Der „Zehnte“ auf dem Prüfstand:

(Vom Zwang zur Zehntengabe)

Manche Prediger verkünden, dass es Christenpflicht sei,  den zehnten Teil seines Einkommens an die Gemeinde abzuliefern. Man beruft sich dabei auf folgende Bibelstelle:

Ist’s recht, dass ein Mensch Gott täuscht, wie ihr mich täuscht? Ihr entgegnet: “Womit täuschen wir dich?” Ich sage euch: Am Zehnten und Hebopfer. Darum seid ihr auch verflucht, dass euch alles unter den Händen zerrinnt; denn ihr täuscht mich allesamt. Bringt mir den Zehnten ganz in mein Kornhaus, auf dass in meinem Hause Speise sei, und prüft mich hierin, spricht der Herr der Heerscharen, ob ich euch nicht des Himmels Fenster auftun werde und Segen herabschütten die Fülle.” (Mal 3,10)

Der Christ, der dies nicht tue, sei ungehorsam. Wer dieses prinzipiell nicht tue, lebe gar in einem Zustand der Verstocktheit.

Wie die Zehntengabe Gläubige unter Druck setzt

Dafür wird ihm mit einem Fluch gedroht: ihm „soll alles unter den Händen zerrinnen„.

Diesem Fluch können er vermeiden, wenn er alles vollständig in seiner Gemeinde, dem „Kornhaus„, das ihn mit geistlicher Nahrung versorgt“, abgebe.

Die Nebenwirkungen dieser Lehre sollte jeden Gläubigen eigentlich misstrauisch machen

Wie verträgt sich diese Lehre mit der Botschaft, dass Christus uns „vom Fluch des Gesetzes befreit“ habe (Gal 3,13)? Hier wird mit Verfluchung gedroht. Arme Menschen können den Zehnten möglicherweise gar nicht geben, die ihre Familie nur mit dem Nötigsten versorgen können. Dennoch werden sie mit der Fluchandrohung  psychisch unter Druck gesetzt, während der wohlhabende Gläubige den Zehnten aus der Portokasse zahlt.

Was christliches Geben laut NT wirklich bedeutet

Gott liebt „fröhliche Geber“ (2Kor 9,7). Die Drohung mit einem Fluch, die Angst vor Segenverlust auslöst, ist sicherlich kein Anlass zur Freude, wohl aber die Mitfreude, wenn sich jemand über unerwartete Hilfe freut, oder beide sich freuen über die Freundschaft, die auf diesem Weg entsteht.

In diesem Sinne soll auch der Gläubige, der in einer Gemeinde mit biblischem Unterricht dient, nicht unterversorgt sein: „Wer im Wort unterrichtet wird, soll den Lehrer an allem Guten Anteil geben“ (Gal 6,6).

Hilfsbedürftige Mitchristen in der Gemeinde sollten im Fokus der Aufmerksamkeit stehen und nicht die berechnende Absicht, Gott mit einem „Vorschuss“ zu materieller Belohnung zu bewegen. Auch wenn solche Erfolgsgeschichten in mancher Gemeinde die Runde machen und gerne gehört werden, so gibt es doch genug Gegenbeispiele, wo Gläubige gern und viel gespendet haben und dennoch in der Armut gelandet sind. Doch mit Geschichten über Misserfolge macht man sich in einer Gemeinde erfahrungsgemäß unbeliebt.

Jesus fordert seine Jünger auf, Hilfsbedürftige immer wieder einzuladen und kennenzulernen: „Wenn du ein Mahl gibst, so lade nicht deine Freunde, Brüder, Verwandten oder reichen Nachbarn ein, damit sie dich nicht wieder einladen und dir vergelten. Sondern lade Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde ein. Und du wirst selig sein, weil sie es dir nicht vergelten können.“ (Luk 14,12-14)

In wie vielen Gemeinden, die aufrufen den Zehnten zu geben, wird an dieses wichtige Gebot regelmäßig erinnert? In wie vielen Gemeinden ist denn dieses Verhalten Vorbild und Leitbild?

In einer Gemeinde treffen sich Brüdern und Schwestern, Kinder des Vaters im Himmel. Es sollte  eine Familie sein, die niemanden in einer Notlage allein lassen sollte, in der der Schwächste unter besonderem Schutz steht (1Kor 12, 22-26). Wenn alle Gläubige, denen es einigermaßen gut geht, sich um Menschen kümmern, um die sich sonst niemand kümmert, das wäre das glaubwürdigste und wirksamste Zeugnis, das es gibt, wahrscheinlich viel wirksamer als eine kostspielige Evangelisationsveranstaltung mit Missionszelt, mit Tribüne, Soundanlage und Info-Ständen.

Was läuft hier schief?

Es gibt Grund genug, das übliche Verständnis von Mal 3,10 auf den Prüfstand zu stellen.

Was Maleachi 3,10 wirklich sagt

Es sollte eigentlich auffallen, dass sich der Prophet Maleachi in erster Linie an Priester wendet. Maleachi 3,10 richtet sich nicht an das Volk und schon gar nicht an Christen, sondern an die korrupten Priester Jerusalems, die den vorgeschriebenen „Zehnten vom Zehnten“ (4. Mose 18,26–28) nicht in die Vorratskammern des Tempels brachten. Der gesamte Kontext von Maleachi zeigt, dass Gott die Priester anklagt (Mal 1,6; 2,1–8), weil sie den Tempeldienst verunreinigen und den Bund Levis brechen. Nehemia, der Zeitgenosse Maleachis, beschreibt dieselbe Situation: Die Priester behielten die Tempelabgaben zurück, sodass die Leviten hungerten und ihren Dienst aufgeben mussten (Neh 13,10–14).Bei so viel Hartherzigkeit ist eine Drohung mit Segensverlust durchaus angebracht.

Für Christen gelten andere Regeln, weil sie nicht unter dem levitischen Tempelgesetz stehen, das mit Jesu Tod beendet wurde (Hebr 7,12; Hebr 10,1–18). Sie stehen unter dem Gesetz Christi, das freiwilliges Geben aus dem Herzen fordert (2. Kor 9,7). Umgekehrt wird davor gewarnt, aus eigennützigen Motiven zu opfern: „Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.“ (1Kor 13,3)

Historische Quellen zur Korruption der Priester

Maleachi lebte ca. 450–430 v. Chr. Aus späteren Quellen erfahren wir, dass Priesterkorruption ein wiederkehrendes Problem im Judentum war.  Josephus: schreibt über Ereignisse 30–60 n. Chr. Er berichtet, dass die Hohepriesterfamilien Annas und Ananias den Zehnten raubten und das Volk ausplünderten (Ant. 20.8.8; 20.9.2; Bell. 2.8.14). Die Mischna und der Talmud nennen dieselben Priesterfamilien als gewalttätig und habgierig (Pesachim 57a; Yoma 1–3), und die Qumran-Schriften klagen sie an, den Tempel durch Geldgier zu entweihen (CD 1:7–11; 1QS 5:20–6:1).

Die zentrale Reaktion Jesu war die Tempelreinigung  (Joh 2,13–22 / Mark 11,15–18 / Mt 21,12–13 / Luk 19,45–48 ). „Mein Haus soll ein Bethaus sein. Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht“ (Jeremia 7,11) – er zitiert ein Gerichtswort gegen religiöse Heuchelei und Tempelmissbrauch. Das bedeutet: Jesus stellt sich bewusst in die Linie der alttestamentlichen Propheten, und spricht ein Gericht über das korrupte Tempelsystem aus.

 

 

 

 

 

Artikel aktualisiert am 09.09.2026