Der Sog der Tradition

Glaubensanfänger durchschauen selten, dass die Glaubensüberzeugung, die sie von ihrer Glaubensgemeinschaft  gutgläubig eins zu eins übernommen haben, weiterer Überprüfung bedarf. Der Gefühlsrausch des Bekehrungserlebnis wird sehr oft als Beweis für die Richtigkeit der dogmatischen Anschauungen betrachtet. Was so schöne Gefühle verursacht, Gefühle, die man bisher noch nie kannte, dass kann doch nur von Gott selbst kommen.

Die emotionale Intensität des Bekehrungserlebnisses können jedoch die wenigsten Gläubigen festhalten.  Um so mehr versucht man sie wiederherzustellen, wobei das Festhalten an den dogmatischen Vorgaben der Glaubensgemeinschaft das beste Mittel dafür zu sein scheint.

Eine nachhaltige Störung der Gefühlswelt kann durch Erfahrungsberichte, durch destruktive eigene Erfahrungen, durch unangenehme historische Tatsachen, oder auch durch schwer verdauliche Bibelstellen, von denen man anfangs noch nichts wusste, zustande kommen.

Anlässlich des 500ten Lutherjubiläums wurde in vielen christlichen Gemeinden Martin Luther als großes Glaubensvorbild präsentiert.  Dass er in vielen Punkten ein solches Vorbild war, ist unbezweifelbar. Nicht zuletzt ist sein großes Verdienst sein mutiges Eintreten für die Gewissensfreiheit des einzelnen Menschen und sein Recht, die Bibel in seiner Muttersprache zu lesen und auf dieser Grundlage Verfälschungen der Glaubenslehre abzuwehren.

Dessen ungeachtet gibt es gerade im zweiten Teil seiner Biografie, wo er als Berater der Fürsten große Macht erlangte, schreckliche Fehlentscheidungen bei ihm, indem er diese Macht zu Unrecht gegen konkurrierende Prediger, gegen Juden, gegen Bauern einsetzte, sodass es zu viel sinnlosem Blutvergießen kam. Auch den Hexenwahn hat Luther in vermeintlicher Glaubenstreue unterstützt, sodass lutherische Prediger ihrerseits wenig oder gar nicht gegen die Verfolgung denunzierter Frauen zu tun wagten.

Als ich den Pastor einer großen Gemeinde bat, die Gemeinde auch auf diese dunklen Seiten hinzuweisen, weigerte sich dieser mit den Worten, er könne das der Gemeinde nicht zumuten. Über die dunklen Seiten des Reformators wurde die Gemeinde dann möglicherweise durch weltliche Medien informiert.

Dieses allgemein akzeptierte Verhalten hat einen missionarischen Effekt, den der Pastor nicht erkennt. Die Welt erkennt, dass Christen ein Problem mit Ehrlichkeit haben, dass sie entschlossen sind, das Interesse an wahrheitsgemäßer Berichterstattung ihrem religiösen Gefühlsgenuss zu opfern.

Eins ist doch klar: wenn Christen immer so waren, immer einen Hang zur Halbwahrheit hatten, was können wir dann wirklich über Jesus, über die Auferstehung und die Urgemeinde wissen? Gar nichts!   Wenn in der christlichen Tradition die Wahrheitsliebe kein hoher Wert ist, ist es nicht dann wahrscheinlich, dass Christen von Anfang an ihre kindische Neigung zu frommen Illusionen kultiviert haben? Dann war die Auferstehung also höchstwahrscheinlich auch nur ein frommes Märchen – erzählt mit der Absicht, fromme Gefühle und Illusionen zu genießen. Tatsächlich? Man könnte es vermuten, wenn man die fragwürdigen Praktiken von Predigern heutzutage sieht. Lasst uns fromme Illusionen pflegen, das war die inoffizielle Botschaft des Pastors. Auf dass wir alle schöne Gefühle haben.

Wie groß die traditionelle Neigung ist, mit bestem Gewissen und guten Gefühlen an der Wahrheit vorbei zu predigen, lässt sich an dem Buch „Gefoltert für Christus“ von Richard Wurmbrand demonstrieren. Es enthält eine völlig gottlose Passage, die trotz Hunderttausenden von Lesern auch in der 19. Auflage noch nicht berichtigt worden ist. (Details siehe im Artikel „Frommer Heldenwahn„). Sie hat offensichtlich niemanden je gestört.

Wir Christen sollten eigentlich die Bedeutung der Wahrheitsliebe für die Überzeugungskraft erkennen können. Sofern uns die Qualität und Echtheit des Glaubens ein Anliegen ist, wäre es da nicht konstruktiver, sich von jeglicher Dogmatik, die bevormundend mit unfehlbarer und unverbesserlich päpstlicher Attitüde auftritt, fernzuhalten? Besser wäre es, das Gebot der ältesten Texte des Neuen Testamentes zu beachten, die Gläubigen das Recht zusprechen, alles am Geist des Ur-Evangeliums zu prüfen (Gal 1 + 2 / 1Thess 5,21). Eine Qualitätsdiskussion, ein sachlicher Vergleich von Stärken und Schwächen konkurrierender Auffassungen muss erlaubt sein, ohne durch Denkverbote erstickt zu werden, die nur auf emotionaler Empfindlichkeit beruhen. Wir dürfen unseren Mitchristen, die anders denken als wir, bis zum Beweis des Gegenteils, gute Motive unterstellen.