Ist „Bibeltreue“ wirklich Treue?

Lieber Bruder,

Was dich hindert, anderen ein guter Seelsorger zu sein? Könnte es daran liegen, dass dir jegliche chronische oder katastrophische Leiderfahrung fehlt? MIT-Gefühl mit anderen setzt voraus: dass man denselben Schmerz nachvollziehen kann, der andere unter sich begräbt. Man geht den Weg MIT.

Wer wenig Mitgefühl aufbringt (vielleicht infolge des Glücks, das ihm gegönnt sein mag), kann nie ein guter Seelsorger sein. Wer kein guter Seelsorger ist, kann nie ein guter Theologe an.

Die drei „Theologen“, die Hiob berieten, glaubten ihm in der Verantwortung vor Gott einen guten Dienst zu tun. Und? Sie wurden zu guter Letzt von Gott bestraft. Sie meinten Gott zu „verteidigten“, aber das taten sie mit Halbwahrheiten und vor allem mit Blindheit für die Lage Hiobs. Deshalb wurde Gott so zornig auf sie. Hätte Hiob nicht Fürbitte für sie geleistet, hätte Gott ihnen überhaupt nicht vergeben. Natürlich kennst du den Text, du, der Bibelkenner. Aber warnt er dich?

Du wirfst mir „Lästerung“ vor: weil ich die befohlene Ermordung von Kindern (4Mo 31,14-18) als „scheußlich“ bezeichnet habe. Ich drehe den Spieß um. Bist nicht du derjenige, der Gott beschimpft, da du solche Befehle mit Gottes Gerechtigkeit vereinbar findest, sie als „nützlich und zur Besserung dienend“ (2.Tim.3,16) einstufst, anstatt sie misslungener Tradition zuzuordnen?

Das tust du ganz selbstverständlich, bloß weil es deine Bibelideologie „logischerweise“ verlangt. Das ist schon grotesk: eine Bibelideologie legt fest, wie Gottes Charakter beschaffen sein muss. Und diese Bibelideologie darf nicht in Frage gestellt werden. Es gibt ja einen „bibeltreuen“  Joker, mit dem man auch das stärkste Argument  abwimmeln und jegliches Urteilsvermögen sofort mundtot machen  kann. Es ist der bekannte und bewährte Satz  „das verstehe ich nicht“. Er klingt ja so bescheiden. Formuliert man den Satz so, wie er wirklich gemeint ist, so merkt man, wie unfair er ist: „ich weigere mich darüber nachzudenken, denn ich fühle mich so am sichersten“. Das wäre ehrlich. Damit du  ein diffuses Gefühl religiöser Sicherheit erntest, muss Gott notgedrungen für andere ein willkürlich handelndes Monster sein. Ein Monster, das seine Erwählten (zu denen du dich selbstverständlich  rechnest) zweifellos mit bevorzugter Behandlung beglückt. Dass diese Monströsität nachweislich viele Menschen hindert, überhaupt an Gottes Liebe zu glauben und glücklich zu werden, braucht dich nicht zu stören.

Jeder aber, der sich die befohlene Massenschlächterei vorstellen kann, hat Mühe, deine „Verteidigung“ Gottes nicht als Lästerung Gottes zu empfinden. Gott kann das Leben wegnehmen nach Belieben! Wer wollte daran zweifeln? Doch fehlbare Menschen zu beauftragen, Massaker an Kindern in Gottes Namen anzurichten, ist eine Vergewaltigung ihrer Seele. Ein solcher Befehl ist mit nichts zu rechtfertigen. Und er wird ja auch denkbar schlecht begründet, mit der angeblichen Verhütung von Götzendienst.  Wer soll das glauben, wenn später König Salomo  seinen 1000 Frauen Götzentempel in der heiligen Stadt errichtet, und dafür überhaupt keine Strafe bekommt. (1Kö 11)  Erst König Josia  riss die Götzenopferstätten Salomos wieder ab (2. Könige 23,13). Salomo lebte und regierte ca. 970–931 v. Chr. Josia lebte und regierte ca. 640–609 v. Chr. Damit liegen rund 300 Jahre zwischen beiden Königen. War das keine Verführung zum Götzendienst? Eindrücklicher kann sie doch gar nicht werden!

Was kann man anderes daraus lernen, als dass  es bei diesem „bibeltreuen“ Gott  keine Gerechtigkeit gibt, sondern nur eine erbarmungslose Günstlingswirtschaft. Wer auch diese Texte kennt, der wird die Verherrlichung der Kindermorde als „Gott wohlgefällig“ nicht als Verehrung des wahren Gottes, sondern als Verehrung eines Götzen einstufen, der mit ihm verwechselt wird, von deutlich erkennbarer Verrohung und Verblödung ganz zu schweigen.  Verblödung – ein zu hartes Wort? Wieviel Urteilsvermögen bleibt wohl übrig, wenn man in der Gemeinde lernt, dass solche Widersprüche gar keine sind?

Du indes siehst dich gezwungen, auch diesen Text als „fehlerlos“ zu akzeptieren, denn du „wüsstest sonst nicht, welche Texte“ verbindlich sind und befürchtest, dass du die unbequemen als „nicht unecht“ aussortieren könntest.

Was ist denn das für ein Kriterium? Dann ist ja wohl das schlechte Gewissen bei dir der Hauptantrieb? Und das soll nun ein akzeptables Motiv sein? Sind Gewissensbisse, Tabuängste wirklich etwas automatisch Heiliges? Sind sie nicht vielmehr der wesentliche Antrieb noch im primitivsten Dschungel- und Götzenglauben? Es gibt bessere, edlere Motive.

Die Frage stellt sich mir, warum der Christ es in jedem Fall unbedingt genau wissen muss. Wozu? Um Christ zu werden und zu bleiben, genügt nachweislich die Kenntnis und das Vertrauen auf fünf Heilstatsachen (matth2323.de/heilstatsachen).

Warum genügt nicht bei anderen Texten das Abwägen, das Suchen mit dem Motiv der Liebe, bis man einer konstruktiven Antwort möglichst nahe kommt? Wobei diese Liebe nicht versäumt, auf möglicherweise schädlich wirkende Deutungen zu achten. Das Entscheidende ist doch, dass das Motiv gut ist, das Festhalten an Liebe und Wahrheit. Wieso soll eine penibel genaue Orientierung am Buchstaben entscheidend sein? Wie häufig stritten sich doch Theologen darum, wie man „richtig“ den Sabbat hält. Jesus dagegen hat die einfache Antwort längst gegeben: „der Mensch ist nicht um des Sabbats willen geschaffen, sondern der Sabbat um des Menschen willen (Mk 2,27)“. Das sagte er zwar, doch wen interessiert es?

Wie kann da „Bibeltreue“, die andressierte Servilität gegenüber dem Buchstaben, „Treue“ gegenüber Gott sein? „Bibeltreu“ ist nicht „evangeliumstreu“. Es ist „Treue“ gegenüber den eigenen religiösen Bedürfnissen, ein Treuewahn, mehr nicht. Was nicht „evangeliumstreu“ ist, ist in Wahrheit Untreue. Wozu brauchen Gläubige also theologische Bevormundung?

Es mag Einzelfälle geben, in denen Zweifel bleiben. Dann hat man sich möglicherweise manchmal falsch entschieden trotz bestem Wissen und Gewissen. Na und? Irren ist menschlich. Gott sieht immer das Herz an.

Du kreidest mir an, dass ich „Bibeltreue“ als Götzendienst bezeichnet habe. Dietrich Bonhoeffer, war Christ und Märtyrer und hat es ähnlich ausgedrückt: Fundamentalismus ist der Versuch, das Christentum als Religion zu etablieren. Religion ist emotionale Selbstbedienung. Es ist eine Form frommer Egozentrik.
Es liegt eine heimliche unsaubere Lust darin, anderen Gläubigen als Stellvertreter Christi entgegenzutreten und ihr Gewissen schwer zu machen. Erinnern wir uns an den so gerne praktizierten sexuellen Rigorismus. Wie gerne machte man doch Christen, die wenig Freude am Leben haben, das Herz schwer. Dass sie sich  z.B. nach wiederholter Selbstbefriedigung in die Nähe der mutwilligen Sünde gebracht sahen, die nicht vergeben wird (Hebr 10,26) , nahm man in Kauf. Es gab sogar Christen, die sich Brüste und Penisse abschnitten, um dieser Not zu entgehen. Es gab Christen, die nur im Suizid einen Ausweg fanden. Wer sich mit Theologiegeschichte befasst, erkennt die Tiefe dieses Leids.

Doch „bibeltreue“ Christen lernen (auch von dir!) sich nicht dafür zu interessieren.  Deswegen kommt von dir auch keine Kritik oder Empfehlung von bibelwahnheit-bibelwahn.de       „Bibeltreue“ geht immer mit Ignoranz, Abschottung und Desinteresse einher. Es ist Dummheit, die als heilige Pflicht angesehen werden muss. Theologisch bedingtes Leid interessiert dich und die von dir beeinflusste Klientel nicht. Man könnte zwar daraus etwas lernen über die tötende Macht des Buchstabens. Es könnte vielleicht andere vor ähnlichen Katastrophen bewahren. Aber man will nicht. Wie die Freunde Hiobs. Man will lieber als Stellvertreter Christ anderen vorgeben, was sie zu tun und zu lassen haben. denn das kitzelt das Ego und auf diesen Genuss will man nicht verzichten.

Du entschuldigst dich hier, es tue dir leid, dass du mich verletzt hast. Eine Floskel? Du willst doch weiter zu dieser Personengrupp gehören: zu Leuten, denen das Leid, das durch Fundamentalismus entsteht, egal ist. Zu Leuten, die eine Überprüfung der Gefährlichkeit ihrer Anschauungen für überflüssig halten. Zu Leuten, die aus dem Leid in der Theologiegeschichte nicht lernen können und wollen. Unablässig müssen sie ihre halbgaren unreifen Anschauungen an andere weitergeben (wobei auch ab und zu einmal  etwas Gutes dabei sein mag), um sie zu ihren Jüngern zu machen,  zu Leuten, die ähnlich borniert und desinteressiert wie sie selbst über das durch Theologie verursachte Leid anderer hinweggehen.

.Die Freunde Hiobs hatten diesen Wahn, damit auf Gottes Spur zu sein. Wie wenig kannten sie ihn! Ohne gründliche Leiderfahrung taugt die Seelsorge wenig. Wer aber kein guter Seelsorger ist, kann nie ein guter Theologe sein.

Artikel aktualisiert am 06.06.2026

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert