Menschenwürde I:

(Begründung durch das Judentum)

Im Alten Orient entwickelte das Judentum als erste Kultur die Idee der Menschenwürde und prägte damit einen Grundgedanken, der später zu einem zentralen Baustein der Menschenrechte wurde.

1. Der zentrale jüdische Beitrag: Der Mensch als Ebenbild Gottes (Imago Dei)
Genesis 1,27 ist der Ursprung der gesamten westlichen Würde-Idee:
„Gott schuf den Menschen nach seinem Bild.“
Das bedeutet:
• Jeder Mensch hat einen unantastbaren Wert
• Würde ist angeboren, nicht verdient
• Würde ist gleich, nicht abgestuft

Das ist in der gesamten antiken Welt einzigartig.

Warum einzigartig? Vergleiche! Andere Kulturen sahen Menschen so:
• Griechenland: Menschen sind ungleich; Sklaven sind „Werkzeuge“. (Das heißt totale Abhängigkeit, keine garantierten Schutzrechte, Misshandlung war rechtlich kaum sanktioniert, Sklavenkinder waren automatisch Eigentum des Herrn)
• Rom: Würde (dignitas) ist ein Status, kein Menschenrecht. Sie ist leistungsabhängig und verlierbar. Sklaven hatten keine Rechte. Sie galten als Sachen.
• Indien: Kastensystem → Menschen haben unterschiedlichen spirituellen Wert. Zugehörigkeit zur untersten Kaste heißt Zwang zu niedrig bewerteten, körperlich harten oder „unreinen“ Tätigkeiten, kein Landbesitz oder nur minimaler Besitz, Armut als strukturelle Folge, kaum Rechte gegenüber höheren Kasten, Ausschluss von Bildung, beruflichem Aufstieg, Stigmatisierung als „unrein“ bzw. „unberührbar“, Ausschluss von öffentlichen Orten (Tempeln, Wasserstellen, Gemeinschaftsräumen)
• China: Hierarchie ist Naturordnung; wer seine funktionellen und moralischen Pflichten gegenüber der über ihm stehenden Schicht (ältere Geschwister, Eltern, Clan, Sippe, Dorfgemeinschaft, Staat) nicht erfüllt, wird degradiert bis zur Zerstörung. Das Recht dient der Stabilität, nicht der Gerechtigkeit

Nur das Judentum sagt: Jeder Mensch hat denselben Wert.

Wichtige Frage:  Kann diese Würde  durch  Schuld oder Schwäche verlorengehen?

Nein, wenn man die JÜDISCHE SICHT auf die Bibel zugrunde legt.
In diesem Fall ist diese Würde  unverlierbar!

Nach jüdischer Sicht enthält das Alte Testament sowohl unfehlbare göttliche Inspiration als auch punktuell fragwürdige allzu menschliche Tradition. Einer tragfähigen Erkenntnis über das, was wahr und gut ist, kann und soll man sich erst durch eine Qualitätsdiskussion in der Glaubensgemeinschaft annähern.

Das entspricht in etwa auch der Sicht vieler gläubiger Menschen in der Christenheit [1].(s.a. Martin Luther [2], C.S. Lewis [3], N.T. Wright [4], Jürgen Moltmann [5, Dallas Willard [6],  John Ortberg [7],  Dietrich Bonhoeffer [8]).

Das Alte Testament beschreibt die geschichtliche Entwicklung eines Volkes inklusive gelegentlicher destruktiver Episoden. Diese Episoden sind nicht normativ, sondern der historischen Ehrlichkeit bzw. einer mythisch geprägten Dramaturgie geschuldet. Sie werden immer wieder durch starke inspirierte Impulse korrigiert:

5Mo 24,16 korrigiert die Sippenhaft-Idee: „Nicht sollen Väter für die Söhne getötet werden, und nicht sollen Söhne für die Väter getötet werden; jeder soll für seine eigene Sünde sterben.“ (s.a. Ez.18)

Die Aussagen über die Stellung der Frau spiegeln die soziale Realität des Alten Orients: Frauen hatten weniger ökonomische Selbstständigkeit, sie waren Teil des Haushaltsverbands des Mannes, rechtliche Entscheidungen liefen über Vater oder Ehemann (Patriarchat).

Das Alte Testament bewegt sich innerhalb der damaligen Welt und humanisiert sie Schritt für Schritt. 1Mo 21  – Hagar. Gott kümmert sich persönlich um eine verstoßene Sklavin. 5Mo 21,10–14 – kriegsgefangene Frau: Der Mann darf sie  nicht verkaufen, nicht misshandeln, muss sie freilassen, wenn er sie nicht heiratet. / 5Mo 24,1–4 – Scheidung. Die Frau erhält einen Scheidungsbrief, der sie vor willkürlicher Verstoßung schützt. / 4Mo: 27: 7 – Töchter Zelofhad: Frauen erhalten Erbrecht, wenn keine Söhne da sind. / Spr 31: die Frau als tüchtige Unternehmerin / Ri 4 + 5 – Debora: eine Frau als politische und militärische Führerin / Micha 6,4 – Mirjam: eine Frau als Prophetin im Rang des Mose und Aarons / 2 Kön 22; 2 Chr 34 – Hulda: ihre Auslegung des Gesetzbuchs löst eine nationale Reform aus / Esther: Retterin des jüdischen Volkes.

 

2. Das jüdische Verbot der Menschenopfer und Kindstötung
In der Antike waren Menschenopfer und Kindstötung verbreitet.
Das Judentum war die erste Kultur, die beides kategorisch verbot.
Schlüssel-Erzählung: 1Mo 22 – Die Opferung Isaaks
Die Geschichte knüpft an die orientalische Sichtweise an, dass Götter Menschenopfer wollen.  Der Gedanke, dass man durch das größte Opfer Gott zur Hilfe bewegen könnte, war tief verwurzelt. Auch der Gott der Bibel schien dieses von Abraham zu erwarten und  schickte ihn zusammen mit seinem Sohn zu einer weit entfernten Opferstätte – ein grausamer gemeinsamer Weg, der das Mitgefühl des Lesers anspricht. Dann aber folgt die Erleichterung: das Opfer eines Tieres, das ohnehin gegessen wird, genügt. Das Alte Testament verbietet das Opfern von Kindern, wie es bei den Nachbarvölkern üblich war, als besonders verabscheuungswürdig (3Mo 18,21 / 20,2-5 / 5Mo 12,31 /  18,10 / 2Kö 3,27)

• Das jüdische Recht schützt das Leben der Schwächsten
• Es setzt eine absolute Grenze gegen staatliche oder religiöse Willkür
• Es macht menschliches Leben heilig
Das ist ein früher Ausdruck von Menschenwürde.

 

3. Das Sabbatgebot: Würde durch Ruhe für alle
Der Sabbat (2Mo 20,11 / 5Mo 12, 5-15) ist das erste soziale Schutzgesetz der Welt, das für alle gilt:
• Männer
• Frauen
• Kinder
• Sklaven
• Fremde
• sogar Tiere
Das ist unfassbar modern:
Würde durch Schutz vor Ausbeutung.

 

4. Das jüdische Recht schützt Schwache – systematisch
Die Tora enthält eine Fülle von Schutzgesetzen für:
Witwen (2Mo 22,21–23 / 23,9 / 5Mo 10,18 / 14,28–29 / 24,17–21 / 26,12–13)

Waisen (2Mo 22,21–23 / 5Mo  10,18/ 14,28–29 – Waisen erhalten den Armenzehnten. / 24,17–21 / 26,12–13)

Arme (2Mo 22,24–26 / 23,11/ 3Mo 19,9–10 – Nachlesegebot für Arme / 25,35–38 – Armen soll zinslos geholfen werden. / 5Mo 15,1–11 – Schuldenerlass im Sabbatjahr; offene Hand für Arme. / 24,14–15)

Fremde (2Mo 22,20: „Einen Fremden sollst du nicht unterdrücken, denn ihr seid selbst Fremde gewesen.“ / 22,20 / 23,9 / 3Mo 19,33–34 / 24,22 / 5Mo 10,18–19 / 24,17–21)

Schuldner (3Mo 25,35–38 – Keine Zinsen von Armen / 25,39–43 / 5 Mo 15,1–11 – Schuldenerlass im Sabbatjahr / 24,6 /   24,10–13)

Sklaven (2Mo 20,10 – Sklaven müssen am Sabbat ruhen. / 21,2–6 – Freilassung hebräischer Sklaven nach 6 Jahren. / 21,26–27 – Sklave wird freigelassen, wenn er verletzt wird. / 3Mo 25,39–55 – Schuldsklaven sind Brüder, keine Eigentümerware; Freilassung im Jobeljahr. / 5Mo 15,12–18 – Freilassung + großzügige Ausstattung / 23,16–17 – Flüchtige Sklaven dürfen nicht ausgeliefert werden)

Das ist eine moralische Revolution:
Schwache haben Rechte, weil sie Menschen sind, nicht weil sie nützlich sind.

 

 

5. Das Schuldrecht: Keine Schuldknechtschaft auf Lebenszeit
Im Judentum:
• Schuldknechte müssen nach 6 Jahren freigelassen werden (2Mo 21,2 / 5Mo 15, 12-18)
• Schuldenerlass im Jubeljahr (3Mo 25, 23-28)
• Land darf nicht dauerhaft enteignet werden  (3Mo 25,23 „Das Land darf nicht für immer verkauft werden; denn mir gehört das Land, und ihr seid nur Fremde und Gäste bei mir.“)
Das schützt Menschen vor:
• Armut
• Ausbeutung
• sozialem Absturz
Ein früher Vorläufer sozialer Menschenrechte.

 

6. Prophetenethik: Kritik an Machtmissbrauch
Die jüdischen Propheten (Jesaja, Amos, Micha) sind die ersten Menschen der Geschichte, die:
• Könige
• Priester
• Reiche
• ganze Gesellschaften
öffentlich moralisch anklagen – im Namen der Würde der Armen.
Beispiel Amos:
Sie verkaufen den Gerechten für Geld und den Armen für ein Paar Schuhe.“ (Amos 2,6)
Das ist die Geburtsstunde sozialer Gerechtigkeit.

 

7. Das Judentum entkoppelt Würde von Macht, Geschlecht, Herkunft
Im Judentum gilt:
• Der König ist vor Gott nicht mehr wert als der Bettler (Hiob 34,19 / Spr 22,2 / 2Mo 23,3 / 23,6 / 5Mo 10,17)
• Der Fremde ist nicht weniger wert als der Einheimische (3Mo 19,34 – Fremder = Einheimischer:
Der Fremde, der bei euch wohnt, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“)
• Der Sklave ist nicht weniger Mensch als der Freie (Hiob 31,13–15)
• Die Frau ist nicht weniger Ebenbild Gottes als der Mann (1Mo 1,27 / 5,1-2)
Das ist in der Antike beispiellos.

 

8. Wie das Christentum darauf aufbaut
Das Christentum übernimmt eins zu eins die jüdische Würde-Idee:
• Ebenbild Gottes
• gleiche Würde aller Menschen
• Schutz der Schwachen
• moralische Gleichheit
• universelle Ethik
Paulus radikalisiert sie:
„Es gibt nicht mehr Jude noch Grieche, Sklave noch Freier, Mann noch Frau.“ (Gal 3,28)
Das ist die Säkularisierungsquelle der modernen Menschenrechte.

Endfazit: Der jüdische Anteil an der Würde-Idee
Das Judentum ist die Wurzel der westlichen Menschenwürde-Idee, weil es als erste Kultur der Welt:
1. alle Menschen als Ebenbild Gottes definierte
2. Würde unabhängig von Status machte
3. Schwache systematisch schützte
4. Macht moralisch begrenzte
5. soziale Gerechtigkeit als göttlichen Auftrag formulierte
6. Recht statt Willkür etablierte
7. universelle Ethik entwickelte

Ohne das Judentum gäbe es:
• keine christliche Würde-Idee
• keine Aufklärungsidee der Menschenrechte
• keine moderne Menschenrechtsphilosophie
Das Judentum ist der Ursprungspunkt.


Anmerkungen:

[1] Die christliche Sicht der Bibel ist sehr uneinheitlich und differenziert.
In den Medien wird immer wieder gern unterstellt, dass praktizierende Christen automatisch an die Bibel als an ein „irrtumsloses, fehlerloses, ausnahmslos göttlich inspiriertes, über jeden Tadel erhabenes“ Dokument glauben. („Inerranz“)
Diese fundamentalistisch geprägte Sicht ist in Europa jedoch nur in Minderheiten vertreten (In den USA hingegen wird diese Sicht nach Schätzungen von über 80 % der Gläubigen geteilt.)

Für eine glaubwürdige Auseinandersetzung mit der Bibel ist es hilfreich, die Stärken und Grenzen unterschiedlicher Bibelauffassungen („Bibelbrillen“) transparent miteinander zu vergleichen (bibelbrillen.de)

Ein gravierender Nachteil des fundamentalistischen Dogmas der „Fehlerlosigkeit“: das Alte Testament kann keine nachvollziehbare und argumentativ durchsetzungsstarke  Aussage über die Menschenwürde liefern.

Bei diesem Denkansatz, der vorschreiben will, ob und wie und wo nicht Fakten zu sehen sind,  liefert sowohl das mosaische Gesetz wie  auch die geschichtliche Information Widersprüchliches.

Auch wenn das Alte Testament zweifellos in vielen Teilen vorbildlich Gutes enthält, so wird doch dieser Eindruck punktuell stark beeinträchtigt durch erschreckend Unbarmherziges, das in krassem Widerspruch zur Idee der Menschenwürde steht: Aufruf zum Kindermord [4Mo 31,14-18], Sippenhaft [Jos 7 / 4Mo 16], Verstümmelung [5Mo 25,11-12], Ausrottungsbefehle [1Sam 15], pauschale Vernichtung [2Kö 1,9–12/ 2Kö 2,23–25].

Destruktive Bibelstellen werden in fundamentalistischen Milieus möglichst ignoriert. Auch wenn es niemand gern laut ausspricht: auch solche Texte müssen ja – dem Bibelverständnis entsprechend – als fehlerlos, ethisch richtig und gottgewollt gelten.

In hermeneutisch geschlossenen Gemeinschaften wird das Vergleichen unterschiedlicher Bibelauffassungen häufig als „Angriff auf den Glauben“ wahrgenommen. Auch institutionelle Strukturen können dazu beitragen, bestimmte Bibelverständnisse zu stabilisieren, da sie mit etablierten Rollen, Aufgaben und beruflichen Funktionen verbunden sind.

Fehlende Nachvollziehbarkeit erschwert eine offene Auseinandersetzung mit Informationen und kann dazu führen, dass Diskussionen verarmen, Unsicherheiten wachsen und vereinfachende Deutungen an Einfluss gewinnen.

Immer wieder haben sich profilierte christliche Theologen mit fundierter Bibelkenntnis für einen reflektierten und differenzierten Umgang mit der Bibel eingesetzt und sich klar von stark vereinfachenden Sichtweisen distanziert.

[2]   Martin Luther (1483–1546) gilt als Auslöser der Reformation, die zur Entstehung der evangelischen Kirchen führte. und die europäische Geschichte grundlegend veränderte.

Für Luther ist die Bibel kein gleichförmiger Block, sondern ein Zeugnis, das auf Christus hin geordnet ist.
Was Christum treibet, das ist die rechte Schrift.“ (WA 7, 97)
Damit sagt Luther:
• Christus ist Mitte und Maßstab der Bibel.
• Alles, was Christus verkündigt, erhöht, offenbart, ist kanonisch im eigentlichen Sinn.
Texte, die Christus nicht treiben „treiben“ (= fördern, klar und unverfälscht bezeugen), haben geringere theologische Autorität.
Konsequenz
Luther bewertet biblische Bücher hierarchisch:
• Johannes, Paulus, 1. Petrus → höchste Autorität
• Jakobus → „stroherne Epistel“ (weil sie Christus nicht klar genug „treibt“, d.h. die Wirksamkeit seiner Gnade teilweise von menschlicher Leistung abhängig macht.).  Die katholische Kirche lehrte: Durch fromme Verdienste könne sich der Mensch  das Heil aneignen. Luther hatte alles getan, was die Kirche verlangte – Fasten, Beichte, Buße, Gebet, Askese. Und trotzdem wurde er die Angst vor Gott und seiner Strafe nie los. Er erkannte schließlich: Das Gesetz zeigt mir, was ich tun sollte, aber es gibt mir nie Gewissheit, dass ich genug getan habe. Darum war für ihn klar: Wenn Erlösung auch nur ein bisschen von Gesetzeserfüllung abhängt, dann bleibt der Mensch immer im Zweifel, ob Gott ihn wirklich annimmt.  Deswegen gibt es Erlösung und Befreiung nur, wenn die Erlösung aus Gnade  geschenkt wird, ganz ohne Verdienst d.h. unabhängig von der Erfüllung des Gesetzes [Röm 3,21–24 / 4,1ff / Gal 2–3 / Eph 2,8–9 / Titus 3,5] Der Jakobusbrief schien für Luther wieder die Lehre der teilweisen Selbsterlösung zu betätigen:  „So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein“ (Jak 2,24).  Obwohl der Jakobusbrief auch viel Gutes und Hilfreiches enthält, konnte Luther aufgrund seiner katholischen Prägung diesen Satz nur als Rückfall in Werkgerechtigkeit und Selbsterlösung missverstehen..

Hebräerbrief: Der Hebräerbrief ist eine Spätschrift des Neuen Testaments, die bis ins 5. Jahrhundert umstritten blieb. Seine Wirkung ist ambivalent: Einige Passagen werden als stark inspirierend wahrgenommen, andere können bei Gläubigen mit rigiden Gottesbildern oder ausgeprägtem ethischem Perfektionismus sehr belastend wirken. Der Hebräerbrief ist die einzige Schrift des Neuen Testamentes, der Gläubigen schon mit einem unumkehrbaren Verdammungsurteil zu Lebzeiten droht, ein endgültiges Urteil, das unfehlbar in die Hölle bringt und auch durch tätige Reute nicht mehr zu ändern ist. Zwar  haben Theologen immer wieder versucht, diese Drohung abzuschwächen, indes bleiben solche  Versuche unbeweisbar, sodass immer wieder Gläubige ihr ganzes Leben lang Angst vor ewiger Verdamnis festhängen.  (hebraeerbrief.de)
• Judas, Offenbarung → fehlerbehaftet, theologisch z.T. wertvoll, aber nicht zentral


 

[3] C. S. Lewis (Clive Staples Lewis, 1898–1963) war ein irisch‑britischer Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und einer der einflussreichsten christlichen Apologeten des 20. Jahrhunderts.

C. S. Lewis hat die Inerranz‑Lehre klar und mehrfach zurückgewiesen – nicht in einem systematischen Buch, sondern in Briefen und Essays, besonders:
• Brief an Corbin Carnell (4. April 1953)
• Brief an Clyde S. Kilby (7. Mai 1959)
• Essay „Modern Theology and Biblical Criticism“
• Aussage: „Es ist Christus selbst, nicht die Bibel, der das wahre Wort Gottes ist.“

a) Brief an Corbin Carnell (1953)
Lewis erklärt, dass verschiedene biblische Bücher unterschiedliche literarische Gattungen sind und daher nicht alle denselben Grad von Historizität beanspruchen. Er nennt Jonah und Esther ausdrücklich als „moral romance“, also nicht-historische Erzählungen. → Das widerspricht direkt der Inerranz‑Lehre, die alle Texte als historisch zuverlässig ansieht.

b) Brief an Clyde S. Kilby (1959)
Hier formuliert Lewis seine stärkste Anti‑Inerranz‑Position:
Er nennt konkrete Fehler oder Spannungen in der Bibel, die jede Inerranz ausschließen:
1. Paulus unterscheidet zwischen eigenen Worten und Worten des Herrn (1 Kor 7,10–12).
2. Widersprüche in den Genealogien (Mt 1 vs. Lk 3).
3. Zwei verschiedene Berichte über den Tod des Judas (Mt 27,5 vs. Apg 1,18–19).
4. Unhistorische Texte wie Parabeln – und möglicherweise Jonah und Job.
5. Inspiration ist nicht einheitlich, sondern wirkt in verschiedenen „Modi und Graden“.
6. Nicht jede Aussage kann denselben Wahrheitsanspruch haben.
Dann der entscheidende Satz:
Diese Fakten schließen aus, dass jede Aussage der Schrift historische Wahrheit sein muss.“
Das ist eine direkte Ablehnung der Chicago‑Inerranz‑Definition – Jahrzehnte bevor sie formuliert wurde.

c) Essay: „Modern Theology and Biblical Criticism“
Lewis argumentiert, dass moderne Bibelkritik oft überzieht, aber gleichzeitig:
• die Bibel nicht als einheitlich fehlerloses Dokument gelesen werden darf,
• sondern als Sammlung verschiedener literarischer Formen,
• deren Wahrheit nicht immer historisch, sondern oft symbolisch, poetisch oder moralisch ist.

d) Grundsatzsatz: Christus statt Bibel als „Wort Gottes“
Lewis schreibt:
Es ist Christus selbst, nicht die Bibel, der das wahre Wort Gottes ist.“ „Wir dürfen die Bibel nicht als Enzyklopädie benutzen, aus der man Texte als Waffen herausnimmt.“
Damit lehnt er die evangelikale Inerranz‑Epistemologie ab, die die Bibel als absolut fehlerlose Grundlage aller Erkenntnis sieht.

2. Wie hat Lewis argumentiert? (Seine Grundlinien)
1) Die Bibel enthält verschiedene Gattungen
Lewis betont, dass man Parabeln, Poesie, Chronik, Mythos, Allegorie nicht gleich lesen darf. → Inerranz verlangt aber genau das.
2) Die Bibel zeigt selbst menschliche Perspektiven
Paulus unterscheidet zwischen „ich“ und „der Herr“. → Das widerspricht einer einheitlichen, mechanischen Inspiration.
3) Historische Spannungen sind real
Lewis nennt konkrete Beispiele (Genealogien, Judas‑Tod). → Er akzeptiert sie als echte Spannungen, nicht als Scheinprobleme.
4) Inspiration ist nicht gleichbedeutend mit Fehlerlosigkeit
Lewis: Inspiration wirkt in verschiedenen Graden. → Das widerspricht der Inerranz‑Behauptung einer gleichförmigen, fehlerlosen Inspiration.
5) Die Bibel ist ein Wegweiser zu Christus – nicht ein perfektes Datenbuch
Lewis verschiebt die Autorität von der Bibel auf Christus. → Das ist theologisch das Gegenteil der Inerranz‑Lehre.


 

[4] Nicholas Thomas Wright (1948- ) ist einer der bedeutendsten neutestamentlichen Gelehrten der Gegenwart – anglikanischer Bischof (Durham / Church of England) , Professor für Neues Testament (u. a. Oxford, St Andrews) und führender Vertreter der „New Perspective on Paul“.

Wright lehnt die moderne evangelikale Inerranz‑Lehre ausdrücklich ab, obwohl er die Bibel sehr hoch einschätzt.

Wright glaubt an:
– Inspiration der Schrift
– Autorität der Schrift
– Historische Zuverlässigkeit der neutestamentlichen Zeugnisse
– Die zentrale Rolle der Bibel für die Kirche

Er nimmt die ganze Schrift äußerst ernst.
– Aber er lehnt die Vorstellung ab, dass die Bibel ein fehlerloses Datenbuch sei.
– Er sieht die Bibel als Gottes Autorität in narrativer Form, die Gottes Handeln erzählt und die Kirche formt.

Wright begründet seine Ablehnung der Inerranz ausführlich:

Wright begründet seine Ablehnung der Inerranz ausführlich:
Das fundamentalistische Modell („Alles‑oder‑Nichts“) behaupte: Entweder ist die Bibel in jedem Detail fehlerlos – oder sie ist wertlos. Wenn ein Detail nicht stimmt, bricht das ganze Gebäude zusammen. Inerrantisten verteidigen die Bibel ängstlich gegen Fehler. Sie fragen bei jedem Vers: „Ist dieser Vers fehlerlos?“, „Ist diese Chronologie exakt?“ „Ist diese Zahl historisch korrekt?“ Diese Denkweise erzeugt eine falsche Fragestellung. Die Bibel will nicht diese Fragen beantworten.
Sie will zeigen, wie Gott König wird. Sie will die Welt herauszufordern durch die Botschaft: Jesus ist Herr, nicht Caesar, nicht Mammon, nicht Ideologie. Die Bibel ist deshalb zutiefst politisch. Das fundamentalistische Modell macht diese Botschaft unsichtbar. Das Evangelium wird: defensiv, intellektuell, apologetisch, statisch, unpolitisch, unkonkret. Eine enorme Energie geht in: Harmonisierung, Fehlerabwehr, Textkritik-Bekämpfung, Chicago-Statement-Dogmatik… statt in: Gerechtigkeit, Versöhnung, neue Schöpfung, Transformation, Reich-Gottes-Praxis. Somit ist die Ideologie der Fehlerlosigkeit ein  rationalistisches Konzept, das die Bibel nicht wirklich ernst nimmt..


 

[5]  Jürgen Moltmann (1926 – 2024), Professor für Systematische Theologie in Tübingen (1967–1994), kam im britischen Kriegsgefangenenlager „zum christlichen Glauben“ ., Prägte die protestantische Theologie mit Werken wie Theologie der Hoffnung (1964) und Der gekreuzigte Gott (1972). Seine Biografie – Krieg, Schuld, Gefangenschaft, Hoffnung – ist zentral für sein theologisches Denken .

Warum Moltmann die Inerranz ablehnte:
Die Quellen nennen keine explizite Stellungnahme zum Begriff Inerranz (der aus der US‑evangelikalen Tradition stammt), aber Moltmanns gesamtes theologisches Werk macht seine Ablehnung unmissverständlich. Die folgenden Punkte sind aus seinen Grundmotiven abgeleitet und durch die Quellen gestützt.

1) Geschichtliche Offenbarung statt Text‑Perfektion
Moltmanns Theologie ist zutiefst geschichtlich: Gottes Offenbarung geschieht in der Geschichte, besonders im Kreuz und in der Auferstehung. Die Bibel ist das Zeugnis dieser Geschichte – nicht ein fehlerloses Dokument. Seine Kreuzestheologie („Der gekreuzigte Gott“) zeigt: Gott ist leidend, mitgehend, geschichtlich handelnd – nicht ein statischer Garant eines perfekten Textes oder eines triumphalistischen Bibelmodells.

2) Offenbarung ist zukunftsorientiert. Die Bibel ist ein Zeugnis der Hoffnung, das die Gemeinde in Gottes Zukunft hineinzieht, nicht die Vollendung, aber ein Wegweiser, ein Versprechen, nicht ein perfektes Archiv, wie ein Fenster, nicht wie ein Tresor.  Wahrheit liegt nicht hinter uns, sondern vor uns. Eine Zukunftshermeneutik ist inkompatibel mit Inerranz. die die Bibel als abgeschlossenes, perfektes Informationssystem versteht.

3) Dialogische, ökumenische, politische Theologie
Moltmanns Theologie  war dialogisch, offen, gesellschaftlich engagiert.
Inerranz hingegen ist ein nicht‑dialogisches Modell, eine Art Abzeichen, das zeigt, wer dazugehört und wer draußen ist.


 

[6] Dallas Willard (1935–2013) war ein  evangelikaler Vordenker und einer der einflussreichsten Autoren zur geistlichen Transformation im 20./21. Jahrhundert. Er war auch ein professioneller Philosoph, spezialisiert auf Edmund Husserl, den Begründer der Phänomenologie. Das ist entscheidend: Willard war einer der führenden Husserl‑Forscher in den USA und hat Husserl‑Texte übersetzt und kommentiert. Phänomenologie bedeutet: Wahrheit zeigt sich in Erfahrung, nicht in abstrakten Systemen. Erkenntnis ist intentional, also auf etwas gerichtet. Man muss die Dinge so nehmen, wie sie sich zeigen, nicht wie ein System sie definieren will. Man arbeitet deskriptiv, nicht dogmatisch.

Willard war also ein Denker, der Wahrheit phänomenologisch, nicht fundamentalistisch‑systematisch versteht. Die Bibel ist für ihn verlässlich, göttlich inspiriert, und ein Raum der Begegnung mit Christus, aber nicht ein fehlerloses Datenbuch.

Evangelikale Erneuerer der 1970–2010er Jahre (Ortberg, Foster, Willard, Renovaré‑Umfeld) lehnen Inerranz als hermeneutisches System ab, weil es geistliche Transformation behindert.  Willard kritisierte sowohl konservative wie John F. MacArthur und Charles C. Ryrie als auch liberale Theologen für ein von der Bibel abweichendes Evangelium vom Reich Gottes. Der Fokus müsse auf geistlichen Übungen liegen, auf Nachfolge, Charakterformung, dem Wirken des Geistes. Hier wird Christus und seine Kraft erfahrbar und nicht im Verteidigen der Inerranz-Ideologie.

 


[7] John Ortberg Junior (1957-) ist ein US-amerikanischer Psychologe, evangelischer Theologe, Bestsellerautor, Referent und ehemaliger Seniorpastor der Menlo Park Presbyterian Church (MPPC) in Kalifornien. Grundlegende Feststellung: Du kannst geistlich nicht gesund sein, wenn du emotional krank bist.“ Er zeigt auf, wie Menschen sich durch falsche Geschichten definieren – und wie das Evangelium eine neue Geschichte anbietet. Das ist narrative Psychologie, aber geistlich gedeutet. Er empfiehlt geistliche Übungen mit dem Ziel psychologischer Musterveränderung, durch Wiederholung eine „Neuverdrahtung“ des inneren Lebens, Einüben von Disziplin zwecks Neuformung der Aufmerksamkeit. Das ist exakt das, was moderne Psychologie über Neuroplastizität sagt. Für Ortberg sind authentische Erfahrungen mit Gott“ zentral. Inerranz lehnt Erfahrung als primäre Quelle ab. Sie setzt den perfekten Text als primäre Quelle. Ortberg setzt Erfahrung + Bibel als dynamisches Zusammenspiel.

Wichtige Werke: Hüter meiner Seele. Ordne die verborgene Welt deiner Seele – sie ist das Wertvollste, das du hast (2015), Die Ewigkeit ist jetzt. Warum wir nicht erst sterben müssen, um den Himmel zu erleben: eine Einladung zu einem erfüllten Leben. (2019). Du bist frei, anders zu leben. Schritt für Schritt zu einem authentischen Leben, echter Gemeinschaft und einer tiefen Beziehung zu Gott. (2025)


 

[8] Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) war ein lutherischer Theologe und profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche. Er war am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt.

Er lehnte christliche Religiosität ab.  Sie zieht sich in subjektive Innerlichkeit zurück, statt Gottes Gegenwart in der Welt ernst zu nehmen. Sie wird zu einer Privatflucht, nicht zu gelebtem Glauben.  Religion setzt Gott dort ein, wo menschliches Wissen endet, als Erklärungslücke. Das ist für Bonhoeffer unredlich und macht Gott klein. Ein Gott, der nur in den Lücken vorkommt, verschwindet, sobald die Lücken kleiner werden. Bonhoeffer sagt: „Ein solcher Gottesbegriff ist für den mündigen Menschen sinnlos geworden.“ Religion verteidigt Gott durch Rückzug, Angst und Abgrenzung. Sie verschiebt Gott in ein fernes Jenseits und trennt ihn vom konkreten Leben. Gott ist nicht dort, wo wir nichts wissen, sondern dort, wo wir leben, arbeiten, lieben, leiden, handeln. Gott ist der Mensch gewordene, der mitträgt, mitleidet, mitgeht.

Religion behauptet: „Die Bibel liefert allgemeine Regeln.“  Dagegen setzt Bonhoeffer den Satz: „Die Kirche darf keine Prinzipien verkündigen, die immer wahr sind, sondern nur Gebote, die heute wahr sind. Denn, was ‚immer‘ wahr ist, ist gerade heute nicht wahr. “ Zeitlose Prinzipien sind eine Verfälschung des Evangeliums, das Gott in der Welt zeigt. Wahrheit ist nicht abstrakt, sondern gegenwärtig. Gott begegnet uns nicht im Immer, sondern im Heute. Das ist ein zentraler Gedanke seiner Ethik und einer der stärksten Brüche mit fundamentalistischen Modellen. Jesu Worte sind Gottes Gegenwart. Sie sind kein Prinzip, sondern Begegnung. Das bedeutet: Keine abstrakten moralischen Systeme, keine Harmonisierung aller Bibelstellen, keine „immer gültigen“ Dogmen. Die Bibel ist Begegnung, nicht Regelwerk. Gottes Gebot an mich heute ist nie automatisch aus dem Text ableitbar, ist nie wiederholbar, ist nie ein Prinzip. Gottes Wille ist nicht identisch mit dem Text, sondern mit Christus, der uns zu Verantwortung und Liebe aufruft. Der Text ist Zeugnis, nicht Prinzip. Er ist Hinweis, nicht System. Er ist Wegweiser, nicht Automat. Er ist Geschichte, nicht Regelkatalog.

Fundamentalismus erzeugt: Angst, etwas falsch zu machen, Angst, ein Prinzip zu verletzen, Angst, nicht „bibeltreu“ genug zu sein, Angst, die Bibel „inkonsequent“ zu lesen, Angst, nicht „rein“ zu sein, Angst, Gott zu enttäuschen, Angst vor der Gruppe. Es ist eine Ethik der Angst, nicht der Freiheit.

Die Alternative: Der Gläubige ist in Christus – darum frei von dem Zwang, richtig handeln zu müssen. Des gibt ihm den Raum, mutig zu sein. Mut ist nicht Selbstüberwindung, moralische Stärke, heroische Leistung, sondern das Vertrauen, dass Christus mich trägt, auch wenn ich falsch entscheide. Mut entsteht nicht aus Sicherheit, sondern aus Geborgenheit.

 

 

Artikel aktualisiert am 07.07.2026

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