In der jüdischen Auslegungstradition werden die Schriften des Alten Testaments gewöhnlich nicht isoliert gelesen, sondern im Rahmen einer jahrhundertelangen Auslegung und Diskussion in der Glaubensgemeinschaft verstanden. Viele Texte werden dabei im Licht anderer biblischer Aussagen, historischer Erfahrungen und ethischer Grundüberzeugungen ausgelegt.
Einige Texte des Alten Testaments stehen in einem Spannungsverhältnis zu denjenigen Ideen, die die jüdische Tradition zu einer der wichtigsten Quellen der Menschenwürde gemacht haben. Gerade deshalb ist es wichtig, die jüdisch-christliche Überlieferung weder durch eine unkritische Idealisierung noch durch eine Konzentration auf einzelne problematische Texte zu beurteilen.
Wer die Geschichte insgesamt betrachtet, erkennt eine bemerkenswerte Entwicklung: In einer Welt, die von Menschenopfern, Sippenhaft, uneingeschränkter Herrschaft, Willkürjustiz und massiver sozialer Ungleichheit geprägt war, entstanden im Judentum Vorstellungen, die ihrer Zeit weit voraus waren. Die Gottebenbildlichkeit jedes Menschen, die Begrenzung von Macht durch das Gesetz, der Schutz von Witwen, Waisen, Armen und Fremden, die Einschränkung der Schuldsklaverei, die Kritik an Königen und die Forderung nach Gerechtigkeit für alle Gesellschaftsschichten gehören zu den wirkungsmächtigsten Ideen der Menschheitsgeschichte.
Gerade deshalb stellt sich die Frage, wie jene wenigen Texte zu verstehen sind, die scheinbar im Gegensatz zu dieser Grundrichtung stehen. Werden sie ohne jede Differenzierung als unmittelbarer Ausdruck von Gottes zeitlosem und vollkommenem Willen betrachtet, droht ausgerechnet das verdunkelt zu werden, was die jüdische Tradition für die Entwicklung der Menschenwürde so wertvoll gemacht hat.
In der Geschichte wurden einzelne Bibelstellen wiederholt zur Rechtfertigung von Gewalt, Ausgrenzung und Unterdrückung herangezogen. Viele Menschen fragen sich deshalb, wie die Verkündigung eines barmherzigen Gottes mit Texten vereinbar sein soll, die auf den ersten Blick einen anderen Eindruck vermitteln. Werden solche Fragen nicht zugelassen, entsteht leicht der Eindruck, dass bestimmte Widersprüche nicht untersucht, sondern lediglich verteidigt werden sollen.
Für viele bibelkundige Nichtchristen liegt das eigentliche Hindernis daher nicht in der Existenz schwieriger Texte, sondern in der Erfahrung, dass berechtigte Fragen manchmal mit Denkverboten beantwortet werden. Wer offensichtliche Spannungen bestreitet, schützt die Glaubwürdigkeit der Bibel nicht unbedingt. Er kann unbeabsichtigt dazu beitragen, dass die einzigartige humanisierende Wirkung der jüdisch-christlichen Tradition übersehen wird.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob problematische Texte existieren. Sie lautet vielmehr: Wie sind sie einzuordnen? Welche Rolle spielen sie innerhalb der Gesamtbewegung der biblischen Überlieferung? Und welches Menschenbild prägt diese Überlieferung insgesamt?
Die Bedeutung der jüdischen Tradition für die Geschichte der Menschenwürde lässt sich weder durch einzelne problematische Texte widerlegen noch durch ihre Verharmlosung verteidigen. Sie wird sichtbar, wenn man die gesamte Entwicklung betrachtet: die Überzeugung, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, dass Macht begrenzt werden muss, dass auch Fremde und Schwache Würde besitzen und dass Gerechtigkeit wichtiger ist als Stärke.
Darum stellt sich die Frage: Wie könnte ein glaubwürdiger und verantwortbarer Umgang mit der Bibel aussehen? Wäre es hier nicht hilfreich, wenn Gläubige ermutigt würden, Stärken und Schwächen unterschiedlicher Bibelauffassungen („Bibelbrillen“) 1 offen miteinander zu vergleichen – nicht um die Heilige Schrift abzuwerten, sondern um ihrem Anspruch gerecht zu werden und ihr Anliegen klarer zu verstehen und weiterzugeben?
Immer wieder haben sich bedeutende christliche Denker nach intensivem Bibelstudium für einen reflektierten Umgang mit der Schrift eingesetzt. Sie waren überzeugt, dass die Wahrheit Gottes keine Abschirmung vor kritischen Fragen benötigt und dass christlicher Glaube nicht von Denkverboten, sondern von Vertrauen lebt. Zu ihnen zählen Dietrich Bonhoeffer, C. S. Lewis, N. T. Wright, Dallas Willard, John Ortberg und Martin Luther.
Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) war ein lutherischer Theologe und profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche. Er war am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. Er lehnte christliche Religiosität ab.
Ein religiöser Glaube lebt oft von der Angst, etwas zu verlieren, Angst, dass der Glaube zerbricht, Angst, dass Gott verschwindet, wenn die Bibel nicht perfekt ist, Angst, Gott zu enttäuschen, Angst, nicht „bibeltreu“ genug zu sein, Angst vor der Gruppe, vor ihrer Kontrolle, vor dem Verlust an Wertschätzung. Christlicher Glaube lebt vom Vertrauen, getragen zu sein. Angst sucht Sicherheit. Glaube findet Geborgenheit. Deshalb muss sich christlicher Glaube schwierigen Fragen nicht entziehen.
Ein religiöser Glaube ist wie ein enger Käfig. Bonhoeffer kritisiert, dass religiöse Systeme Menschen klein halten, indem sie ihnen ständig sagen: du bist schuldig, du musst dich rechtfertigen, du musst dich bewähren, du musst dich anpassen. „Die Religion hält den Menschen in der Unfreiheit. … „Sie lebt davon, dass der Mensch sich fürchtet.“ 2
Bonhoeffers Ethik, insbesondere seine Sexualethik, ist nicht die Folge einer Angst vor Sünde 3, Angst vor Gott, Angst vor der Gemeinde, Angst, nicht rein genug zu sein. Er begründet sie immer mit: Verantwortung für das Wohl des anderen, mit Wahrhaftigkeit, mit konkreter Liebe und mit Christus als Mitte des Lebens.
Etliche Gläubige fürchten: Wenn die Bibel nicht fehlerlos ist, fällt der ganze Glaube auseinander. Aber Bonhoeffer dreht genau diesen Gedanken um. Wenn die Bibel nur dann wahr ist, wenn sie fehlerlos ist, dann ist der Glaube zerbrechlich. Er klammert sich an ein Fundament, das leicht ins Wanken gerät, wenn offene Fragen oder Spannungen in den biblischen Texten nicht wahrgenommen werden dürfen.
Der Glaube an den lebendigen Christus entstand nicht, weil ein Buch es sagt. Er entstand, weil eine Gemeinschaft ihn erfahren hat. Die Bibel ist nicht der Ursprung des Glaubens. Sie ist die Niederschrift eines bereits existierenden Glaubens.
Das heißt: Die Gemeinde war zuerst da. Die Erfahrung war zuerst da. Die Begegnung war zuerst da. Die Texte kamen später.
Die ersten Christen glaubten an Christus, bevor auch nur ein einziges Evangelium geschrieben war. Viele Menschen kamen zum Glauben, bevor sie jemals einen Bibeltext gelesen hatten – durch die Begegnung mit Menschen, die von Christus Zeugnis gaben.
Nicht die Fehlerlosigkeit der Bibel trägt den Glauben, sondern Christus selbst. Wenn Christus trägt, dann ist der Glaube nicht zerbrechlich, sondern frei. Glaube ist Freiheit, weil Christus trägt. Mut kommt nicht aus Sicherheit, sondern aus Geborgenheit. Es ist nicht der Buchstabe, sondern Christus selbst, der heute unsichtbar gegenwärtig ist und ruft: „Liebe. Handle. Übernimm Verantwortung.“
C. S. Lewis (Clive Staples Lewis, 1898–1963) war ein irisch‑britischer Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und einer der einflussreichsten christlichen Apologeten des 20. Jahrhunderts. C. S. Lewis hat das Fehlerlosigkeitsdogma (Inerranz) klar und mehrfach zurückgewiesen – nicht in einem systematischen Buch, sondern in Briefen und Essays, besonders in seinem Brief an Clyde S. Kilby (7. Mai 1959) Er nennt konkrete Fehler oder Spannungen in der Bibel, die jede Inerranz ausschließen. In seinem Essay „Modern Theology and Biblical Criticism“ schreibt er: „Es ist Christus selbst, nicht die Bibel, der das wahre Wort Gottes ist.“
Immer wieder haben sich hochangesehene christliche Theologen, Philosophen und Seelsorger kritisch gegenüber der Vorstellung geäußert, die Autorität der Bibel hänge davon ab, dass jedes Detail fehlerlos sein müsse. Sie unterschieden sich in vielen Fragen, waren sich jedoch in einem Punkt erstaunlich einig: Der christliche Glaube ruht letztlich nicht auf einer Theorie über die Bibel, sondern auf Jesus Christus.
Nicholas Thomas Wright (1948-) gehört zu den bedeutendsten neutestamentlichen Gelehrten der Gegenwart. Er betont die Inspiration und Autorität der Bibel, lehnt aber das moderne „Alles-oder-Nichts-Modell“ vieler Inerranzvertreter ab. Das fundamentalistische Modell („Alles‑oder‑Nichts“) behaupte: Entweder ist die Bibel in jedem Detail fehlerlos – oder sie ist wertlos. Wenn ein Detail nicht stimmt, bricht das ganze Gebäude zusammen.
Wright sieht die Gefahr, dass sich Christen zunehmend mit der Verteidigung einzelner Details beschäftigen, während die eigentliche Botschaft der Schrift aus dem Blick gerät. Die ständig wiederkehrenden Fragen lauten dann: Ist jede Zahl exakt? Stimmt jede Chronologie? Lässt sich jede Spannung harmonisieren? Kann jede Einzelheit historisch bewiesen werden?
Nach Wright stellt die Bibel diese Fragen jedoch selbst gar nicht in den Mittelpunkt. Ihr Anliegen besteht vielmehr darin, die große Geschichte Gottes mit Israel und der Welt zu erzählen und die Herrschaft Christi sichtbar zu machen: Jesus ist Herr. Nicht Caesar. Nicht der Staat. Nicht Geld. Nicht Ideologien. Nicht religiöse Systeme.
Das fundamentalistische Modell macht diese Botschaft unsichtbar. Das Evangelium wird: defensiv, intellektuell, apologetisch, statisch, unpolitisch, unkonkret. Wright befürchtet, dass eine permanente Verteidigung der Fehlerlosigkeit der Bibel enorme geistige Energie bindet. Statt von Nachfolge, Gerechtigkeit, Nächstenliebe und dem Reich Gottes handeln zu lassen, dreht sich die Diskussion dann um Harmonisierung, Fehlerabwehr und theoretische Absicherungen.
Die Frage lautet dann nicht mehr: „Wie verändert die Bibel mein Leben?“ sondern: „Wie verteidige ich die Bibel gegen Einwände?“
Dallas Willard (1935–2013), war ein evangelikaler Vordenker und einer der einflussreichsten Autoren zur geistlichen Transformation im 20./21. Jahrhundert. Er war auch ein professioneller Philosoph, spezialisiert auf Edmund Husserl, den Begründer der Phänomenologie. Phänomenologie bedeutet: Wahrheit zeigt sich in Erfahrung, nicht in abstrakten Systemen. Man muss die Dinge so nehmen, wie sie sich zeigen, nicht wie ein System sie definieren will. Man beobachtet und beschreibt – anstatt anderen vorzuschreiben, welche Fakten zu ignorieren sind und welche nicht.
Für Willard besitzt die Bibel höchste Autorität, weil sie Menschen in die Nachfolge Christi führt und eine Begegnung mit Gott ermöglicht. Er warnte jedoch vor einem Bibelverständnis, das sich überwiegend auf die Verteidigung theoretischer Lehrsysteme konzentriert.
Das Ziel der Bibel ist für ihn nicht in erster Linie Information, sondern Transformation. Der Mensch soll nicht bloß richtige Sätze glauben. Er soll verändert werden. Er soll lernen zu lieben. Er soll lernen zu vergeben. Er soll lernen, als Bürger des Reiches Gottes zu leben. Willard kritisierte sowohl konservative als auch liberale Verkürzungen des Christentums. Beide Seiten könnten den Blick für das Wesentliche verlieren: die tatsächliche Nachfolge Jesu. Für ihn lautet die entscheidende Frage nicht: „Ist jeder Satz perfekt?“ Sondern: „Führt mich die Schrift in eine echte Beziehung zu Christus hinein?“
John Ortberg Junior (1957-) Der evangelische Theologe verbindet christliche Spiritualität, Psychologie und Erkenntnisse über seelische Gesundheit. Eine seiner bekanntesten Beobachtungen lautet: „Du kannst geistlich nicht gesund sein, wenn du emotional krank bist.“ 4 Ortberg betont deshalb die innere Verwandlung des Menschen. Nicht selten leben Menschen nach falschen, inneren Geschichten:
Ich bin nicht gut genug.
Ich muss mir Gottes Liebe verdienen.
Ich darf keine Fragen stellen.
Ich darf keine Zweifel haben.
Das Evangelium bietet nach Ortberg eine neue, heilende Geschichte an: Du bist von Gott geliebt. Daraus entsteht Freiheit. Ortberg nutzt geistliche Übungen, damit sich alte Muster im Denken und Fühlen verändern.
Ortberg sieht die Bibel deshalb nicht in erster Linie als fehlerloses Nachschlagewerk, sondern als Werkzeug Gottes, das Menschen in eine lebensverändernde Beziehung mit Christus führt.
Wichtige Werke: Hüter meiner Seele. Ordne die verborgene Welt deiner Seele – sie ist das Wertvollste, das du hast (2015), Die Ewigkeit ist jetzt. Warum wir nicht erst sterben müssen, um den Himmel zu erleben: eine Einladung zu einem erfüllten Leben. (2019). Du bist frei, anders zu leben. Schritt für Schritt zu einem authentischen Leben, echter Gemeinschaft und einer tiefen Beziehung zu Gott. (2025)
Wichtige Werke: Hüter meiner Seele. Ordne die verborgene Welt deiner Seele – sie ist das Wertvollste, das du hast (2015). Die Ewigkeit ist jetzt. Warum wir nicht erst sterben müssen, um den Himmel zu erleben: eine Einladung zu einem erfüllten Leben (2019).
Martin Luther (1483–1546) gilt als Auslöser der Reformation, die zur Entstehung der evangelischen Kirchen führte und die europäische Geschichte tiefgreifend veränderte.
Der Reformator Martin Luther besaß ein außerordentlich hohes Schriftverständnis, las die Bibel jedoch nicht als eine Sammlung gleichgewichtiger Aussagen. Sein berühmtes Kriterium lautete:
„Was Christum treibet, das ist die rechte Schrift.“ (WA 7, 97)
Damit machte Luther Christus selbst zum Maßstab der Schriftauslegung. Für ihn waren nicht alle Texte gleichermaßen wichtig. Entscheidend war die Frage: Führt dieser Text zu Christus?
Deshalb unterschied Luther deutlich zwischen zentralen und weniger zentralen Schriften. Sein Maßstab war nicht: „Steht es in der Bibel?“ sondern: „Zeugt es klar von Christus?“
Damit stellte Luther die Person Jesu über ein mechanisches Verständnis von Schriftautorität. Deshalb bewertete Luther die biblischen Bücher unterschiedlich:
Johannesevangelium, Paulusbriefe und 1. Petrus galten ihm als die wichtigsten Schriften des Neuen Testaments.
Dem Jakobusbrief begegnete er deutlich kritischer. Er bezeichnete ihn als „stroherne Epistel“, weil er meinte, dort werde die Rechtfertigung aus Gnade nicht mit derselben Klarheit verkündigt wie in den Paulusbriefen. Luthers Reaktion wird verständlicher, wenn man seine Lebensgeschichte kennt. Als Mönch hatte er alles getan, was die Kirche seiner Zeit verlangte: Fasten, Beichte, Buße, Gebet und Askese. Dennoch fand er keine Gewissheit, von Gott angenommen zu sein. Seine zentrale Entdeckung bestand darin, dass der Mensch nicht durch religiöse Leistungen gerecht wird, sondern allein durch Gottes Gnade. Darum wurde für Luther die Frage entscheidend: Kann ein Mensch jemals sicher wissen, ob er genug getan hat? Seine Antwort lautete: Nein. Wenn Erlösung auch nur teilweise von menschlicher Leistung abhängt, bleibt der Mensch nach Luther zwangsläufig in Angst und Unsicherheit gefangen. Befreiung gibt es deshalb nur dort, wo Gottes Annahme als Geschenk verstanden wird und nicht als Verdienst des Menschen (Röm 3,21-24; Röm 4; Gal 2-3; Eph 2,8-9; Tit 3,5). Vor diesem Hintergrund las Luther Jakobus 2,24: „So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird und nicht durch Glauben allein.“
Dieser Vers erschien ihm wie ein Rückfall in jene Werkgerechtigkeit, aus der ihn das Evangelium befreit hatte. Heute weisen viele Ausleger allerdings darauf hin, dass Jakobus und Paulus unterschiedliche Probleme behandeln: Paulus bekämpft die Vorstellung, man könne sich Gottes Annahme verdienen; Jakobus wendet sich gegen einen bloß theoretischen Glauben ohne praktische Konsequenzen. Die Spannung bleibt, muss jedoch nicht zwangsläufig ein Widerspruch sein.
Auch dem Hebräerbrief begegnete Luther mit Vorbehalten. Einige Passagen erschienen ihm schwer mit der bedingungslosen Gnade Gottes vereinbar. Besonders die Warntexte können bei manchen Christen Angst vor einem endgültigen Verlorengehen auslösen. 5 Judas und Offenbarung begegnete Luther mit erheblicher Zurückhaltung, weil er ihren christologischen Ertrag geringer einschätzte als den des Johannesevangeliums oder der Paulusbriefe.
So verschieden Bonhoeffer, Lewis, Wright, Willard, Ortberg und Luther auch waren, ihre Kritik weist in dieselbe Richtung: Die eigentliche Gefahr für den christlichen Glauben besteht nicht darin, schwierige Fragen zu stellen. Die eigentliche Gefahr besteht darin, eine bestimmte Theorie über die Bibel mit dem Glauben selbst zu verwechseln.
Wenn Christen den Eindruck vermitteln, jede problematische Stelle müsse um jeden Preis verteidigt werden, geraten sie leicht in einen Abwehrmodus. Die Diskussion kreist dann um die Verteidigung des Textes statt um die Botschaft des Textes. Gerade dadurch entsteht bei vielen Außenstehenden der Eindruck, Christen nähmen offensichtliche moralische Probleme nicht ernst.
Die genannten Autoren schlagen einen anderen Weg vor: Nicht die Angst vor offenen Fragen soll den Umgang mit der Bibel bestimmen, sondern das Vertrauen darauf, dass die Wahrheit Gottes einer ehrlichen Prüfung standhält. Denn letztlich trägt nicht die Fehlerlosigkeit einer Bibeltheorie den Glauben, sondern Jesus Christus selbst. Seine Bedeutung wird nicht dadurch kleiner, dass Christen schwierige Texte offen diskutieren. Im Gegenteil: Erst dann kann sichtbar werden, welche befreienden Impulse die jüdisch-christliche Tradition der Menschheit tatsächlich geschenkt hat.
1 Details siehe: bibelbrillen.de
2 Dietrich Bonhoeffer, Ethik. DBW 6, hrsg. v. Ilse Tödt u. a., Gütersloh 1992, S. 52–56.
3 Zur angstbesetzten Sexualmoral siehe den Essay „Unnötig schwere Lasten“ (matth2323.de/broschueren, dort Essay Nr. 4)
4 Zu krankhaften Glaubensvorstellungen siehe im Detail: matth2323.de/seelische-gesundheit/
5 Details siehe: hebraeerbrief.de
