Viele Christinnen und Christen fragen sich, wie sie ihre Glaubensfreude bewahren können, wenn sie auf schwierige oder bedrohlich wirkende Bibelstellen stoßen
1. Warum schwindet bloß die Freude?
2. Der Glaube ist auf sicheres Fundament gegründet.
3. Warum ist ein schlechter Informationsstand erwünscht?
1. Warum schwindet bloß die Freude?
Ein Mensch, der sich in einer Glaubensgemeinschaft für den Glauben an Jesus Christus entscheidet, wird oft mit einzigartigen Erlebnissen beschenkt, die er zuvor nie gekannt hatte: völlige Befreiung von Schuldgefühlen, Gefühle der Privilegierung und Erwählung zum Freund Gottes, Verschwinden jeglicher Zukunftsängste.
Das ist eine bisher nie gekannte Anhäufung von Glückserlebnissen, die eine ungeheure Erleichterung, geradezu einen Rausch des Glücklichseins erzeugen können. Die innere Befreiung, die damit verbunden ist, lässt die eigenen materiellen Bedürfnisse zum ersten Mal nebensächlich erscheinen. Eine ganz neue Welt tut sich auf, in der die Fixierung auf eigene Bedürfnisse als Verlust erscheint und mit dem Bedürfnis konkurriert, empfangene Liebe an den Nächsten weiterzugeben. Eine unglaublich schöne und für das ganze Leben sinnstiftende wertvolle Erfahrung. So einzigartig ist dieses nie gekannte Befreiungserlebnis, dass es nicht schwerfällt, hierin eine Berührung mit Göttlichem, eine wahrhaft spirituelle Erfahrung zu sehen.
Dieses Glückserlebnis ist mit einem Entschluss verbunden, von nun an den Heilsverheißungen Gottes zu vertrauen. Diese Heilsverheißungen gelten im Rahmen einer freundschaftlichen Vertrauensbeziehung zu Gott. Um den Erhalt dieser Beziehung hat sich der Gläubige fortan zu bemühen, um die geschenkte Glaubensfreude zu bewahren. Er ist aufgerufen, sich auch in Zukunft von falschem, schuldhaften Verhalten zu distanzieren (“Nachfolge“), um Gottes Vergebung immer wieder neu in Anspruch zu nehmen, wodurch die ursprüngliche Glaubensfreude wiederhergestellt wird.
Bei oberflächlichem Bibelwissen fällt diese Verpflichtung nicht schwer. Der bibeltreue Mainstream heute lehrt und beachtet eine Minimalethik, die sich eher am Niveau der Zehn Gebote orientiert als an der Bergpredigt Jesu. Nicht stehlen, nicht ehebrechen, nicht betrügen, dem Nächsten nicht schaden, Gottes Namen nicht missbrauchen – noch ergänzt um das alttestamentliche Gebot, den Zehnten zu spenden sowie die Verbote der Abtreibung und Pornografie, Verbote indes, die nicht in Bibeltexten explizit formuliert werden, sondern durch Auslegung von Ps 139,15-16 sowie Mt 5,28-29 begründet werden.
Das ist wahrlich nicht allzu viel verlangt. Der Gläubige ist davon überzeugt, dass die Freude, die Liebe und die Geborgenheit bis an sein Lebensende fortbestehen wird. Eine wunderbare Perspektive. Begeistert liest er die Bibel, macht Bibelkurse, schreibt Predigten mit, beschafft sich Bibelkommentare, ja lernt vielleicht sogar noch die Sprachen, in denen die Bibel geschrieben ist, um das Feuer der Liebe am Brennen zu halten.
Doch ach – nach etlichen Jahren stellt er fest: es ist ist nicht mehr wie früher. Die Freude, die Liebe, das Vertrauen… alles scheint zu schrumpfen. Je eifriger man liest, desto gründlicher und tiefer leuchtet das Wort Gottes in die Seele hinein und scheint in seinem Urteil immer strenger zu werden. Eine Minimalethik gibt es längst nicht mehr. Auch lassen manche Bibeltexte bis her nie geahnte Befürchtungen und Zweifel aufsteigen. Viele Gläubige versuchen diesen Prozess umzukehren, indem sie die Bibel immer selektiver lesen, sich dabei auf die guten, ermutigenden Stellen, “die Rosinen” beschränken. Man sieht es gerne, wenn auch die Predigt diesem Rezept folgt. Auf einmal erscheint manchem zu viel Bibelkenntnis eher von Nachteil zu sein.
Die neutestamentliche Ethik bezieht auch Unterlassungssünden mit ein ( “wer etwas Gutes zu tun weiß und tut es nicht, dem ist es Sünde” (Jak 4,17), fordert völlige Selbstlosigkeit (“wer nicht aufgibt alles, was er hat, kann nicht mein Jünger sein“(Luk 14,33), “Ihr sollt vollkommen sein, denn ich bin vollkommen” (Mt 5,48) Je fleißiger die Bibel gelesen wird, desto mehr droht die anfängliche Minimalethik durch ethischen Rigorismus verschärft zu werden, sodass der Optimismus immer mehr schrumpft und durch Versündigungsangst verdrängt wird. Man befürchtet, dass man dann auch zu den Leuten gehören könnte, die nur “Herr, Herr” zu Jesus sagen, die aber vom Eintritt in den Himmel ausgeschlossen werden, weil “sie nicht alles getan haben, was Jesus verlangt hatte.” (Mt 7,22)
Mit diesen Befürchtungen kommen Gläubige in die Seelsorge – in der Erwartung, dass diese von theologischen “Fachleuten” entkräftet werden. Doch wie zuverlässig sind solche beruhigenden Auskünfte, die ja voraussetzen, dass der Seelsorger die strafende Reaktion Gottes auf längeres Fehlhalten sicher voraussagen kann?
Wer biblische Texte gründlich liest, der weiß, dass exzessive schwere Strafe unversehens auch für kleine Sünden möglich ist (2Kö 1,13-14 / 2,24 / 2Sam 6,6 / Rö 14,15 / Apg 5,5 ), und dass – wie der Hebräerbrief im zehnten Kapitel feststellt – die Strafen im neuen Bund für wiederholte “mutwillige Sünde” unendlich viel härter und grausamer sein können als alles was im alten Bund an Strafe vorstellbar war (Hebr 10, 26-31).
Auf die ursprüngliche Glaubensfreude wirkt dieser Eindruck natürlich stark bremsend. Wie kann der Gläubige aus diesem Dilemma herausfinden? Durch sorgfältiges, widerspruchsfreies Nachdenken?
Nun wären all die strengen Stellen in der Bibel wohl kaum ein Problem, wenn es nicht den Hebräerbrief gäbe, der als einzige Schrift der Bibel auch dem eifrigen Gläubigen bereits zu Lebzeiten mit unumkehrbarer Verdammung droht, sollte er hinter der Forderung, jegliche Sünde zu vermeiden, in irgendeiner Weise zurückbleiben. Damit wird die Abgrenzung zum werkgerechten Perfektionismus und zur Überforderung des Gewissens zu einer kaum lösbaren Aufgabe.
Martin Luther machte der Hebräerbrief auch nach Entdeckung der Glaubensgerechtigkeit soviel Angst, dass er schon in seiner ersten Ausgabe des Neuen Testamentes 1522 dem Hebräerbrief eine Vorrede mitgab, die auf die Gefahren dieser Schrift für die Glaubensfreude hinwies.
Was wenige Gläubige wissen: der Hebräerbrief war noch 12 Generationen nach der Zeit der Apostel stark umstritten, und wurde erst in den Konzilien von Laodicäa (363 nach Chr.!) und von Hippo (393 nach Chr.!) als Bestandteil der Bibel anerkannt. Solange wurde er von Christen geprüft, die die Ur-Ur-Ur-Ur-Ur…Urenkel der Apostel waren, und es ergebt sich die Frage, warum dürfen ihn dann die Gläubigen heute nicht prüfen, wo alle Gläubige mit einer geistlichen Einstellung die Zusage haben, dass Gottes Geist ihnen ein gesundes und richtiges Urteil ermöglicht (1Kor 2,15).
Luther hat ein zutreffendes Urteil über den Hebräerbrief abgegeben. E er bezeichnete ihn als “einen aus Stücken verschiedener Qualität zusammengesetzten Text”. In der Tat beeindruckt der Schreiber des Hebräerbrief immer wieder mit Juwelsprüchen, die er aus einem urchristlichen Zitatenschatz abgeschrieben hat. Daneben aber schrieb er auch allerlei, was die wunderbare Verheißung Jesu “Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen” dermaßen relativiert, dass immer wieder treue Gläubige in Depression und Höllenangst gelandet sind.
Besonders quälend kann es für Gläubige werden, wenn schweres Leid zu tragen ist und auch unablässiges Gebet daran nichts ändert. Die entmutigenden Bibelstellen erhalten unversehens ein viel größeres Gewicht. Diejenigen, für die es immer schwerer wird, am früheren Optimismus festzuhalten, sehen sich irgendwann vor die Frage gestellt, ob es nicht eine konstruktivere Möglichkeit gibt als die Verdrängung, mit verstörenden Bibelstellen umzugehen.
2. Der Glaube ist auf sicheres Fundament gegründet
Missionare haben die Erfahrung gemacht, dass lebendiger Glaube bereits durch die gläubige Annahme von fünf grundlegenden Informationen entsteht: den “Heilstatsachen“.[1] Offenbar lässt sich die lebendige Kraft der Gottesworte auch ganz unabhängig vom Dogma biblischer Fehlerlosigkeit erfahren. (Ps 107, 20 / Joh 15,3 / 1Kor 1,18). Ein Christ kann diese Informationen mit Hilfe eines kleinen Buches, das fünf verschiedenfarbige Seiten enthält, an einen anderen Menschen weitergeben, sodass dieser ebenfalls Christ werden kann. Obwohl es in diesem kleinen “Buch” nicht einen einzigen Buchstaben gibt. Dieses Buch enthält lediglich eine schwarze, eine rote, eine weiße, eine grüne und eine goldene Seite, die jeweils eine geistliche Bedeutung haben.
Um diesen Glauben kräftig und gesund zu erhalten und die Nähe Gottes zu spüren, genügt es, die empfangene Liebe weiterzugeben. Wer gerne selbstlos für einen anderen Menschen da sein kann, der ihm konkret wenig nützt, hat ein großes Geschenk von Gott erhalten. Und wer sich von dieser Liebe leiten lässt, gewinnt geistliches Urteilsvermögen und erkennt auch die Autorität der biblischen Aussagen, die seinem spirituellen Wachstum dienen können.
Es gibt ein umfassendes Prüfungsrecht, das die Bibel jedem Christen auch heute zugesteht (1Kor 2,15-16) [2], und das Jesus seinen Jüngern zugestand (Joh 8,46). Doch davon erfahren bibeltreue Gläubige in der Regel nichts. Wie sollen es die Gläubigen je erfahren, wenn bereits die Überprüfung als Versuchung gelten soll? Wie soll sich dann geistliches Urteilsvermögen entwickeln?
3. Warum ist ein schlechter Informationsstand erwünscht?
Leider ist es in vielen bibeltreuen Gemeinden der Normalzustand: Gläubige sind sowohl in der Bibelkunde als auch im Fach Kirchengeschichte traditionell auf einem äußerst schlechten Informationsstand. Und sie sollen es auch bleiben.
Gibt es nicht zu denken, dass dieser schlechte Informationsstand von der Mehrzahl der Gläubigen als wünschenswert angesehen wird? Das passt doch mit der Verkündigung, dass jeder Satz in der Bibel wertvolles und hilfreiches Gotteswort ist, sehr schlecht zusammen.
Warum ist die Prüfung des Hebräerbriefes bis heute in bibeltreuen Kreisen tabu? Für die Entwicklung von Selbstreflexion und Urteilsvermögen ist dort wenig Raum. Um so großer ist die emotionale Abhängigkeit von Behauptungen des religiösen Umfelds, deren gedankenlose Übernahme schnelle Gefühlsberuhigung verspricht. Die weitgehende Abwertung des Verstandes hat zur Folge, dass Widersprüche und Ungereimtheiten in der Gemeindetradition nicht mehr stören. Sie geben keinen Anreiz mehr, nachzuprüfen, werden sogar gar kaum noch wahrgenommen.
Leider ist auch das in vielen Glaubensgemeinschaften erwünscht. Je unselbständiger die Gemeinde im Urteilen, desto abhängiger und beeinflussbarer wird sie. Das Nachdenken über wichtige Fragen, insbesondere über die Frage der Heilsgewissheit wird nahezu vollständig an die Bibellehrer, “die es ja studiert haben”, delegiert. Für sie ist diese Aufgabe natürlich sehr schmeichelhaft. Doch sollte man in dieser wichtigen Frage nicht durch eigenes Nachdenken und Prüfen zur frohmachenden Gewissheit kommen?
In Gemeinschaften, die sich streng an den Buchstaben orientieren, ist Heilsgewissheit und Glaubensfreude für viele Gläubige leider ein Dauerproblem. Wäre es dann nicht besser, man wäre von dieser Theologe von vornherein verschont geblieben und könnte sich stattdessen harmlos des Lebens erfreuen? Was nützt dieser ungesunde Drang, ständig sich und andere zu belehren, wenn die Bibellehre den Gläubigen auf die fundamentale Frage nach der Heilsgewissheit mit widersprüchlichen und zweifelhaften Antworten zurücklässt und bestenfalls an seinen Optimismus appellieren kann?
Was bleibt unter diesen Bedingungen an Glaubenszuversicht übrig? Die bibeltreue Theologie hat sich selbst in ein dogmatisches Gefängnis eingesperrt, indem sie das Prüfungsrecht, das allen Gläubigen zugedacht ist, die “geistlich” denken, d.h. sich an Liebe und Wahrheit orientieren , ignorieren. Würden sie es in Anspruch nehmen und den Hebräerbrief prüfen, ob er tatsächlich Evangelium, frohe Botschaft ist oder etwas anderes, so wäre der Weg zu einer gesunden Entwicklung offen.
Anmerkungen:
[1] https://matth2323.de/heilstatsachen/
[2] “Der vom Geist erfüllte Mensch aber beurteilt ALLES und sein Urteil hält jeglicher Überprüfung stand.” (1Kor 2,15). “Und die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, dass euch jemand belehre; sondern wie euch seine Salbung alles lehrt, so ist’s wahr und ist keine Lüge, und wie sie euch gelehrt hat, so bleibt in ihm.” (1Joh 2,27)
[3] “Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und betrachtet das Wichtigste im Gesetz als nebensächlich, nämlich das Gerechtigkeit, die Barmherzigkeit und die Verlässlichkeit!” (Mt 23,23)

