Illusion oder Vorfreude

Wie kann ich meine Glaubenshoffnung stärken?

Ist diese Frage ein Mangel oder ein Gewinn? Oft ist sie das Resultat von viel erlebtem Unglück. Umso größer das Unglück, desto größer ist die Sehnsucht nach begründetem Trost, nach begründeter Zuversicht und illusionsfreier Wahrnehmung einer lebenswerten Zukunft, die den schmerzhaften Rückblick auf vergeudete Chancen kompensieren kann.

Unbegründeten Trost gibt es genug. Man redet, ja man hämmert es sich ein, wie es in Motivationskursen gemacht wird: Ich schaffe es, es wird immer besser, ich werde das Ziel erreichen, ich…, ich…, ich ….

Es würde nützen, wenn es eine für jeden einsehbare Dokumentation gäbe, was denn aus den Plänen der einzelnen Teilnehmer der Motivationsveranstaltung geworden ist? Man darf davon ausgehen, dass sehr wahrscheinlich der Veranstalter sein Ziel erreicht hat.

Ist das alles, was es für die Zukunft gibt: blinder Wille, fanatische Entschlossenheit und die Dauerbeschallung mit Motivationsphrasen?

Kommt dadurch wirklich Frieden und Vorfreude zustande? Oder wieder neuer Stress und hoher Blutdruck?

Frieden, Geborgenheit und Vorfreude, das ist doch das große Geschenk, dass Kinder haben dürfen, deren Eltern diese Vorfreude ein wichtiges Anliegen ist. Wie kann ich selbst denn nur dahin wieder zurückfinden ? Erreiche ich das mit wirklich durch intensivere  Propaganda, die mich mit neuen Illusionen versorgt? Können Illusionen trösten? Können fromme Phrasen nützen, die eine fromme Gruppe bereitstellt, die sich selbst als Verwalter der ewigen Wahrheiten sieht, sich aber nachweislich bis zum heutigen Tag eine ehrliche und offene Gesprächskultur gar nicht leisten kann, eine Gruppe, deren Lehrbetrieb ohne das Schmieröl der kleinen Unehrlichkeiten gar nicht mehr laufen würde.

Ja wenn es mir in Allem gut gehen würde, dann wäre doch Ablenkung kein Problem. Wenn man Geld und Perspektiven genug hat, dann gibt es so viele schöne Dinge auf der Erde, die Aufmerksamkeit aufsaugen wie ein Schwamm. Es ist dann auch nicht schwer, auf all das schöne Erleben noch das Sahnehäubchen der religiösen Gruppeneuphorie zu setzen. In der ideologisch geschlossenen Gruppe wartet exklusives Erleben. Mann kann sich Anerkennung und Sympathie erwerben, wenn man zustimmt, ohne das Gesagte in der Praxis auf Herz und Nieren geprüft zu haben. Man kann Ansehen, ja Profilierung erwerben, wenn es gelingt, sich in seiner Rede als noch entschiedener, noch kompromissloser, ja noch beeindruckender zu präsentieren als es das vorgefundene Niveau erwartet.

Woher sollen aber dann die Kriterien kommen, um zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit zu unterscheiden? Woher soll dann die Erkenntnis kommen, dass diese Unterscheidung unendlich wichtig für die Vorfreude ist? Woher soll überhaupt der Wunsch nach ehrlicher Unterscheidung kommen, wenn es in der frommen Gruppe üblich ist, diesen Wunsch gleich von vornherein in der Seele zu ersticken?

So wie eine Doku bei der Bewertung einer Motivationsveranstaltung Klarheit geben würde, so hilft auch der Blick in die Geschichte, das Lernen aus Biografien bzw. das aufmerksame Zuhören bei Erfahrungsberichten, um durch Tradition tief eingeschliffene religiöse Prozesse zu bewerten, was sie denn tatsächlich zum Frieden der Seele und zur kindlichen Vorfreude beitragen können.

Hat es wirklich Zweck, mit Menschen über den Glauben zu sprechen, die quasi wie auf Knopfdruck eine dogmatische Schallplatte abspielen, und sich dabei ganz selbstverständlich zu einer päpstlichen Rolle berufen sehen mit dem Auftrag, den Gesprächspartner als mangelhaft Glaubenden zurechtzuweisen? An Selbstbewusstsein mangelt es nicht.  Sieht man sich selbst ja im festen Besitz der Wahrheit. Wobei es allzu nahe liegt, jeden, der nicht gleich zustimmt, sondern Fragen hat, als Gefährder des Glaubens, ja als Feind der Gewissheit einzustufen.

Immerhin erntet man den Wahn, sich mit dieser Art „Bekenntnis“, mit der „Verteidigung der Wahrheit“ irgendwie den Segen Gottes gesichert zu haben. Dieses Triumphgefühl der Überlegenheit kann kurzfristig befriedigen – zweifellos!

Kann dabei etwas anderes herauskommen als eine stark gestörte Beziehungsfähigkeit? Als Papst hält man es nur mit anderen Päpsten zusammen aus. So kann man Gemeinschaft und entspanntes Miteinander nur in seiner frommen Bezugsgruppe finden, deren Irrtümer und Betriebsblindheit über jeder Kritik stehen.

Wäre es nicht besser, das päpstliche Getue zu lassen und sich wie ein Kind bescheiden neben den anderen zu stellen? Wie soll denn anders ein freundschaftlicher Austausch möglich sein?

Wieviel Wahrheit besitzt man tatsächlich? Wieviel von spiritueller Wahrheit ist im Leben angekommen? Kann man sich darüber ehrlich Rechenschaft geben? Oder ist man darauf dressiert, immer eine dogmatische Antwort zu geben, wo doch der aufmerksame Blick in die Biografie uns viel besser Klarheit geben könnte?

Wem ist es schon aufgefallen? Es gibt wichtige Bibelworte, die in bibeltreuen Kreisen kaum oder gar nicht gepredigt werden,

„Ihr sollt euch nicht Vater, Pastor und nicht nicht Lehrer nennen lassen. Einer ist euer Lehrer, Hirte und Vater im Himmel.“ (Mt 23,4)

Wer spricht darüber in bibeltreuen Kreisen? Niemand. (Die Ausnahme bestätigt die Regel)

„Wir haben uns von allen beschämenden Heimlichkeiten losgesagt. Wir arbeiten weder mit Tricks noch verfälschen wir das Wort Gottes, sondern lehren seine Wahrheit offen und frei.“ (2Kor 4,2)

Wer thematisiert „beschämende Heimlichkeiten“ in bibeltreuen Kreisen? Niemand. (Die Ausnahme bestätigt die Regel)

„Wollt ihr für Gott ungerecht reden und für ihn betrügerisch sprechen? Wollt ihr Partei für ihn ergreifen und für Gott recht haben wollen? Meint ihr, dass er euch prüfen wird? Oder wollt ihr ihn täuschen, wie man einen Menschen täuscht? Er wird euch schwer strafen, wenn ihr heimlich Partei ergreift.“ (Hiob 13,7–10)

Wer warnt davor, für Gott Partei zu ergreifen? Niemand. (Die Ausnahme bestätigt die Regel)

Warum wohl? Gerade die Papstrolle ist unverzichtbar, die möglichst jedes Mitglied gegenüber Außenstehenden einnehmen soll. Auch die Hierarchie ist unverzichtbar, denn der Pastor mit seiner theologischen Bildung, selbst wenn sie nur eine pseudo -geistliche Bildung ist, ist der dogmatische Filter für alles, was in der Gemeinschaft gelehrt werden darf. Und die Fragen nach Mängeln in der bibeltreuen Theologie und die Überprüfung an der Biografie ist vollends tabu – und als Beleidigung aller Gutwilligen in der Glaubensgemeinschaft zu sehen.

Man versuche einmal das Thema „Bibelunterricht und seelische Gesundheit“ in einer evangelikalen Gemeinde in angemessenem Umfang zu thematisieren: fromme Erpressung, Kompromisse mit Werkgerechtigkeit, unseriöse Spendenwirtschaft, unlautere Werbung durch fromme Übertreibung, Tabuisierung notwendiger Rechenschaft, frommer Personenkult und narzisstische Fehlentwicklungen usw. usf. Stelle selber fest, wieviel Interesse da ist, verletzbare Menschen vor solchen Gefährdungen zu bewahren.

Du wirst erstaunt feststellen, wie bequem sich diese Themen mit ein paar Propagandaphasen vom Tisch wischen lassen. Denn das fromme System mit dem Leitspruch „Alles bleibt wie es ist“, hat sich bewährt, insbesondere für die Arbeitsplatzsicherheit und für leicht verdientes Einkommen in der Hierarchie.

Insbesondere das Dogma einer fehlerlosen Bibel hat sich für die Hierarchie als sehr lukrativ erwiesen. Evangelikale Hochschulen, Bibelvereine, Medien- und Bildungsanstalten usw bieten viele gutbezahlte Pöstchen für ein Heer von Minipäpsten, die sich der Aufgabe widmen, das Bemühen um Nachprüfung in einem Schwall gefälliger Nachplapperei zu ersticken.

Und dabei ohne den geringsten Beweis! Auch wenn die Bibel von der Vollkommenheit des Gotteswortes redet (Ps19, 2), woher will man denn wissen, ob diese Aussage im mathematischen Sinn einen Wahrheitsgehalt von 100% meint und als unerschütterliches Fundament einer Dogmatik dienen soll oder ob es nicht vielmehr als das Lob eines Liebenden gemeint ist, der über vergleichsweise kleine Mängel des Geliebten hinwegsieht. Warum dürfen wir nur das Erste denken? Bloß weil es eine gut bezahlte Theologenkaste fordert?

Fast jeder der Artikel der ersten Chicago-Erklärung zur Fehlerlosigkeit der Bibel lässt sich leicht anhand von Gegenbeispielen widerlegen. Und weil das so ist, deswegen ist auch eine offene Diskussion darüber nicht erlaubt. Die frommen Päpste wissen ganz genau, dass sie diese Diskussion haushoch verlieren würden.

Also arbeitet man mit faulen Tricks: auf Gläubige, die unerwünschte Fragen stellen, wirkt man mit Unfreundlichkeit und latenter Aggression ein, man ist bemüht ihnen zu signalisieren, dass sie in der Glaubensgemeinschaft überflüssig sind.

Mit der Lüge geht es weiter auf höchster Ebene. Um eine Prüfungsberechtigung zu erlangen, müssen evangelikale theologische Hochschulen dem Staat gegenüber glaubhaft machen, dass auch andere Sichtweisen als die Chicago-Erklärung diskutiert werden dürfen. Die Wahrheit? Nein? Intern in der Pfarrerausbildung wird es vielleicht (als nebensächlich) erwähnt, aber die Gemeinden erfahren davon nichts. Bis heute ist es in evangelikalen Gemeinden nicht bekannt, dass der Hebräerbrief mit seiner Androhung endgültiger Verdammung schon zu Lebzeiten – ungeachtet tätiger Reue ! – immer wieder Christen psychisch krank gemacht hat und deshalb bis ins 6 Jahrhundert in der Christenheit umstritten geblieben war. Der Beweis der Schädlichkeit ist sehr einfach zu führen.

Da der Hebräerbrief jedoch heute ohne Rücksicht auf die Erkenntnisse der Seelsorge in der evangelikalen Glaubensgemeinschaft auch in seine riskanten Teilen als 100% fehlerlos und inspiriert gelten soll, unterbleibt die Aufklärung über das gesundheitliche Risiko in den Gemeinden. Zwar hat es Martin Luther schon vor 500 Jahren festgestellt, aber die christliche Gemeinschaft hat sich mit einer 500jährigen Ignoranz gut eingerichtet. Eine Warnung könnte ja Einbußen an Beliebtheit und an Spenden zur Folge haben. Deswegen wird geschwiegen und deswegen werden auch heute noch immer wieder Christen krank, sofern sie in einer strenggläubigen Fasson sozialisiert worden sind. Eine krasse Verletzung der Sorgfaltspflicht! Die einen kassieren, die anderen vegetieren. Und so bleibt es! Niemanden stört es. Dabei wäre es leicht vermeidbar.

Das ist der Preis der notorischen Unehrlichkeit, dass man bei  den wichtigsten Fragen aneinander vorbei redet, dass man Verantwortung und Wahrheitsliebe heucheln muss und dass der Hierarchie dann nur noch aufgegeben bleibt, eine Gemeinschaft mit frommer Rhetorik abwechslungsreich zu unterhalten bzw. ihnen Sinngefühle mittels Aktionismus zu vermitteln.

Wenn man den ersten Knopf des Hemdes falsch zuknöpft, dann wird auch der letzte Knopf falsch plaziert sein. Wenn ein Christ  den Selbstbetrug und die Manipulation schon bei der wichtigsten Frage gebraucht, wie man die Bibel lesen und verstehen soll, anstatt den Qualitätsvergleich verschiedener Sichtweise zuzulassen (bibelbrillen.de), dann muss er sich nicht wundern, wenn er zu guter Letzt nur etwas sehr Wackliges erntet, dass er mit Gewissheit zu verwechseln gewohnt ist.

Ein Blick in Biografien würde genügen. Dietrich Bonhoeffer, C.S.Lewis und vielen anderen Persönlichkeiten der Christenheit wurde ein fester belastbarer Glaube und Glaubensfreude geschenkt, ohne dass sie dazu die Wahnvorstellung einer fehlerlosen Bibel brauchten. Bibeltreue Christen indes haben einen großen Kult um den Buchstaben gemacht, der in sich doch nur die Kraft hat, zu töten (2Kor 3,6) Wenn buchstabenhörige Christen nur diesen Buchstaben blind und fanatisch verehren, so haben sie damit nur die Hülle, aber noch lange nicht den Inhalt gewonnen. Man hat auf diese Weise noch immer nichts von der Freiheit des Christen (Gal 5,1) verstanden. Denn – wie sehr leicht zu sehen – man ja noch nicht einmal die Freiheit, mit sich und anderen ehrlich zu sein.