Gottes „guter Ruf“?

Lieber Bruder,
danke für die Zusendung deiner Gedanken zum Verbot, den Namen  Gottes in unangemessener Weise zu gebrauchen. Du hast es verstanden, den Bereich der Anwendung umfassend zu schildern und in vielen Punkten gebe ich dir auch recht:
Manche Dinge sind mir auch schon unangenehm aufgefallen, die du erwähnst: Spr 25,14 das Prahlen mit eingebildeten Geistesgaben. Neulich war ich in einer russlanddeutschen Gemeinde und und hörte ein Gebet, das unablässiges Shalllalllalllalllallla Rufen beinhaltete. Es sollte wohl Zungenrede sein, wirkte aber mangels differenzierter Laute eigentlich nur lächerlich. Aber es war dort akzeptiert und wurde nicht in Frage gestellt. In dieser Gemeinde gab es „Ringstunden“ wo man flehte, um mit dem Heiligen Geist und der Zungenrede versiegelt zu werden, wobei der Ehrliche, dem dieses Ereignis nicht widerfuhr, sich bald der Frage ausgesetzt sah, warum Gott ihn partout nicht erhörte. Offensichtlich war er für Gott nicht heilig genug. Was nun? Psychische Belastung, Verdammnis-Horror oder Selbsthilfe mit Shallalllalllallla? Weiter nennst du das Jerusalem Syndrom. Auch mir gut bekannt, der christlich-jüdische Israelfetischismus, die Ausgrabung einer angeblichen Zugehörigkeit zu den verlorenen 10 Stämmen, das Herumreiten auf dem wortwörtlich die Torah halten: um Gottes willen kein Mischgewebe tragen, sonst wird Gott furchtbar böse und verfolgt mich bis in das dritte und vierte Glied.
Aus dieser Philosophie lässt sich eine Steigerung des Erwählungsbewusstseins extrahieren: es ist eine Art Droge, die ihrem Selbstbewusstsein zugute kommt,
und wie es bei Drogen so ist: das Gefühl überzeugt und Argumente braucht man dann nicht. Wer immer ihnen diesen Genuss wegzunehmen droht, dessen Gegenwart ist unerwünscht. Hat es Zweck, mit solchen Leuten zu diskutieren? Es ist reine Zeitverschwendung.  Ja, die Volxbibel, die du erwähntest, war einmal ein Versuch völlig kirchenfremde Leute von der Straße für die Bibel zu begeistern, aber seriöse Jugendarbeit lässt sich doch viel besser mit anderen Übertragungen machen.

Der Bogen lässt sich jetzt zum guten Ruf Gottes schließen. Römer 2,24 „Denn euretwegen wird der Name Gottes gelästert unter den Heiden.“ Guck dir die Christen an, dann siehst du was von Gott zu halten ist.

Ich habe Mitchristen in diversen Gemeinden nun mehr als vierzig Jahre lang angeschaut und ich muss sagen es gibt dort weitaus schlimmere Nöte als die oben erwähnten Lächerlichkeiten. Doch ich stieß dabei auf eine Schwierigkeit. Vor 20 Jahren habe ich ohne Probleme muslimische Bibelkritik gefunden, die sich sehr aggressiv und sehr negativ über problematische Bibelstellen äußerte. Heute kann ich danach auch mit Hilfe diverser KI Instrumente suchen und finde sie nicht. Alles ist sorgfältig bereinigt und gesteuert von ganz oben. Es ist absurd, dass bei meiner Suche ganz oben gleich christliche Kommentarseiten auftauchen. Das Internet bemüht sich mit Nachdruck heute um ein geschöntes Bild. Zu weiteren Recherchen muss ich mich wohl erst auf muslimischen Seiten anmelden.

Man könnte es einfacher haben. Problematische Bibelstellen habe ich seit 40 Jahren selber recherchiert. In meinem Aufsatz bibelwahrheit-bibelwahn.de habe ich sie zitiert und kommentiert: ohne Beschönigung, ohne Verharmlosung.
Zum großen Teil sind sie in christlichen Gemeinden unbekannt, auch die Folgerungen, die sich daraus für das Gottesbild, für Gottes „Ruf“ ergeben. Der schlechte Informationsstand ist beabsichtigt. Es gibt keine Gemeinde, keinen evangelikalen Pfarrer, der mein Script empfehlen und die Verbreitung unterstützen würde. Obwohl ich mich an die Basics des christlichen Glaubens, Selbsterkenntnis, Vergebung persönlicher Schuld, Auferstehung, Glaubenswachstum und ewige Hoffnung gebunden sehe. Diese Basics garantieren die Qualität des christlichen Glaubens.

Müssen Christen sich in die Ignoranz flüchten, weil das, was jeder sehen könnte, unerträglich ist? Theologen haben es uns so beigebracht. Und doch kann ich hier eine ermutigende Erfahrung berichten. Einst diskutierte ich mit einem Freund über den christlichen Glauben. Er sagte mir, dass es sich nicht lohne in der Bibel  zu lesen angesichts mancher Aussagen darin, die absurd bis lächerlich seien. Und doch fand auch dieser Freund einen Zugang zur Bibel. Wie kam das? Durch einen einfachen Gedanken: Stell dir die Sätze der Bibel als eine Handvoll wertvollster Juwelen vor, die in schmutzige Lumpen eingewickelt worden sind. Störe dich nicht daran, dass es immer wieder Menschen gibt, die nicht sehen und nicht fühlen können und wollen, und deshalb Juwelen und schmutzige Lumpen nicht unterscheiden.

Die ständige Neigung mancher Glaubensgeschwister, für ihren Glauben Informationen zu unterdrücken, gegebenenfalls zu lügen, ihr Heil in der Nachplapperei und sich gegenseitig anheizender Gruppendynamik zu suchen, hat eine ganz deutliche Wirkung auf Außenstehende: der christliche Glaube wirkt nicht einladend, sondern unehrlich, manipulativ und selbstgerecht. Er wirkt als Droge, die schöne Gefühle erzeugt. Wer dieses Bemühen stört, dessen Gegenwart ist unerwünscht. Was tut es schon, dass dieser Wahn sorgfältig denkende Menschen immer wieder in die Psychiatrie bringt.

Mit dieser Unehrlichkeit war ich zeitlebens konfrontiert, solange schon ich Kontakt zu Gemeinden habe. Es ist ein gedanklicher Schmutz darin, der mir psychisch sehr geschadet hat. Das Gebot absoluter  „Reinheit“, das du beschwörst, ist angesichts der permanenten seelischen Verschmutzung eine Lüge, und daran ändert sich auch dann nichts, wenn du dir selbst dreimal den Pimmel abhackst.

Trotz Unehrlichkeit und Manipulation nennt man sich „bibeltreu“. Aber was man nicht ist und nicht sein kann: evangeliumstreu. Wer in  bibelwahrheit-bibelwahn.de  nachliest, der weiß,  warum es so ist. Warum nur dieser unheilbare Belehrungsdrang, den manche Leute trotz ihrem Bedürfnis nach Ignoranz haben, dieses Protzen mit dem griechischen oder hebräischen Wörterbuch, während man ins Auge springende Destruktivität nicht bemerkt? Offensichtlich suchen manche damit krampfhaft nach einem Überlegenheitsgefühl, das irgendetwas kompensieren soll. Ich binr froh, an einen Gott glauben zu können, der wie ein Vater großzügig ist und ehrlichen Austausch erlaubt und uns nicht in ein Dogmensystem hineinpresst, das unsere Fähigkeit nachzudenken und Widersprüche zu erkennen, lähmt oder gar zerstört.

Artikel aktualisiert am 26.05.2026

1 thought on “Gottes „guter Ruf“?”

  1. Aber viele werden diesen Text gar nicht erst lesen oder sich sofort angegriffen fühlen.
    Der Grund liegt aus meiner Sicht tiefer: Für viele ist ihr Glaubensbild nicht mehr nur eine Überzeugung, sondern Teil ihrer Identität geworden. Dann wird Wachstum im Verständnis nicht als Reifung erlebt, sondern als Verlust. Als würde man Gott verraten, wenn man bisherige Deutungen hinterfragt.
    Dabei ist eigentlich das Gegenteil der Fall.
    Ehrliches Prüfen ist kein Verrat am Glauben. Es kann gerade Ausdruck von Treue sein, nicht zu einem geschlossenen System, sondern zu Wahrheit, Gewissen und letztlich zu Gott selbst.
    Das Tragische ist: Manche verbieten sich innerlich, Texte anders verstehen zu können, weil es sich für sie wie Untreue anfühlt. Aber ein Glaube, der nur bestehen kann, solange bestimmte Fragen nicht gestellt werden dürfen, ist nicht stark. Er ist abhängig von Schutzräumen.
    Ein lebendiger Glaube muss Wahrheit nicht fürchten.

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