Christen sind dafür bekannt, dass sie ihren Glauben gerne bezeugen. So ein Zeugnis kann sehr wertvoll sein, wenn es Menschen ermutigt sich und ihr Leben Gott anzuvertrauen. So mancher blickt dankbar auf die Begegnung mit einem Menschen zurück, der ihm einen ganz neue Perspektive eröffnete.
Ein Zeugnis ist aber nicht automatisch hilfreich, besonders wenn die Motive dafür unsauber d.h. egozentrisch sind. Im Beitrag zur Gruppendynamik wird das problematische Motiv genannt, Heilsunsicherheit durch ein Bekenntnis abzubauen.
ln manchen Glaubensgemeinschaften ist es üblich, dass Wundererfahrungen als typisch für das Christenleben angesehen werden. Von Gläubigen mit Führungsfunktionen wird es geradezu als Beweis der Gegenwart des Heiligen Geistes erwartet. Auch das Reden in der Engelsprache („Zungenreden“) zählt zu den Beweisen für eine Wirkung , über die der Mensch, der den Heiligen Geist nicht hat, nicht verfügt (vgl. Apg 19,1-6).
Der Umkehrschluss in manchen Glaubensgemeinschaften ist naheliegend: wer diese Gabe nicht hat, hat auch den Heiligen Geist nicht. „Wer aber den Geist Christi nicht hat, der ist nicht sein“ (Röm 8,9). Das heißt er gehört nicht zu Christus. Christus bekennt sich nicht zu ihm im Gericht (Mt 10,32). Und dann? Ewige Hölle? Es wird empfohlen, in ernstem Ringen und Beten mit viel Tränen Gott anzuflehen, bis man selbst auch diese Gabe empfängt, die allen anderen Gewissheit gibt.
Wenn sie ausbleibt, dann scheint ja wohl irgendwo ein ernsthaftes Hindernis vorzuliegen. Eigentlich gibt ja Gott gerne: „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten„ (Luk 11,13)! Wenn Gott eigentlich gerne jedem gibt, aber nichts kommt, was könnte der Grund dafür sein? Es könnte vielleicht eine Sünde sein, die der Betroffene heimlich betreibt. „Siehe, des HERRN Arm ist nicht zu kurz, dass er nicht helfen könnte, und seine Ohren sind nicht taub geworden, sodass er nicht hören könnte, sondern eure Verschuldungen scheiden euch von eurem Gott, und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch, dass ihr nicht gehört werdet“ (Jes 59,1-2).
Kann dieser Prozess in der Seele des Gläubigen in einer konstruktiven Weise weitergehen? Folgendes ist denkbar bzw. sogar wahrscheinlich: Sofern der Gläubige auf den Heilsbeweis des Zungenredens nicht verzichten will, wird er sein Gewissen immer weiter und immer skrupelhafter durchforschen, um auch noch die kleinste Unvollkommenheit zu beichten. Es ist vorhersehbar, dass das nicht gelingt, denn kein Mensch ist vollkommen. Stattdessen steigt der Stress mit Selbstvorwürfen und Gottverlassenheit immer weiter.
Ein anderer Ausweg wäre das Drauflosplappern unverständlicher Silben, um dazu zu gehören, und um die quälende Frage, ob man wirklich dazu gehört, zu verdrängen. Ob man hier jemals die Eigenschaft erwirbt, zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit zu unterscheiden, ist fraglich. Man darf diesen Gedanken ja gar nicht an sich heranlassen. Man trifft immer wieder Aussteiger, die bekennen, dass sie diese Unaufrichtigkeit jahrelang belastet hat, bis sie sich eines Tages entschlossen, die Gruppe ganz zu verlassen.
Die dritte Möglichkeit wird gerne verschwiegen: der Weg in die Psychiatrie. Menschen sehen sich von Gott verlassen, weil sie eben keine Zungenrede sprechen können, keine wunderbare Begegnungen mit Engeln, keine direkten Eingebungen des Heiligen Geistes aufzuweisen haben. Sie sitzen in der Trostlosigkeit einer vermeintlichen Gottverlassenheit fest, abgelehnt von einem Gott, der wie ein Vater allen anderen gerne gibt.
Sie werden es vielleicht nie erfahren, dass ihr trauriges Schicksal das Resultat einer gewohnheitsmäßig betriebenen religiösen Übertreibung ist, das Resultat eines undisziplinierten Dranges zu religiöser Selbstdarstellung, die unausbleibliche Folge eines chronischen Desinteresses an der Aufgabe, zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit zu unterscheiden. Wie sollen sie es erfahren? Kritik ist in diesen Kreisen nicht erwünscht. Sie stören das Image und die Identität der Gruppe.
