Lockere Schrauben

Lieber E.

danke für deinen Brief. Ich hatte nicht erwartet noch einen zu bekommen. So etwas wie eine schwache Hoffnung ist bei mir aufgeflackert, als ich den letzten Satz las, dass wir über die Frage nach einer Empfehlung für meine Webseite „noch einmal telefonieren“ können. Zuerst habe ich den Satz positiv aufgefasst, aber dann tauchte doch der Gedanke auf, dass er ablehnend gemeint sein könnte. Es würde mir leichter fallen, das in einem persönlichem Gespräch zu klären als in einem Telefonat. Ich habe sehr viele ungünstig verlaufende Telefonate in Erinnerung.

Es geht mir eigentlich im wesentlichen um den Punkt der unvergebbaren Sünde, bei der die Prävention bis heute auf eine erbärmlichen Niveau geblieben ist. Dazu hätte ich mir gewünscht, dass du meine Ausarbeitung liest (https://matth2323.de/unvergebbare-suende/ samt der Querverweise). Deine Antwort zu dieser Sünde war jedoch so, dass ich denken muss, dass dich tiefergehende Überlegungen gar nicht erreicht haben.

Warum ist bislang nicht ein einziger Pastor in der EVAB da, der mein Anliegen aufnimmt und eine offene Gesprächsplattform über religiöse Gefahrenquellen unterstützt und bewirbt (!), in der jeder zu Wort kommen darf und angehört wird? Was hat das mit „Liebe“ und „Wahrhaftigkeit“ zu tun? Warum weiß immer noch kaum jemand über das Gefahrenpotential des Hebräerbriefes Bescheid, das Luther und die frühe Kirche kannten? Warum setzt sich niemand dafür ein, dass Luthers nachvollziehbare Warnung in die Bibelausgaben aufgenommen wird, damit labilen Lesern, insbesondere jungen Menschen möglichst frühzeitig eine fatale Weichenstellung erspart bleibt? Allein die Unsicherheit, ob man die unvergebbare Sünde begangen hat und für alle Zeit von der Barmherzigkeit Gottes ausgeschlossen ist, verursacht grausamste Seelenqualen mit ruinösen Folgeschäden, wie viele Notfallberichte bezeugen. (https://matth2323.de/franz-spiera/)

Jeder Hausmeistersgehilfe weiß, dass die Schrauben in einer Konstruktion die vorhersehbare Belastung aushalten müssen. Warum interessiert die Frage, ob die theologischen Sicherungen für die Belastung der unvergebbaren Sünde sicher genug sind, niemanden in der evangelikalen Welt? Was ist das für eine gewissenlose Art zu arbeiten?

Roger Liebi behauptet, die Empfänger des Hebräerbriefes wären Juden, die noch nicht bekehrt wären, aber die frohe Botschaft gehört hatten und in Versuchung standen, wieder zum Tempeldienst zurückzukehren. Daraus soll jetzt der ängstliche Gläubige seine Sicherheit ziehen, dass er gar nicht gemeint ist. Erstens: für diese Zielgruppe gibt es nicht einmal einen einzigen historischen Beleg. Der zweite Grund ist viel gewichtiger: diese Leute hatten bereits alles um des Glaubens willen aufgegeben: „Denn ihr habt mit den Gefangenen gelitten und den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, weil ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt. (Hebr 10,34). Mit Freuden! Im Gefängnis. Bettelarm. Weil sie an die unsichtbare Habe glaubten, als hätten sie sie bereits. Und diese Leute, die mit Freuden ihre ganze Existenz geopfert haben, sollen keine Gotteskinder sein? Ich habe Roger Liebi brieflich darauf hingewiesen. Es kam keine Antwort. Wozu sich korrigieren! Was sollen seine Anhänger denken? An dieser offenbaren Falschbehauptung, an diesem wackligen Nagel sollen jetzt Menschen, die die Verdammungsangst mit eisernem Griff gepackt hat, ihre Sicherheit festmachen?

Sind andere Hilfen besser? Die Hohentorsgemeinde hat jahrzehntelang mit Hilfe der Scofield-Bibel jungen Menschen die Bibel „erklärt“. Ich habe dir mal einen Ausdruck der „Erklärung“ zu Hebr 6 mitgeschickt. Hier schreckt der Verfasser nicht einmal davor zurück, den griechischen Text falsch zu übersetzen: es wird behauptet, dass Gläubige, die abgefallen sind und nicht mehr zur Umkehr erneuert werden können, gar nicht bekehrt waren und keine engere Bindung an den Geist Gottes hatten, angeblich nur „mit dem Heiligen Geist gingen“ bzw unterwegs waren. Davon aber steht nichts im Text. Wörtlich steht da: „metochous genethentas“ = die Teilhaber (des Geistes) wurden. Und wer kein Griechisch kann, der könnte es aus der Strong-Bibel erfahren, die seit 1890 verfügbar ist. Dann folgt der abstruse Trost, dass der Verfasser für die Leser „Besseres“ erhofft. Warum fällt ihm nicht auf, dass in Hebr 10,26 den Lesern „Schrecklicheres“ angedroht wird, falls sie „mutwillig sündigen“? Hier werden die, die solche Nöte verdrängen wollen, mit dem Wahn versorgt, dass das Problem zufriedenstellend geklärt ist. Und denen, die verzweifeln, wird zugemutet, sich an solche lächerlichen Strohhalme festzuklammern und an dieser Lüge, mit der das Gros der Christenheit vollauf zufrieden ist, zugrunde zu gehen. Ich habe vor diesen Bibelerklärern denselben Abscheu wie vor Ärzten, die Krebs mit homöopathischen Wässerchen behandeln.

Ein Geländer, das selbst nicht stabil ist, ist gefährlich, weil Menschen sich daran festhalten und erst recht abstürzen. Solch lügenhafter und scheinheiliger Trost ist hochgefährlich! Warum sollen wir uns das gefallen lassen? „Hört auf zu lügen. Jeder rede die Wahrheit mit seinem Nächsten! (Eph 4,25) Das dürfte Voraussetzung der Einheit der Gemeinde sein! Doch so lange ich zurückdenken kann, machen Evangelikale in der Frage der Heilsgewissheit mit bestem Gewissen genau das Gegenteil. …

Die Wahrheitsfrage interessiert wirklich niemanden, egal ob die Gemeinde eine eher strenge oder eher lockere Lehrweise hat. Das grausame Leid der Betroffenen, die am Buchstaben verzweifeln, ist nie im Focus. Jesus hatte zwar gefordert, die 99 Schafe stehen zu lassen und sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf zu machen. Doch das bezieht man nur auf den unbedarften Neukunden, der einzufangen ist, um die Erfolgsbilanz der Gemeinde zu verbessern. Es sind ja nur wenige, die durch schiefe Theologie ruiniert werden. Man ist hochzufrieden, wenn es der Mehrheit vergleichsweise gut geht, die den Hebräerbrief dank Unkenntnis, Selbstbetrug und Verdrängung verkraftet. Diese Konstruktion nennt man „gesunde Gemeinde“ – angemessen wäre die Bezeichnung „Treffen der Heilsegoisten.“ Sie funktioniert nur mit dem geistigen Maulkorb: nur wenn kaum ein Abweichler zu Wort kommt und immer dieselbe Schallplatte abgespielt wird, dann kann sich so etwas wie wie der gewünschte Wahn bilden, dass eine sichere Glaubenserkenntnis vorhanden ist.

Sollen wir nun in das große Lob des Paulus über die Einheit des Leibes Christi einstimmen? Die Irrtumslosigkeitsdoktrin hat für viele ihrer Vertreter Ansehen, Einkommen und andere Vorteile eingefahren, aber andere Christen, die auch gerne Glaubensfreude hätten, hat sie in die Psychiatrie gebracht. Das fällt aber nicht auf, weil die Pastoren sich ständig mit sozialen Aktionen profilieren können und so ihre Anhänger glauben lassen, dass sie mit der Teilnahme an den Aktionen bewiesen hätten, dass sie alle verantwortlich denkende Gutmenschen seien. Sind sie das wirklich oder hat der Egoismus jetzt seine fromme Form gefunden? Statt alles zu prüfen, wie es Paulus fordert, lernt jedes Mitglied gleich von Anfang an alle Verantwortung für die Lehre blind an die Leithammel abgegeben, für die es profitabler ist, dem Wunsch der Mehrheit gemäß auch eine schädliche Lehrtradition vor jeglicher Prüfung zu schützen. So wird durch die päpstlichen Allüren des Leitungspersonals jeglicher Reformimpuls im Kein erstickt.

Nur wenn wenigstens die Älteren im Glauben gerade in der Frage der unvergebbaren Sünde die Notwendigkeit eines offenen Austausches erkennen, aktiv unterstützen und nicht ignorieren oder gar behindern, wird die Leistungsfähigkeit unterschiedlicher Argumentationen realistisch eingeschätzt werden können. Warum wird dafür immer noch nichts getan? Warum wird man an dieser so wichtigen Stelle nicht endlich seriös?

Die nach ihrem Selbstverständnis wegweisende Fraktion des Christenheit sollte endlich einmal beginnen sich realistisch von außen zu sehen. Es wirkt nämlich ziemlich abstoßend, was den vermeintlich rechtgläubigen Mainstream prägt: das Lügen, unselbständige Nachplappern und das ständige Beschallen mit fragwürdiger, gefühlsduseliger Heilspropaganda bei gleichzeitiger Unbelehrbarkeit.

Wer sich wirklich nach einem Neubeginn sehnt, der sollte den Anstand haben, alles, was möglich ist, für eine zuverlässige Prävention zu tun. Ein unzensierter, öffentlicher Austausch über Risiken ist das selbstverständliche Gebot der Menschenfreundlichkeit. Das ist das lohnende, immer noch weit entfernte Ziel und nicht das uferlose, nervenzermürbende Hin- und Her im Konfrontieren festgefahrener theologischer Standpunkte.

Wenn uns Barmherzigkeit und Mitgefühl wirklich wichtig sein sollte. Deshalb wäre es sinnvoll, wenn wir uns mal zum Austausch treffen könnten. In einem Gespräch könnten wir viel besser auf den anderen eingehen und die Gefahr ist geringer, dass man wieder aneinander vorbeiredet.

LG Bruder Benignus

Artikel aktualisiert am 31.03.2022

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