, sondern Jesus Christus selber. Und er erzählt uns nicht von diesem Vater, sondern in ihm ist der Vater. Er macht uns keine Lichtbilder vor von einem angeblichen Himmel, der den Sündern offensteht, sondern in ihm ist das Reich Gottes mitten unter uns. Sitzt er nicht mit den Sündern an einem Tisch? Geht er nicht den Verlorenen nach? Ist er nicht bei uns, wenn wir sterben müssen und die anderen alle zurückbleiben? Ist er nicht das Licht, das in der Finsternis scheint? Ist er nicht die Herzstimme des Vaters, die uns mitten in der Fremde überfällt, überfällt mit jener fröhlichen Nachricht: Du darfst heimkommen?

Das letzte Thema dieser Geschichte heißt also nicht: Vom verlorenen Sohn, sondern: Vom Vater, der uns findet. Das letzte Thema heißt nicht: Von der Untreue der Menschen, sondern es heißt: Von der Treue Gottes. Daher klingt die Geschichte auch in ein rauschendes Freudenfest aus: Wo Vergebung gepredigt wird, da ist Freude, und da sind Feierkleider. Man muß diese evangelische Geschichte wirklich so lesen und hören, wie sie gemeint ist: als eine frohe Nachricht, an die wir gar nicht gedacht haben, ja, die uns verblüfen müßte, wenn wir sie zum ersten Male hören könnten, als eine Nachricht, daß mit Gott alles so ganz und gar anders ist, als wir es dachten oder auch fürchteten; daß er seinen Sohn zu uns geschickt hat und uns zu unbeschreiblicher Freude lädt. Das letzte Geheimnis dieser Geschichte heißt: Es gibt für uns alle eine Heimkehr, weil es eine Heimat gibt.

(aus: Helmut Thielicke, Das Bilderbuch Gottes)

Artikel aktualisiert am 14.03.2022

2 thoughts on “Nach Hause kommen”

  1. Oha; wieder einmal das Thema verfehlt.

    „Nach Hause kommen“ … es tut mir Leid, ich mache auch hier alles falsch.

    BITTE kann der Beitrag gelöscht werden? Ich bitte darum; Pater Benignus wurde von mir schon genug genervt.

    1. liebe Elisabeth, nett, dass du mir wieder einmal schreibst. Nein, ich fühle mich durch deine Briefe nicht genervt. Im Gegenteil. Mit deinen Kommentaren, die du bisher geschickt hast, hast du Befürchtungen beschrieben, für die ein Gegengift in der Bibel gesucht werden konnte. Dem einen oder anderen hat das eventuell sehr geholfen. Leider melden sich Menschen, denen es durch hilfreiche Beiträge wieder gut geht, in der Regel nicht mehr. Auch hat es mich sehr berührt, wie liebevoll du über deinen Vater denkst, obwohl er sich dir gegenüber sehr distanziert verhalten hat. Gott hat dir ein sensibles, liebevolles Herz gegeben. Es ist schön deinen Brief zu lesen. Und ich finde auch nicht, dass du das Thema verfehlt hast. Wir machen uns alle unsere Gedanken, wie das „Nach Hause kommen“ aussieht. Und da ist es auch ok, wenn du deine Hoffnungen und Gedanken mitteilst. Deine Befürchtung, ob es der Seele schadet, wenn man seinen Körper nach dem Tod Anatomiestudenten zur Verfügung stellt, kann ich nicht teilen. Woher kommen nur solche Gedanken? Wie sollen denn Ärzte vernünftig ausgebildet werden, wenn sie keine toten Körper zum Üben haben? Ob es Katzen im Himmel gibt? Über den Verbleib der Hunde sagt die Bibel auch nichts, obwohl viele Menschen einen Hund als treuen Weggefährten haben. Mir fällt hier eigentlich nur der Satz Jesu ein, dass Gott sogar die Sperlinge wichtig sind. „Verkauft man nicht fünf Sperlinge für zwei Groschen? Dennoch ist vor Gott nicht einer von ihnen vergessen.“ (Luk 12,6) Wenn nun Menschenkinder Freude an Tieren haben, dann dürften sie wohl auch für den Vater im Himmel wichtig sein, der sie ja zu unserer Freude erschaffen hat. Erlaube mir ruhig, deinen Kommentar zu veröffentlichen, den ich sehr schön finde. Und nenne mich nicht „Pater“. Ich bin keine kirchliche Amtsperson, habe aber die Bibel gründlich gelesen. Alles Liebe dein Bruder Benignus.

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